Ausgabe 
10.10.1886
 
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Schweigen Sie, oder ich zerbreche Ihnen jedes Glied Ihres Körpers, drohte der Hauptmann, den Rauch noch immer eisenfest hielt, während ein paar Herren aus der Gesellschaft sich schützend vor den Spiritisten drängten. Dieser zeigte jedoch einen anerkennens werthen Muth; ohne sich einschüchtern zu lassen, fuhr er fort:

Sie leugnen noch, mein Herr von Soden, das ist stark; Sie drohen mir, ich bin ein Gentleman, wissen Sie, und lasse das nicht ungestraft hingehen. Erst zwingen Sie mich, der jungen Dame zu Füßen zu fallen und ihr eine Liebeserklärung zu machen, und nun leugnen Sie den Einfluß und wollen sich an mir vergreifen. Ich stehe zu Diensten, aber nicht hier im Saal, mein Herr.

Der Spiritist hatte die Binde von den Augen gerissen und stand nun seinerseits mit flammenden Augen vor seinem Gegner, der sich einer gewissen Beschämung wegen seiner Heftigkeit nicht zu erwehren vermochte. Die Situation war auf's höchste gespannt, da fand sie ihre Lösung von einer Seite, von der man dies am wenigsten erwartet hätte; Clarissa von Burg stand auf, näherte sich dem Spiritisten und sagte mit leiser, sanfter Stimme, deren Beben sie vergebens zu bemeistern strebte:

Mr. Barrington, ich muß Sie in meinem Namen und im Namen des Hauptmanns von Soden um Verzeihung bitten, letzterer ist durch den überraschenden Beweis Ihrer hohen Begabung, den Sie uns soeben gegeben, ganz außer sich gebracht worden und hat sich zu Worten hinreißen lassen, die so böse nicht gemeint sind, denn Sie müssen wissen hier sah sie dem erstaunten Hauptmann fest und muthig in's Gesichtwir sind heimlich mit einander versprochen und es konnte uns nicht angenehm sein, daß Sie das Geheimniß so plötzlich preisgaben; da es aber nun einmal geschehen ist, so fügen wir uns, nicht wahr, Friedrich?

Sie reichte dem Hauptmann die Hand, welche dieser mit einem Blick voll Liebe und Dankbarkeit an seine Lippen drückte, dann schüttelte er dem Spiritisten die Hand und ließ nun in Gemeinschaft mit Clarissa den Sturm von Freudenbezeugungen, Glückwünschen und Verwunderungen über sich ergehen. Ein Tusch, den die Musik auf einen Wink der Wirthin blies, stellte endlich die Ruhe her, so daß Mr. Barrington das eigentliche Programm des Abends noch ausführen konnte. Die Augen wurden ihm von neuem verbunden und den Musiker leitend, fand er in der That den Regenschirm nach nur ganz kurzem Suchen.

Die Baronin von Olden empfing mit glückseligem Lächeln die Glückwünsche zu dem großen Erfolge ihrer Soirée, mochte auch Mancher denken, daß ein Regenschirm, der, an einem Kronenleuchter befestigt, in der Mitte eines Saales hänge, eine ungewöhnliche Er⸗ scheinung sei, und daß der Spiritist, dessen Augen kurze Zeit von der Binde befreit gewesen, dies auch gesehen und seine Schlüsse daraus gezogen haben müsse, so war man doch viel zu höflich, um darauf aufmerksam zu machen vielleicht auch zu hungrig. Eine Erörterung darüber hätte leicht das ohnehin schon verspätete Abend essen noch weiter hinausschieben können.

Es war kaum noch nöthig, daß die Abendblätter des nächsten Tages die Verlobung des Hauptmannes von Soden mit Clarissa von Burg verkündeten, das Ereigniß und die dasselbe begleitenden Nebenumstände bildeten schon am Morgen nach dem Feste die Unter⸗ haltung nicht blos in den vornehmen Kreisen der Residenz. Otto von Burg, der sich zum Frühstück bei seiner Mutter einfand und daselbst mit dem neuen Schwager zusammentraf, hörte mit Andacht der Schilderung der merkwürdigen Vorgänge zu und bekannte sich ganz zerknirscht für überwunden, als Clarissa ihn triumphirend fragte, ob er den Spiritismus jetzt noch für Humbug erklären wolle.

Auch der Hauptmann war in der weichen, glückseligen Stimmung, in welcher er sich befand, nicht aufgelegt, seiner Braut den Widerpart zu halten, ein Blick seines Schwagers, den er auffing, war ihm jedoch eine Erleuchtung; er nahm Otto bei Seite und sagte ihm auf den Kopf zu, wer der eigentliche Gedankenleser gewesen sei.

Bist Du glücklich? fragte der Lieutenant statt der Antwort.

Selig! erwiderte Soden.

So frage nicht, auf daß Dir nicht das Schicksal des Lohengrin und aller seiner Leidensgefährten werde, die sich durch die unbefugte Neugier um ihre Seligkeit gebracht haben, scherzte Otto von Burg.

Aber

Nicht sollst Du mich befragen, sang der Lieutenant und ent⸗ fernte sich eilig.

Mr. Barrington hatte großen Zulauf und war während der

ganzen Saison der Held des Tages; es gelang ihm aber doch nicht, eine zweite Verlobung zu Stande zu bringen, so sehnlich manche Mutter und Tochter auf seine Beihilfe gehofft hatten; es kommt eben, wie er achselzuckend erklärte, eine solche Konzentration der Gedanken wie bei dem Hauptmann von Soden doch nur äußerst selten vor.

Lose Blätter.

Zu spät! Der Genremaler A. von Wahl erzählt uns mit dem Pinsel eine gar rührsame Geschichte. Der greise 1 Mann, welcher in zerlumptem Anzuge am Bette seiner entschlafenen Tochter sitzt, wird von der Erkenntuiß zerschmettert, daß er der Gierde nach Gold sein einziges Kind geopfert habe. Während er Schätze sammelte, ließ er sein Haus ver⸗ fallen und veröden, gönnte sich und seinem Kinde nicht die zur Erhaltung der Gesundheit nothwendige Nahrung und opferte dem Moloch des Geizes jede Lebensfreude. Und die Tochter des Geizigen welkte langsam dahin in dem kalten öden Hause, wo der Alte die angesammelten Schätze in festen Koffern und Schränken verbarg. Der Vater sah nicht ihre bleichen Wangen und hohlen

Augen, denn er weidete seine Blicke am Funkeln des Goldes, am Blitzen

kostbarer Juwelen. Dann aber sank das Kind aufs wie Strohlager und in einer furchtbaren Nacht entführte sie der Tod dem freudlosen Dasein. Als die ersten Strahlen der Morgensonne in das öde Gemach fielen, be⸗ leuchteten sie das bleiche kalte Anklitz der Todten. Nun mit einem Male

fiel es wie Schuppen von den Augen des Alten, und er erkannte, wie arg

ihn die Leidenschaft des Geizes verblendet hatte. Um des elenden Mammons willen mußte sein Kind freudlos und traurig dahinleben; weil der Vater von niedriger Habgier beherrscht war, mußte die Tochter verkümmern und ins Grab sinken. Und sie war hold aufgeblüht wie eine weiße Rose und hätte seine letzten Lebenstage schmücken und beglücken können. Nun lag sie

vor ihm verwelkt, gebrochen, todt noch vor der Blüthezeit des Lebens. f

Nun blieb er zurück in der Welt als ein einsamer trostloser Mann und

unter furchtbaren Gewissensqualen, in tiefer Reue hätte er aufschreien mögen:

Bleibe bei mir, ich will anders werden; ich will Dich mit Glanz und Luxus umgeben, will Dich hegen und pflegen! Nun erscheint ihm alles Gold

als werthloser Plunder und er streut Pokale und Goldstücke, Ringe und

Perlschnüre auf die Erde sie alle können ihm nicht ein Lächeln, nicht ein versöhnliches Wort des Kindes zurückkaufen. Wie gern würde er jetzt alle Schätze opfern, könnte er die Verlorene wieder damit ins Leben rufen. Mit Verzweiflung im Herzen muß er sich sagen: Zu spät! R. E.

Das Pferd ursprünglich auch in Amerika verbreitet. Bis vor Kurzem galt es wenigstens als unzweifelhaft, daß das Pferd nur der alten Welt angehöre, da bei der Entdeckung Amerikas der neue Kontinent sich voll⸗ ständig ohne irgend eine Art der Gattung zeigte und das Pferd den Indianern als ein unerhörtes Wunderthier erschien. Die geologische Forschung hat aber auch diese so allgemein geltende Annahme umgestoßen, ja Sir Charles Lyell hat ihr sogar die Hypothese entgegen gesetzt, daß gerade die neue Welt das Schöpfungecentrum der Pferde gewesen sei, weil sich in Amerika in den Schichten der pliocänen und postpliocänen Zeit, also unmittelbar an der Schwelle der geologischen Gegenwart, fast viermal so viel verschiedene Arten des Pferdes gefunden haben, als in sämmtlichen durchsuchten Schichten des alten Kontinents. Die ersten fossilen Pferdereste aus Nordamerika brachte Beechey von den schlammigen Küsten der Ebenholzbai, wo er sie unter versteinerten Mammuth- und Rinderknochen gefunden. In Südamerika kam Darwin zuerst Pferderesten auf die Spur; dann machte Claussen die Ent⸗ deckung der fossilen Pferdeknochen in den Grotten der Minas Gerges, einem brasilianischen Bergwerkedistrikt, und von nun an bäuften sich die Funde. Vor nicht langer Zeit gab Professor Marsh in der National⸗Akademie von Philadelphia Mittheilungen über Pferdereste, welche nahe der Eisenbahn⸗ station Antilope(unweit Omahas) 21 Meter tief beim Brunnengraben ge⸗ funden worden und aus Theilen des Gangwerks bestanden. Die Rasse kann nicht größer als /, höchstens ¼ Meter gewesen sein, weshalb sie Marsh Equus parvulus benennt und sie als die siebzehnte Species versteinerter amerikanischer Pferde brzeichnet. Lyell meint nun, daß vermuthlich eine Einwanderung des Pferdes von dem amerikanischen nach dem asiatischen Festlande stattgefunden habe und dann später erst das Pferd in Amerika ausgestorben sei. Dies Aussterben in Südamerika erklärt er durch ein in Paraguay vorkommendes Insekt, welches seine Eier in die Nabel frisch ge borener Pferde, Rinder und Hunde legt und dadurch deren Tod herbeiführt, sodaß diese Thiere sich in der Wildniß nicht fortzupflanzen vermögen. Das erklärt jedoch nicht, warum das Pferd auch in Nordamerika ausgestorben ist

A. B.

Der Bischof von Worcester, Doktor Hough, besaß ganz ausgezeichnete physikalische Instrumente, unter denen sich auch ein kestbares Barometer befand. Eines Mittags erhielt der würdige und sanfte Geistliche von einem Verwandten Besuch.Setzen Sie sich, lieber Neffe, bemerkte Doktor Hough: Man bringe doch einen Sessel für Mr. Franois. Die Diener 9 0 sich und einer brachte einen Lehnsessel herbei, mit dem er gegen das Baro⸗ meter stieß, daß es herabstürzte. Sogleich ergriff Franois das Wort, um den Diener zu entschuldigen.Ich weiß, begann er,daß lieber Oheim für das Barometer 300 Guineen gezahlt haben.Halt, halt! fiel der Bischof ihm in die Rede:Sprechen wir nicht mehr davon; das Wetter ist bisher sehr trocken gewesen. Wir werden jetzt hoffentlich Regen haben; denn ich habe das Barometer so rasch niemals fallen gesehen. W. G.

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