Ausgabe 
7.11.1886
 
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2358.

i Betrachten, ohne indeß gleich das erste Beste zu wählen!

die Ungerechtigkeit des Schicksals. Sie, die für eine Weile die Macht gehabt hatte, ihn zu beglücken, verlor diese Macht ohne eigne Schuld in dem Augenblick, wo er sie sah. Liebe und Treue waren nichts nichts im Vergleich zur Schönheit. Endlich stammelte sie tonlos: g

Weißt Du es nun, warum ich widerstrebte?

(Fortsetzung folgt.)

Kleine Frauen-Zeitung.

Die Mode.

Wäbrend der September für das Leben der Mode wenig mehr be⸗ deutet als ein interessaͤntes Durcheinander, während er die Industrie mit Kombinationen, die Frau mit Spannungen und Erwartungen unterhält, bringt der Oktober wirklich die neuen Herbst⸗ und Wintermoden zur Er⸗ scheinung.

Wie sich dieselben gestalten, wollen wir

nun heut näher betrachten. Denn die be⸗ treffs ihrer Toilette einsichtsvolle Frau zögert, überlegt, ehe sie die neuen Moden annimmt; sie wartet, bis sie definitiv festgestellt sind, um dann das für sich auszusuchen, was sie gut kleidet, was ihrem Budget entspricht, und was weder gewöhnlich noch excentrisch ist: Klippen, welche klug zu um⸗ gehen man lernen muß.

Und wenn sie die Wahl mit Vorsicht gethan, wenn die verschiedenen Toilettengegenstände für die neue Saison gekauft und angefertigt sind, so beeilt sie sich nicht, dieselben zu tragen und diejenigen zu verschmähen, welche weniger frisch, weniger neu sind. Nein, die vernünftige und sparsame Frau denkt daran, daß der Winter sich lange binziehen kann, daß sie sich nicht noch einmal in derselben Saison ein Straßenkleid, einen Hut ꝛc. an⸗ zuschaffen vermag, und hiernach handelt sie, indem sie den neuen Kleidungs⸗ stücken bis zum Frühjahr hin etwas von ihrem frischen Aussehen bewahrt. Sie trägt bei trübem oder regnerischem Wetter die Anzüge vom vergangenen Jahre und bringt nicht unter einem grauen Novemberhimmel das schmucke Kostüm zur Ach unnd welches sich erst unter der hellen Januarsonne entfalten soll.

Aber wenn das Ende der Saison herannaht, wenn sie sich sagen muß, daß die kaprizißse Mode im folgenden Jahr den Anzug, welchen sie zu schonen gewußt, auf eine zweite Stufe herabsetzen wird, beeilt sie sich, ihn ohne Skrupel oft zu tragen, sehr hübsch und elegant zu erscheinen, zumal sie am Horizont der Mode die kommenden Neuheiten auftauchen sieht, für welche sie die gleiche Vorsicht walten läßt. a

Diese kleine Lehre der Sparsamkeit in der Mode ist gewiß für viele meiner Leserinnen gar nicht nothwendig; aber diejenigen, welche bei be⸗ scheidenen Einkünften es kaum erwarten können, sfsich schön zu machen, wie die frühzeitigen Blumen, die vergehen, ehe die anderen erblühen: sie werden nun vielleicht über die Toilettenfrage nachdenken und ihren neuen Gewändern vor dem richtigen Moment des Tragens den Glanz nicht mehr

abstreifen.

Freilich sind die Kleiderstoffe, welche sich uns für diesen Winter darbieten, wiederum so dick und haltbar, daß sie wohl schon der Strenge vieler Monate wie der Unbill des Wetters trotzen können. Ich nenne Ihnen nicht die verschiedenartigen, stolz klingenden und oft prunkenden Namen, welche man denselben beigelegt. Es sind Cheviots, Bures, Serges, Diagonals, Limousines, Foulés, Knötchengewebe, velours- und plüschartig wirkende Wollenfabrikate, Serges, mit verschnürten Reliefmustern überzogen, vor Allem aber, als der Neuheiten neueste: weiche und schmiegsame Haarstoffe, d. h. geköperter wie glatter, tuffiger Wollengrund, mit ganz feinen, seiden⸗

länzenden Wollenhaaren durchschossen. Die meisten dieser Fabrikate prä⸗ ute sich ebensowohl einfarbig wie mit Streifen- und Carreau-Mustern.

Das Carreau! Was soll ich Ihnen wohl noch darüber schreiben?! Es ist, wie ich Ihnen schon letzthin mitgetheilt, sehr in die Mode gekommen und nimmt sich in seinen vielen Gestaltungen, seinen mattbunten Farben⸗ Zusammenstellungen wie in seinen ernsten und rubigen Kompositionen von ein paar Tönen einerseits sehr schön und vornehm, andererseits einfach geschmackvoll aus. Aber da es dieHauptmode dieses Winters, so ist es mehr die Tracht für Diejenigen, welche sich erlauben können, ein Kleid schnell aufzutragen, vielleicht nur eine Saison hindurchdie Mode mitzu machen. Diejenigen hingegen, welche den in der Einleitung angeführten Grundsätzen folgen, welche sich an ihren Toiletten einige Saisons hindurch erfreuen und nicht wünschen, daß diese datiren, thun schon besser, sich das Einfarbige! zu erwählen, allenfalls auch das Einfarbige mit Gestreiftem gemischt, oder zu dem Einfarbigen das Karrirte als Garnitur, z. B. als Quille und Plastron, Kragen, Revers und Aermelmanschetten. Und wenn ich bei dem Karrirten als Hauptsache wieder verweile, so mache ich auf die drapirten Kleiderröcke aus Cheviot oder Haarstoff mit sehr großen, mattbunteschottischen Carreaux aufmerksam, welche, je nachdem Marineblau, Olivengrün, Myrthengrün, Braun ꝛc. mehr hervortritt, von einem Jaquette leibchen aus marineblauem, olivengrünem, myrthengrünem oder braunem gleichen Stoff oder Tuch begleitet werden. Eine reizende Winterkracht!

So ein Tuchjäckchen sieht auch ganz schmuck aus zu winzig gewürfelten Röcken in zwei Schattirungen oder zwei Farben, ein schwarzes besonders zu einem schwarz und weiß oder schwarz und blaßgrau minutiös gewürfelten Rock, ein braunes zu einem beigefarben und braun gewürfelten Rock ꝛc. Und diese kleinen Carreau-Musterchen sind nicht augenfällig, mithin nicht so der Mode unterworfen.

Man hat das Tuch überhaupt wieder mit vielem u aufgenommen, 3

ebenso wie zu Jaquette- und Amazonenleibchen, durch welche man auch ein bereits getragenes Kleid vergangener Saisons auffrischen kann, zu voll⸗ ständigen Kleidern und Kostümen. Man liebt darin einen drapirten Rock, d. h. den unteren vague fallend oder in Falten gelegt, mit langen grazibs eordneten Draperien, welche eine Tunika oder einen zweiten Rock be⸗ chreiben, und dazu ein Jaquetteleibchen von besonders korrektem Schnitt, vorn mit einem ausgestattet, der über und über mit feiner Rundschnur soutachirt. Dieser Westentheil, in der Mitte geknöpft, ist mit einem übereinstimmenden, um⸗ geschlagenen Stehkragen versehen; auf den Seitentheilen des Leibchens, also auf den Hüften, befinden sich große Taschen Louis XIII., ebenfalls aus Ottoman mit Rundschnurstickerei. Enge, einfache Aermel mit ent⸗ sprechenden Ottoman-Revers.

Sie kommen aber die bauschigen Aermel, welche uns bald die Gigotärmel und die Ereves(geschlitzte Puffen) früherer Zeiten zurückrufen, bald sich halbweit, oben in den Aermelausschnitt, unten in ein Bündchen eingekräuselt, zeigen. Freilich sieht man sie noch selten an den schweren Wollenkleidern, wohl aber mehr an den Toiletten aus leichten und luftigen wie aus seidenen Stoffen. Der Aermel für das praktische wie für das einfach- elegante Wollenkleid bleibt vorläufig noch eng, sehr hochschulterig und um die Achsel kraus eingesetzt. Ich habe Gefallen an solchen Aermeln und finde sie in den meisten Fällen sehr kleidsam, aber nicht immer.

Es scheint mir, als ob ich mit dem Carreau heut nicht zu Ende komme, denn immer wieder fällt mir etwas darüber ein. Ich babe zu Ihnen noch nicht von den eleganten und luxuriösen Wollenstoffen gesprochen, die mit bunten Sammetcarreaux durchwebt sind und mit einfarbigem Stoff: grobe Wolle, Sammet oder Plüsch, zusammengestellt werden. 5 leicher Weise und in gleicher Stoffverbindung giebt es schöne Pekings: ollen⸗ grund mit buntschottischen oder mit einfarbigen oder abgetönten Sammet⸗ oder Plüschstreifen. Man prophezeit derartigen winterlichen Promenaden⸗ oder Besuchetoiletten große Erfolge.

Was die Umhüllungen betrifft, so wird man, wie in den voran⸗

gegangenen Wintersaisons, deren lange und kurze tragen. Ich habe schon letzthin darauf hingewiesen, daß man dem Jaquette die große Gunst be⸗ wahrt, und es würde schade sein, wenn es sich anders verhielte, denn es ist bei trockenem Wetter das kann. Selbst stärkeren Damen ist dasselbe von der Mode gestattet, vor⸗ ausgesetzt, daß sie es im Schnitt richtig wählen. Es muß bei ihnen fest im Rücken anschließen, vorn jedoch lose sein: eine Form, welche übrigens allgemein angenommen wird, während die jungen Mädchen und die sehr schlanken Damen es im Ganzen knapp anliegend bevorzugen, um die Grazie ihrer Taille zur vollen Geltung zu bringen. N

Dann haben wir, im Bereich der kurzen Winterhüllen, das Mantelet, das im Schnitt vielfach variirt, durchgehends aber hinten kurz und fest an⸗ schließend, vorn lang ist und sich bald Visite, bald Vétement ꝛc. nennt. Man fertigt es aus einfarbigem, dickem Tuch oder aus Phantasiestoff, ge füttert mit hübschem, bunt schottisch karrirtem oder gestreiftem Atlas, aus seidenem und aus wollenem Velours krisé, aus Sealplüsch, jenem weichen, flaumigen Plüsch, der in seinem Gewebe an das Pelzwerk der See⸗ otter erinnert, und neuerdings aus schlichtem Sammet, je nachdem besetzt mit Perlen ⸗Passementerien, Litzenborden, neuen Maraboutrüschen, Feder⸗ streifen und mit Pelz. Der letztere, welcher in der wirklichen Otter(loutre), in dem nicht minder sammetweichen und tuffigen Biber und dem Astrachan gipfelt, zeigt sich vielfach an Sammet, weniger an dem Sealplüsch, der meist durch sich selbst wirkt und jeglicher Garnitur entbehrt. Ein derartiges Mantelet ist von einfachster, um so mehr geschätzter Distinktion.

Man rühmt in gegenwärtiger Epoche so viel die Einfachheit, aber diese Einfachheit ist in der That nur Dichtung und verbirgt sich die raffinirteste Weise. Die Dame von Geschmack, von vornehmer Eleganz liebt es nicht, den Luxus zur Schau zu tragen, aber er ist bis in die eringsten Details vorhanden, und es scheint mir nicht unrichtig, wenn ich 19 8 der wahre Luxus ist heutzutage derjenige, welchen man nicht sieht. Es ist gewiß nicht zu tadeln, dieses Streben nach äußerer oder scheinbarer Einfachheit; es bewahrt vor dem falschen Luxus, jenem Symbol des Un⸗ geschmacks, es läutert und veredelt den richtigen Geschmack, und Jedermann kann nach seinen Verhältnissen und Einkünften sich das Einfache zurecht⸗ legen, ihm hier eine bescheidene, dort eine verfeinerte Folie gebend.

Um auf die kurzen Umhüllungen zurückzukommen, so versteht es sich von selbst, daß dieselben vorzugsweise ein Straßenkostüm begleiten, dessen Draperien und Garnituren aufgebauscht oder von einiger Bedeutung sind, während man, im Gegentheil, zu dem langen Mantel oder dem langen Paletot(letzterer jetzt vielfach Redingote betitelt) greift, um eine mehr schlichte Robe mit Einsatztheil ꝛc. zu bedecken. Uebrigens ist der lauge 1 1 berufen, eine wichtige Rolle in der Mode comme il faut zu spielen.

eine Form erfordert eine große Korrektheit im Schnitt und eine gewisse

Noblesse, einerseits in den Stoffen, anderer seits in den Garnituren: Stickereien, Relief- Applikationen, Soutaches ꝛc.

Zu den langen Paletots wie Mänteln finden dieselben Stoffe, dieselben Besatzartikel Verwendung, welche ich oben bei den kurzen Umhüllungen erwähnt, und unter die Phantasiestoffe mischen sich noch die Doubletuche mit hochauffliegenden Galons oder kleinen Streumustern in glänzender Mohairwolle, mit eingewebten Litzen und mit Streifen, ebenso wie die Knötchenstoffe und die Dingonals. Die Knöpfe nehmen in der Aus⸗ schmückung oft auch einen hervorragenden Rang ein; sie sind aus schöner Passementerie, aus schwarzer Perlmutter, aus kunstvoll bearbeitetem Metall, S sie zeigen sich in Form umfangreicher Kugeln aus Perlenmasse oder Stein.

An den bisher beliebten Grundstoffen zu Herbst- und Winter- hüten ändert die Mode nichts, wenngleich sie noch manches Neue in diesen Kreis bringt. Man wird viel runde Filzhüte tragen, einfarbige und solche

Westentheil aus Ottoman in gleicher Farbe wie das Tuch

bequemste Kleidungsstück, das man sich denken

oft auf

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