Ausgabe 
7.11.1886
 
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durchlebt hast, ich sehe es ein. Ruhe Dich, armes, kleines Geschöpf, von jetzt an wache ich über Dich.

Aber seine Worte beruhigten sie nicht, im Gegentheil schienen sie den letzten Damm ihrer Selbstbeherrschung zu durchbrechen, fassungslos schluchzend drückte sie den Kopf in die Kissen und leicht zur Ungeduld neigend, wie er war, stand er auf und ging im Zimmer auf und ab. Seine Phantasie malte ihm die lockendsten Bilder vor. Wie wollte er wieder arbeiten und schaffen, wie das Altgewohnte, nun so lang Entbehrte doppelt und mit ganz anderem Bewußtsein genießen! Seine Freunde würden ihn auf's Neue umdrängen, die Stunden, die jetzt so oft Blei an den Füßen gehabt, ihm wie Minuten vorkommen. Er fühlte die starke Lebenskraft, die immer

die Welt zwang, ein anderes Maaß an ihn zu legen, als sie sonst Menschen zu messen gewöhnt war. Wie ein Adler, der seine mächtigen Schwingen ausbreitet, um den Flug zur Sonne zu wagen, kam er sich in diesem Augenblick vor.

in der Ecke des Zimmers stand und klirrend fielen Wasserflasche und Gläser mit ihm zu Boden. Roland Hartenstein hatte vergessen, daß er noch der Stütze bedurfte. Einen Moment stand er fast verwirrt und bestürzt da, die Erde und die Wirklichkeit hatte ihn wieder. Aber auch Gottliebe war erschrocken emporgefahren. Sie sah ihn, noch immer hilflos, noch immer ihrer bedürftig, und Scham wallte in ihr auf, daß sie ihre Pflicht vergessen hatte, um Thränen zu weinen, deren Ursprung in ihren Augen erbärmlich war.

Roland, sagte sie und schob mit jener scheu zärtlichen Be wegung, die ihr eigen, ihren Arm unter den seinen,vergieb, daß ich Dich allein ließ. Noch noch bin ich Dir ja nothwendig.

At 1.

Vierzehn Tage Frist für Gottliebe, vierzehn Tage qualvollster Ungeduld für den Patienten! Jede Stunde schienen ihm Jahre! Sie stand und sah so oft mit gefalteten Händen zur Sonne empor und wünschte, daß sie still stehen möge auf ewig. Es schien ihr niemals eine Zeit mit größerer Eile dahingegangen zu sein als diese letzten Wochen in Dr. Armstrong's Klinik, und wenn Roland murrend die Tage zählte, sah sie jeder vergehenden Minute mit steigender Angst nach. Alles umsonst. Unerbittlich, in gleichem Tempo, rückten die Zeiger und der Tag kam, an dem Professor Hartenstein sein Heim wieder als Gesunder betreten sollte. Frühling war's noch. Das Laub der Bäume in dem prächtigen Park, der seine Villa umgab, obgleich sie noch im Weichbild der Residenz lag, saftig und hellgrün, der Himmel dunkelblau, die Luft weich und mild. Mit verbundenen Augen saß er im Wagen, alle Sinne thätig im Genießen und doch hatte er mit dem Eigensinn, der ihn oft auszeichnete, erklärt, daß die Binde, die so lange sein Sehen gefangen gehalten, erst in seinem Atelier inmitten seiner Schöpfungen fallen solle. Von ihnen wollte er zuerst begrüßt sein, auf sie zuerst sein trunknes Auge fallen. Reichthum und Luxus sollten ihn von dem Augenblick an umgeben, wo der Bann von ihm genommen werden würde, den er aus seiner Erinnerung ver bannen wollte. Das einfache kahle Zimmer in der Klinik, in dem er mit so verzweiflungsvollem Jammer die trostloseste Zeit seines Lebens zugebracht, wollte er nicht zuerst vor Augen haben, nachdem ihm Farbe und Glanz wieder lachten. So hatte er denn die beiden Aerzte vermocht, ihn zu begleiten und nun saßen sie alle schweigend im Wagen, der unbeachtet durch die Straßen rollte. Gottliebe war sehr blaß und die Hand, die ihr im Schooß lag, zitterte leise. Dann führte man Roland Hartenstein über teppichbelegte Treppen in die große, nach Norden gelegene Halle, die er sein Atelier nannte. Zögernd blieb sein Weib zurück. Die Höhe und Größe der Räume, die Pracht, die überall herrschte, blendete und verwirrte sie; die Ge stalt des Gatten, der ihr in dem kleinen beschränkten Zimmer der Klinik soft wie ein gefangener Aar erschienen war, wurde ihr fremd und imponirend in dieser Umgebung, es war ihr, als gehörten sie nicht mehr zu einander, als müsse sie bescheiden draußen stehen bleiben, während er hier gebot.

Scheu und furchtsam trat sie über die Schwelle des Ateliers, scheu und furchtsam drückte sie sich hinter die Staffelei, die ein halb

in seinen Adern pulsirte, mächtig anschwellen, eine Lebenskraft, die

Aber da stieß sein unsicherer Fuß an ein kleines Tischchen, das

und die Farrenblätter zitterten und rauschten geheimnißvoll. Plötzlich

vollendetes Bild in gewaltigen Dimensionen trug. Acht hatte Keiner auf sie. Fröstelnd trotz der Sonnenwärme blickte 5 auf die kost⸗ baren Waffen und Stoffe, die schwer von den Wänden herabhingen, die mächtigen gebleichten Farren und Blätter einer exotischen Ve⸗ getation, die Eisbärfelle auf dem Boden, den schillernden Pfau in der Ecke. Von ihnen kehrte ihr Blick zurück zu der aufrechten, imponirenden Gestalt inmitten all' dieser Herrlichkeiten, die jetzt mit einem tiefen Athemzug die Arme hob und die Binde löste.

Sie sank.

Licht! schrie er auf.Licht!

Er breitete die Arme aus; wie ein Trunkener schwankte er hin und her, dann ging er langsam auf das gewaltige Fenster zu, durch das eine leise Dämmerung schon hereinschlich, starrte mit weit offnen. Augen auf die wehenden, grünen Baumwipfel und sank in den tiefen Sessel, der davor stand, und der immer sein Lieblingsplatz gewesen. 1 Licht! sagte er noch einmal, aber leiser, viel leiser, und dann barg er das Gesicht in den Händen und weinte. 5

Der Arzt hatte längst das Zimmer verlassen. Ganz still war es um ihn geworden. Allmählich ließ seine Erschütterung nach, mit U leuchtenden Augen schaute er sich in dem altvertrauten Raum um.

Es dämmerte stärker und die brennenden oder blassen Farben er⸗ loschen nach und nach, ein leiser Wind kam durch das offne Fenster,

W

fuhr Roland auf. Es war ihm, als habe er noch etwas vergessen oder versäumt. Und dann stand es mit peinlicher Deutlichkeit vor seiner Seele, er war ja nicht allein gekommen. Er hatte ein Weib mitgebracht sein Weib! Gottliebe! Etwas wie Unbehagen über- kam ihn plötzlich, war's, weil er sie vergessen, oder daß sie über⸗ 0 haupt da war, er machte sich's garnicht klar, stand nur hastig auf und rief in das dämmernde Zimmer hinein. 1 Gottliebe!. a Sie kauerte noch immer regungslos hinter dem gewaltigen Bild. Ihre Seele, die so ganz in der seinen aufging, wußte, daß er jetzt 1 ungestört sein mußte, um sich völlig wieder zu finden, aber als nun

Raumes, da begann sie zu zittern, und sich an dem Rahmen der Leinwand haltend, kam sie aus ihrem Versteck hervor.. Er blickte flüchtig über die kleine schattenhafte Gestalt hin, an deren Erscheinen er nicht einmal einen Gedanken verschwendete und wiederholte noch einmal seinen Ruf: a 0 N Gottliebe! 8 Ich bin es, sagte sie leise und demüthig das Haupt neigend wie ein Verurtheilter, der den letzten Streich erwartet. 1 Dull! Es war nur ein einziges kleines Wort, das er mit abwehrend ausgestreckten Armen hervorstieß, aber es barg eine Welt von Grau- samkeit in sich. Und er wußte nicht einmal, daß es so war, daß er dem armen Weibe vor sich das Letzte nahm, woran sie sich bisher mit stiller Hoffnung geklammert. Hätte er Dankbarkeit gefühlt, so wäre nie ein solcher Ruf über seine Lippen gekommen. In ihm lag Schrecken, Abscheu und wildes Auflehnen gegen das Geschehene. Sie blieb stehen, ohne sich zu regen, ihr Urtheil war gesprochen. Eigentlich hatte sie es ja niemals anders erwartet und wunderte N sich nun über das Gefühl der Kälte und Leere, das sie bis in die N Fingerspitzen durchfröstelte. Und dann kam ihm eine Ahnung, wie 0 N hart er vielleicht doch gegen sie gewesen, er ließ die Arme sinken und gab sich Mühe, ruhiger zu sprechen.. Du, Gottliebe! Ich hatte Dich mir anders vorgestellt. Gieb mir Deine Hand, damit ich Dich erkenne.. 1 Sie kam auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Ein klassisches Gebilde, leblos, kalt und weiß wie Marmor. Er blickte darauf nieder und begriff in demselben Augenblick, wie machtlos die Schönheit eines Körpertheiles an sich wirkt, wenn sie nicht im Einklang mit dem Ganzen steht. 1 Die schöne Hand ließ ihn gleichgiltig, die Erscheinung der Frau stieß ihn ab. Sie fühlte deutlich, was in ihm vorging, ihre Seele hatte sich stets der seinen angeschmiegt; aber sie seufzte nicht und sagte auch nichts. 3 Sprich zu mir, Gottliebe, sagte er endlich gepreßt, sank in den Sessel zurück und bedeckte die Augen mit der Hand.Ich will Deine Stimme hören. i

Aber auch jetzt schwieg sie. In ihr schrie etwas wild auf gegen

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