Ausgabe 
7.3.1886
 
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in geheimer Sitzung versammelt und diesem das Schlimmste zuzu⸗ trauen sei. Darum baten die Räthe, der König möge sein Leben nicht nutzlos solcher Gefahr aussetzen. Aber ohne eine Miene zu verziehen, bohrte der König den Schlüssel in das Loch, welches auch erst den gemeinsamen Anstrengungen der vier Männer wich. Jetzt aber schwenkten sich die Thürflügel mit furchtbarem Getöse um ihre Angeln und ein Strom von Licht überfluthete die in der Thür⸗ öffnung Befindlichen. Von zahlreichen Kronen, Kandelabern und Wandleuchtern strahlten die Flammen schimmernder Kerzen und be leuchteten ein wunderbares Schauspiel. Männer in fremdartigen, weder der Landessitte, noch der damalige Zeit entsprechenden Trachten. In den Mienen dieser Männe spiegelte sich düstrer, drohender Ernst.

hangenen Mienen wie die Uebrigen. auf diesem leuchtete ein Henkerbeil. Alsbald öffnete sich eine Thür und geleitet von zwei Bewaffneten erschien ein schwarz gekleideter Mann mit kurzgeschorenem Bart und Haupthaar. Der Mann wollte sprechen, aber man bedeutete ihn, zu schweigen und führte ihn an den Block, wo ihm erst die rechte Hand abgehauen und dann der Kopf vom Rumpf getrennt wurde. Inzwischen hatte sich der König nach der ersten eee gesammelt und rief jetzt mit kraftvoller Stimme durch 11 5 Saal:Was geht hier vor? Wer hat es gewagt, ohne mein Wissen diese V Versammlung zu be⸗ rufen? Da erhob sich einer der am Tisch sitzenden Männer und gab mit wie Donner durch die Hallen dröhnender Stimme zur Antwort:Was Du hier gesehen, das wird sich über hundert Jahre zutragen; aber Dich trifft die Schuld 1, Alsbald ver schwand Alles, und tiefes Dunkel herrschte rings umher, so daß die Flammen der drei von den Räthen getragenen Kerzen wirkungslos ihre Strahlen in dem Raum verschwendeten. Im selben Augen blicke verkündete ein mächtiger Glockenschlag die erste Stunde.

Schweigend begaben sich der König und seine Räthe zurück in das Gemach, von dem sie ausgegangen, und saßen dort lange, über⸗ wältigt von dem Eindruck der nächtlichen Erscheinung. Endlich raffte sich der König auf und befahl dem jüngsten der Räthe, so gleich ein Protokoll aufzusetzen, welches wahrheitsgetreu über das soeben gemeinsam Erlebte Bericht erstatten sollte. Dieses Schrift stück wurde sodann von den Anwesenden unterzeichnet und außerdem noch mit dem königlichen Siegel versehen. Sobald der Morgen graute, ließ der König von sachkundigen Personen eine gewissen⸗ hafte Untersuchung des Reichstagssaales wie des zugehörigen Schloß flügels vornehmen, um zu erfahren, in wie weit hier menschliche Kräfte ein natürliches Gaukelspiel in Szene gesetzt haben konnten. Aber auch nicht das unbedeutendste Zeichen bot hierfür einen An halt. Unverrückt standen die alten Eichenstühle längs der Wände und dicker auf denselben wie auch rings umher auf dem Fußboden lagernder Staub bezeugte, daß hier seit langer Zeit keine irdische Versammlung getagt haben konnte. Auch dieses Ergebniß wurde dem erwähnten Protokoll zugefügt und dieses dann als Dokument für 1 Zeiten in die Fächer des Staatsarchivs niedergelegt. 1 soll es sich moch befinden. Jahre nach diesem Vor fall, so erzählte die Tante weiter 11 ein Königemörder, genau

i wie dies die Erscheinung dargestellt, gerichtet, und ging somit die

Voraussagung des Gespenstes in Erfüllung.

Damit schloß die brave Tante ihre Erzählung. Mit den

historischen Kenntuissen 1 mag es wohl im Uebrigen nicht sonderlich glänzend bestellt gewesen sein, sie hätte sonst gewiß durch

Begeignunge ganz bestimmter Namen und Daten ihren Mittheilungen

den Charakter des Sagen- und Märchenhaften abzustreifen vermocht. Vielleicht jedoch wirkte dies gerade vortheilhaft 1 mich, das arme Kind, dessen Geist sonst leicht unter dem verwirrenden Eindruck der übernatürlichen Begebenheiten hätte erliegen können.

Als ich nach Jahren Hamlet's Worte las und erfuhr, daß wischen Himmel und Erde sich Dinge begeben sollen, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt, mußte ich lebhaft wieder der Erzählung der Tante gedenken, zugleich wurde der Wunsch in mir rege, Näheres 1 8 die Vision zu erfahren, um den bezüg lichen Thatsachen auf den Grund gehen zu können.

Erst mehrere Jahre nachher wurde mir dieser! Wunsch erfüllt: In einer großen Privatbibliothek fand ich eines Tages ein ver staubtes Buch aus alter Zeit,Unerklärte Geschichten enthaltend,

In langen Reihen saßen

Im Hintergrunde des, Saales erhob sich ein Podium, auf welchem um einen schwarz ber Tisch Männer in langen Gewändern saßen mit ernsten! Vor dem Tisch stand ein Block und

und unter diesen nebst einer Reihe unglaublichen Unsinns auch die Erzählung meiner Tante; nur war dieselbe hier an ganz bestimmte historische Persönlichkeiten und Begebenheiten geknüpft. mochte ich für meine Untersuchungen einen klar vorgezeichneten Weg einzuschlagen. Ehe ich aber das Resultat derselben hier beifüge, muß ich einige historische Erläuterungen voraussenden.

Wir wissen, daß dem großen Gustav Adolf dessen bizarre Tochter Christine und sodann eine Reihe Könige auf Schwedens Thron folgten, denen es zwar nicht an gutem Willen, wohl aber an Kraft und an dem erforderlichen Regentengeschick fehlte, so daß der in Schweden stets zur Herrschsucht geneigte Adel sich eine Macht aneignete, durch welche ebenso wohl die übrigen Stände in ihren Rechten be schränkt, als auch dem Könige selbst unwürdige Fesseln auferlegt wurden. Erst Karl XI. vermochte es, sich mehr und mehr dieser Fesseln zu ent⸗ ledigen und das klägliche Scheinkönigthum wieder in eine selbstständige, das Volkswohl befestigende Regentenmacht umzuwandeln. Naturgemäß suchte der in seinen Interessen angegriffene Adel mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln gegen diese Aenderung anzukämpfen, und zwar geschah dies mit zunehmender Wuth in der Zeit kurz vor dem 1693 zu berufenden hochwichtigen Reichstage, in welchem dem Adel der letzte Rest der ihm noch zustehenden Vorrechte genommen werden sollte. Es ist also historisch durchaus berechtigt, die Vision Karl XI. etwa in die Herbstmonate des Jahres 1692 zu verlegen. In dieser Zeit mag der König mit seinen Räthen, unter denen Gyllenstierna, Flemming und Piper als die einflußreichsten und freisinnigsten be zeichnet werden, manche Nacht in sorgenschwerer und nervenerregender Arbeit zugebracht haben. Wohl ist auch dem unzufriedenen, er bitterten Adel zuzutrauen, daß derselbe, um den König zu schrecken, ein Gaukelspiel in Szene gesetzt haben kann, aber in Anbetracht der stattgehabten Untersuchungen erscheint dies nicht annehmbar, während kein Grund vorliegt, eine natürlich erklärbare Vision ab⸗ zuleugnen. Wie nämlich jeder beleuchtete Gegenstand auf der Netz haut des Auges ein Bild erzeugt und dieses dann mittels der Nerven fäden dem geistigen Fassungsvermögen übermittelt wird, ebenso ver mag auch nachweislich ein in lebhafter Erregung gefaßter Gedanke umgekehrt ein Bild auf der Netzhaut Hervorztrufen, so daß die Vor⸗ stellung wirklichen Sehens erzeugt wird. Im verliegenden Falle liegt die Vermuthung nahe, daß Drohungen des Adels den Gedanken an Meuchelmord bei dem Könige erregt und dessen Phantasie erhitzt haben. Der Monarch mag eine Vision gehabt haben und es ist möglich, daß die Räthe der Krone dem aufgeregten und nervösen König nicht zu widersprechen wagten. Vielleicht glaubten sie, als

der König das erzählte, was er gesehen, an eine momentane Geistes⸗

störung und gingen als geschulte Höflinge auf dessen Vorstellungen ein.

Karl XI. ließ sich jedoch durch kein Schreckmittel abhalten, im Reichstage von 1693 die absolute Regierungsform wieder einzu führen, welche der heldenmüthige aber eigensinnige Nachfolger des selben, Karl XII., noch aufrecht erhielt; aber schon unter Ulrike Eleonore und mehr noch unter dem auf diese folgenden schwachen Könige gewann der Adel alle verlorenen Rechte wieder und gelangte somit zu einer Macht wie kaum je zuvor. So standen die Dinge, als Gustav III. zur Regierung gelangte, und dieser, wie einst dessen Ahn Karl XI. dem Uebermuth und der Anmaßung des Adels energisch entgegen trat. So sehr das aufathmende Volk demzufolge diesem Fürsten zujauchzte, verstand es derselbe doch nicht, sich die Liebe und Achtung seiner Unterthanen auch dauernd zu erhalten, denn eitel, prachtliebend und verschwenderisch, ruinirte Gustav III. die Finanzen des Reichs und e schließlich durch ganz zwecklose und unglücklich geführte 1 die Unzufriedenheit aller Stände.

Was also zu Karl Xl. Zeit nicht geschehen war, gelang jetzt, nämlich der Adel verschwor sich gegen das Leben des Königs und am 15. März 1792 vollführte Ankorström auf dem Maskenball zu Stockholm die bekannte grauenvolle That. 0 Jahre nach der Vision Karl XI. fiel das Haupt des Königsmörders unter dem Beil Henkers. Die in der Vision geschehene Voraussagung war also pünktlich in Erfüllung gegangen.

Haben wir es aber vermocht, die Vision selbst auf Grund physikal 1 8 zu erklären, so stehen wir jetzt vor einer zweiten Frage, nämlich: Ist es nicht wunderbar, daß die in der Vision ent haltene Weisahnng sich so genau erfüllen konnte, und in der That würden wir ein nicht zu lösendes Räthsel vor uns haben, wenn alle Thatsachen sich genau so begeben, wie sie erzählt worden, ins besondere wenn das die Weissagung enthaltene Dokument in un

des

Jetzt ver⸗