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Ob und wie weit Pasteur mit seiner Behauptung, daß alle Krank— heiten durch solche kleinen Organismen verursacht werden, Recht hat, lassen wir dahingestellt; bei aller Achtung vor dem Verdienst Pasteur's und bei Anerkennung der großen Wahrscheinlichkeit, welche seine Ansicht hat, wird man doch gut thun, sich der Ansicht Virchow's und Koch's anzuschließen, welche für jede einzelne Krankheit den faktischen Nachweis solcher Mikro-Organismen, und zwar in solcher Menge und Vertheilung, daß dadurch alle Krankheitserscheinungen erklärt werden, verlangen. Pasteur selbst entdeckte in dieser Be⸗ ziehung den Milzbrand-Bacillus und in neuester Zeit den Hunds⸗ wuth⸗Bacillus, indem er bei beiden zugleich auf die Möglichkeit ihrer Benutzung als Vorbeugungs- und Heilmittel in den betreffenden Krankheiten hinwies. Ueber die Möglichkeit, den Milzbrand durch Impfung zu verhindern, sind in den letzten Jahren viele Versuche gemacht worden; wenn sie auch noch nicht die absolute Sicherheit der geimpften Thiere gegen die Jufektion erwiesen haben, so haben sie doch einen gewissen Schutz und eine größere Widerstandsfähig⸗ keit der geimpften Thiere gezeigt, immerhin ein nicht zu unter⸗ schätzender Erfolg. Was die Bekämpfung der Hundswuth durch Hundswuths-⸗Bacillen, die durch Züchtung in Kulturen abgeschwächt sind, anbelangt, so sind die Versuche noch zu neu, um schon ein abschließendes Urtheil zu haben; einzelne Mißerfolge dürfen aber gegenüber unzweifelhaften Erfolgen nicht abschrecken: wenn es ge⸗ lingt, nur einen Theil der bis jetzt rettungslos einem furchtbaren Tode Verfalleuen zu retten, so ist dies ein Erfolg, welcher als kost— barstes Lorbeerblatt dem Ruhmeskranze Pasteur's einverleibt zu werden verdient.
In dem Kampfe um die Frage, ob man die Mikroorganismen in allen Fällen als die Ursache der Krankheiten ansehen müsse, er⸗ stand plötzlich in einem kleinen preußischen Städtchen, in Wollstein in der Provinz Posen, in dem dortigen Kreisphysikus Robert Koch ein wackerer Mitstreiter. Nachdem es ihm schon im Jahre 1876, vor Pasteur, gelungen war, den Milzbrand durch Einimpfung mit in Rein⸗Kulturen gezüchteten Milzbrand-Bacillen zu erzeugen, trat er im Jahre 1878 mit seinen„Untersuchungen über die Aetiologie der- Wundinfektionskrankheiten“ an die Oeffentlichkeit, durch welche er nachträglich die wissenschaftliche Begründung der Lister'schen anti— septischen Wundbehandlung gab, indem er in der schlagendsten Weise nachwies, daß die Wundinfektionskrankheiten ihre Ursache in der Einwanderung und Ausbreitung der kleinsten Organismen, Bakterien und Mikrokokken hätten.
War schon diese Arbeit Kochs an und für sich Aufsehen erregend, so waren es noch viel mehr die neuen Beobachtungsmethoden, welche er zur größeren Sicherung der Resultate erfunden und in Anwendung gebracht hatte. Drei Schwierigkeiten waren es, welche sich bisher der Beobachtung der Mikroorganismen entgegengestellt hatten: erstens die Schwierigkeit, den zu untersuchenden Mikroor⸗ ganismus so zu kennzeichnen, daß seine Beobachtung nicht durch die vielen anderen Stoffe gestört wird; zweitens war es schwierig, zu verhindern, daß die durch Farbstoffe genügend gekennzeichneten Beobachtungsobjekte durch das Zellgewebe und die Blutgefäße, in denen sie lagen, unsichtbar gemacht wurden, und drittens bildete die Unmöglichkeit, bei den Kulturen die zu beobachtenden Mikroorganismen von den vielen andern Bacillen, welche in derselben Nährflüssigkeit enthalten sind und sich in derselben vermehren, zu trennen, eine der Hauptschwierigkeiten für die Impfversuche.
Diese Schwierigkeiten überwand Koch, indem er die Technik der Färbung der mikroskopischen Objekte mittelst Anilinfarben weiter ausbildete, indem er durch Anbzingung eines neuen Beleuchtungs— Apparates an den Mikroskopen verhinderte, daß die Schatten der Gewebe die winzig kleinen gefärbten Organismen verdeckten und indem er schließlich die einzelnen Bakterien und Bacillen in der Nährflüssigkeit dadurch isolirte, daß er die betreffende Flüssigkeit durch Zusatz von Gelatine in den„festen Nährboden“ verwandelte.
Indem die Flüssigkeit, nachdem die zu züchtende Bakterie in dieselbe gebracht worden war, schnell erstarrte, konnten die Keime den Ort, an welchem sie sich befanden, nicht mehr verlassen, und jeder einzelne Keim bildete nun um sich herum eine Kolonie von Nachkommen, die sich nicht mit anderen vermischen konnten und nun als wirkliche echte Nachkommen zu betrachten sind. Diese Einfügung des festen Nährbodens in die Bacillenforschung ist für diese Unter— suchungen von entscheidender Bedeutung geworden; nur durch die Züchtigung im festen Nährboden gelang es, die Erreger vieler
Auffinden der Mittel zu ihrer Vernichtung war sein Forschen zu— zu ih htung
Krankheiten vollständig zu isoliren, wirkliche Reinkulturen zu schaffen, 9 und wenn Koch kein anderes Verdienst hätte, als die Untersuchungs-⸗
methode in dieser Weise vervollkommnet zu haben, so würde dies aus— reichen, um ihm einen ehrenvollen Platz in der Reihe der Forscher zu sichern. 5.
Er hat es aber auch verstanden, mittelst seiner Untersuchungs⸗ methode Resultate zu erzielen, welche von der höchsten Bedeutung sind; vor allem war es der Nachweis des Tuberkel-Bacillus, welche Entdeckung er am 24. März 1882 in der physikalischen Ge⸗ sellschaft zu Berlin mittheilte. Es ist hier nicht der Platz, ausführ⸗ lich die ungeheure Arbeit, den emsigen Fleiß zu schildern, welcher
zu dem Ersinnen und Erproben der feinen Untersuchungsmethoden
führten, welche der Arbeit Koch's die Sicherheit gab, daß ein Zweifel an der Richtigkeit seiner Beobachtungen ausgeschlossen ist. Es ge⸗ lang ihm, Tuberkel-Bacillen zu züchten, welche noch in der zehnten Generation, wenn sie eingeimpft wurden, mit absoluter Sicherheit Tuberkulose(Lungenschwindsucht) erzeugten, und durch die ganze ärztliche Welt ging ein Jubelruf, daß man nun die Entstehung einer Krankheit kenne, welche bis jetzt allen Heilversuchen getrotzt hatte. Man durfte hoffen, nun auch endlich das Heilmittel zu finden. Wenn dies bis heute nicht geschehen ist, so muß man bedenken, daß erst kurze vier Jahre seit der Koch'schen Entdeckung verflossen sind, und
daß es an den Fortschritten der Wissenschaft verzweifeln hieße, wenn
man annehmen wollte, daß die Kenntniß der Ursachen der Tuberkulose, der Krankheit, welche etwa ein Siebentel des Menschengeschlechtes dahinrafft, nicht die Grundlage bilden werde für die Auffindung eines rationellen und erfolgreichen Heilverfahrens. f An diese epochemachende Entdeckung des Tuberkel-Bacillus schloß sich, als Koch bald darauf seitens der deutschen Regierung nach Aegypten und Indien zur Erforschung der Cholera gesandt wurde, die Entdeckung des Komma Bacillus, des eigenthümlichen Bacillus, welcher als der ständige Begleiter der Cholera auftritt. Ob dieser Bacillus in gleicher Weise der Erzeuger der Cholera ist, wie jener Tuberkel⸗Bacillus der Erzeuger der Lungenschwindsucht, darüber sind die Akten noch nicht geschlossen, und muß überhaupt diese Entdeckung Koch's, trotzdem sie seinen Namen in den weitesten Kreisen bekannt gemacht hat, an Großartigkeit hinter den früheren Leistungen zurück— treten: als er den Komma-Bacillus fand, wandelte er in betretenen, allerdings von ihm selbst geschaffenen Wegen, welche die Auf⸗ findung von vornherein sicherten; bei Auffindung des Tuberkel⸗ Bacillus mußte er sich als Pionier die Wege selbst bahnen, die er bei seinen Untersuchungen wandeln wollte. Deshalb könnte man sagen, daß die Gunstbezeigungen, welche dem Entdecker des Komma⸗ Bacillus in so reichem Maße zu Theil geworden, eigentlich als ver— spätete Huldigungen bezeichnet werden müssen— freuen wir uns aber der Anerkennungen, welche dem genialen Forscher zu Theil ge⸗ worden sind und welche ihn in keiner Weise bestimmt hatten, seine anspruchslose Bescheidenheit und seine vorsichtige, Schritt für Schritt
tastende und greifende Methode, welche allein zu unangreifbarer Re⸗
solution führt, aufzugeben. 5 Werfen wir noch zum Schluß einen kurzen Blick auf den unter uns weilenden Forscher und seinen Lebenslauf, so ist er 1844 zu Clausthal geboren, war, wie schon erwähnt, noch vor wenigen Jahren Kreisphysikus in Wollstein; von dort wurde er, als er durch seine Arbeit über die Wundinfektions-Krankheiten seine Bedeutung auf diesem Gebiete gezeigt hatte, im Jahre 1880 nach Berlin in das Reichsgesundheitsamt berufen, und hier widmete er sich ganz der von uns skizzirten Thätigkeit. Aber nicht nur dem Entdecken jener gefährlichen Feinde des Menschengeschlechtes, sondern auch dem
gewandt, und hier gebührt ihm das Verdienst, das Sublimat wieder in seine Stellung als energischster Vernichter aller Mikroorganismen eingesetzt zu haben. Um ihm zu gestatten, sich ohne jede Störung dieser Aufgabe ganz widmen zu können, wurde er an die Spitze des neugegründeten hygieinischen Instituts gestellt, und in dieser Thätigkeit sehen wir ihn jetzt inmitten zahlreicher Schüler. Eine schmächtige mittelgroße Figur mit auffallend schmalem Kopf, einem kleinen Mund, sanften, ruhig blickenden blauen Augen, schöner gerader Stirn, so steht der„Bacillenvater“ vor seinen Schülern, zu welchen sich nicht nur die Jugend, sondern auch viele ältere Aerzte — mancher davon mit weißem Kopf, zählen, beschreibt ihnen mit leiser, manchesmal stockender Sprache seine Methode und giebt ihnen Anleitung zu ihrer Benutzung. Von dem Hause in der


