Ausgabe 
5.9.1886
 
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las. Novelle von Frida Schanz. (Schluß.) V.

Frau Barbara, des eisernen Gehringers stilles, feinfühlendes Weib, hatte, wie Franz es geahnt, die weinende Eva mit dem Er barmen einer Mutter bei sich aufgenommen. Ihre rührende Sorgfalt entlockte dem verwaisten Mädchen das erste, schmerzliche Lächeln; ihr zu Liebe verbarg die Trauernde ihren Gram und fand sich ge⸗ fügig und still in der neuen Heimath zurecht; ihr zu Liebe legte sie das traurige, schwarze Gewand ab und trocknete die Spuren heimlich vergossener Thränen so sorgsam aus dem blassen Gesicht. Frau Barbara schaute indeß tiefer, als Eva ahnte, sie sah die un aufhaltsam fortblutende Wunde, sie sah, wie die Schatten durch weinter Nächte die schimmernden Augen trübten, sie sah die ganze, hoffnungslose Müdigkeit, welche die junge Seele gefangen hielt. Trotz Allem hielt eine gewisse, rücksichtsvolle Scheu sie ab, ihren Trost dem armen Herzen aufzudrängen, das sein Weh ängstlich wie ein verborgenes Heiligthum hütete und sich in der Einsamkeit der Nacht an dem schmerzlich-süßen Quell der Erinnerung labte. Sie begnügte sich seufzend, das, was sie selbst so gern gethan hätte, der Milde Gottes und der Heilmacht der Zeit anheimzustellen.

Ein Blick in des Mönches hoheitvolles, gütestrahlendes Antlitz hatte die heimliche Sorge der mitleidigen Frau in helle Zuversicht verwandelt. Daß diese Macht, die ihres Sohnes wildes, kummer volles Herz getröstet hatte, auch Balsam auf des armen Mädchens bittres Weh träufeln werde, erschien ihr als leuchtende, segensreiche Gewißheit.

Deshalb bat sie den frommen Mann, dessen Herz sich nach der Heimath sehnte, so lange innig und demüthig, noch zu verweilen, bis ihre sanfte Dringlichkeit seinen festen Vorsatz besiegte, ja, bis die Berührung mit der Welt, deren Zweck er anfangs nicht begriffen hatte, ihm nun als schöne, himmlische Fügung erschien.

Der Zufall ebnete ihm den Weg zu Eva's Herzen. An dem Kreuzbild im Walde, wohin er gern seine Schritte lenkte, um im

Angesicht Gottes den Hauch des Irdischen von seinem Denken zu 9

streifen, fand er das Mädchen. Sie mochte wohl im Gebet hier Trost gesucht haben; daß sie ihn nicht gefunden hatte, davon sprach der müde, todestraurige Blick, die gebrochene Haltung, mit der sie an dem Stamm der Tanne lehnte, durch deren wehendes Geäst das frühe Morgenlicht so hoffnungsreich auf ihre schlanke, jugendschöne Gestalt fiel. Silas empfand die Heiligkeit des Schmerzes zu tief, als daß er ihr Sinnen gestört, wenn nicht ihr thränenvolles Auge, das sie plötzlich groß und fragend zu ihm erhob, ihn gebannt hätte; Barmherzigkeit und die feste Ueberzeugung, daß ein höherer Wille ihn der Weinenden gesandt, öffneten ihm die Lippen; mild wie Thau floß sein glaubensvoller Trost in das zagende Herz.

Mehr als die Macht seiner Worte war es vielleicht das schnelle, reife Verständniß, womit das Unglück die begrabenen Schmerzen Andrer erspäht, was die Trauernde bewog, jenen Worten andachts voll zu lauschen, die sie vielleicht aus anderem Munde nur mit schmerzlichem Lächeln von sich abgewehrt hätte; daß des Mönches Trostesbotschaft aus einem Herzen kam, in dessen verschwiegenster Tiefe sie ein überwundenes Leid ahnte, das ließ sie an die Wahrheit seiner Worte glauben.

Silas war ein feinfühlender Arzt der Seele. Wie er vor Jahren den starren Kindersinn des trotzigen Klosterschülers gebändigt und auf den schmerzzuckenden Lippen desselben das erste, gesunde Lachen hervorgezaubert hatte, indem er den jungen Mund zum Plaudern gebracht, so löste er nun mit zarter, geschickter Hand auch das dichte, dunkle Gewebe, welches das lange, schmerzliche Verschweigen des zehrenden Leides um das bange Mädchenherz gesponnen hatte.

Die Feste der Nidgauer und das Städtchen am Hange des Burgbergs war ihm aus früherer Zeit bekannt. Das Mädchen, das aus thränenvollen Augen lächelte, als er die theueren Namen ihres Heimathortes und des schäumenden Gebirgsflüßchens nannte, ahnte nicht, daß er, um sie zu heilen, zum ersten Mal seit langer, langer Zeit mit unbarmherziger Selbstmarter die schlummernde Geisterwelt versunkener Jahre beschwor; sie ließ die gefalteten Hände, auf die sie ihre Wange gestützt hatte, in den Schoß gleiten und lauschte seinen Worten wie einem lieben, holden Kindermärchen;

ein zarter Hauch von Roth schimmerte durch ihre schmalen Wangen, 10

und die Schwermuth ihres Auges wich einem rührenden Ausdruck von Entzücken.

war er dankbar und froh, daß es ihm gelungen war, die bewegungs⸗ lose, gramdunkle Nacht ihrer Seele augenblicklich zu durchsonnen.

Franz faßte seinen Dank gegen den treuen Genossen in die wärmsten, liebevollsten Worte, als er sah, wie schön es diesem ge lang, die trübe Gleichgiltigkeit des Mädchens zu bannen.

Er hoffte von diesem Erwachen, von der Zaubermacht des Lenzes und der Allgewalt seiner eigenen Liebe das Schönste und Süßeste, das einst sein Leben krönen sollte.

Jeder Tag brachte Eva's Herz dem frommen Manne näher.

Das offene Aussprechen that ihr unbeschreiblich wohl, so schwer es ihr anfänglich ankam. Leise und vorsichtig versuchte es Silas, das Leid, das sie den Menschen, die es ihr angethan, nie vergeben zu können meinte, als Gottes Sendung zu deuten, dessen Wege und

Zwecke zu hoch und erhaben seien, als daß wir sie begreifen; er

versuchte es, ihr geistiges Auge, das der Kummer getrübt hatte, über den engen Kreis desIch hinaus in die sonnenhelle Weite der Ewigkeit zu lenken; und von dem Höchsten und Fernsten und Seligsten führte er sie unvermerkt zurück zu dem Irdischen, zu den vergangenen Erlebnissen, die sie nun, gleichsam wie von höherem Lichte überströmt, ansehen lernte. Oft freilich, wie jedem Genesenden, kehrte auch ihr die ganze Bitterkeit ihres Schmerzes zurück und

Silas mußte durch die Macht seiner Ueberzeugung die finsteren Schatten beschwören; dadurch aber, daß sie ihm fest versprach, ihm jedes wiederaufquellende Zweifeln und Sorgen an's Herz zu legen,

gewann er eine so wunderbare Gewalt über ihre Schmerzen. Noch nie, seit sie die Stätte ihrer Kindheit verlassen, hatte sie ihrer todten Eltern und die schmerzlichen Tage, die sie ihr entrissen, erwähnt. Nun da der Bann einmal gebrochen, war's ihr ein süßes Bedürfniß geworden, die Ereignisse jener Trauerzeit mit dem mit⸗ leidig lauschenden Manne zu theilen; ihr war's, als wachten die

Todten wieder auf, als hörte sie auf's Neue des Vaters volltönende,

geliebte Stimme, die bis zur letzten Stunde voll Fassung und Ruhe zu den Verzweifelnden gesprochen hatte, als sähe sie die stolze, wundervolle Schönheit der Mutter wieder, von der Macht der Krank heit und Schwäche verklärt, als durchlebte sie auf's Neue jene un⸗ vergeßlichen Stunden, wo die Sterbende, zu der sie stets mit einer unbeschreiblichen, demuthvollen Verehrung emporgeblickt, ihr in sanftem, liebreichem Vertrauen den Schleier von der eigenen Ver⸗ gangenheit gehoben und die Geschichte ihrer sündigen, und doch so

seligen Herzensjugend vor dem Scheiden dem schuldlosen Herzen

vertraut hatte. 5

Sie sah das harte Geschick, das sie so jung aus dem Leben rief und unser glückliches Heim dem Untergang preis gab, als Sühne für das begangene Unrecht an, sagte Eva, indem sie dem Mönch, an dessen Seite sie im Abendlicht auf den gelben Sandwegen des Gärtchens dahinschritt, das, was ihr den Sinn immer und immer wieder bewegte, leis weinend mittheilte.

Und doch ging sie ruhig, reulos und mit dem stolzen Bewußtsein,

selig gewesen und selig gemacht zu haben, aus dem Leben; wie sie dem Vater, der wortlos an ihrem Lager kniete und ihre Hand fest

umschlungen hielt, mit wunderbarem Lächeln zuflüsterte, daß sie die mit ihm durchlebten Jahre nicht gegen alle Wonnen des Himmels

vertauschen möchte, da ahnte ich's, daß er, nachdem sie die Augen

geschlossen, den feindlichen Geschossen nicht länger aus dem Wege

gehen werde. Ist es denn nicht möglich, daß eine solche Liebe zum Fluche werden kann? Könnt Ihr mir das Geheimniß deuten, Ihr, die Ihr Gott so tief, so innig versteht und kennt?

Es schien, als fehle dem blassen Manne jetzt zum ersten Male das rechte Trosteswort. Dem Mädchen, das sich unter den blühenden Flieder am Ende des Gartens auf der Moosbank niedergelassen hatte und nun wie hilfesuchend an der hohen Gestalt des Mönches emporsah, schien es, als weilten seine Gedanken fern von der Welt an einem hehren, heiligen Ort, um sich Antwort auf die ungelöste Frage zu holen.

Dann wandte er sich mit schmerzlichem Blick ihr zu:Verbot Euch die Todte, von ihrem Geschick zu reden, und glaubt Ihr, das

theure Gedächtniß zu kränken, wenn Ihr mir die Geschichte jener

sündigen Liebe erzählt,

damit ich Euch Antwort auf Eure Frage geben kann?.

Silas begriff, daß nach diesem augenblicklichen Behagen der Schmerz doppelt über sie hereinbrechen werde, doch