127%%%EEKETC ⁵˙ UXà——ͤ—ü— Ä
110
in der Weite, die nichts durchbricht, als hin und wieder der Schrei des Hähers aus der entblätterten Eichenkrone. Durch die stillen Lüfte flattert weißes Mariengarn und legt sich schimmernd um die Büsche am Ufer des Baches, in denen ein letzter müder Falter wie schattenhaft um eine verspätete Blüthe taumelt. Es geht ein Hauch unbeschreibbarer Schwermuth durch die Natur.— Wie anders hier! Gleich kristallener Riesenglocke spannt sich der wolkenlose Azur mit den klaren, scharfen Linien des Horizonts über der Landschaft, die alle Fülle ihres Zaubers noch einmal zu vereinigen sucht und nie in lachenderem Schmuck dem staunenden Auge entgegentrat, als nun, da es dem Winter zugeht. Wie eine holde Lügnerin, die jede Ahnung ihrer Vergänglichkeit zu bannen sucht, birgt sie das tödt⸗ liche Geheimniß unter glänzendem Gewand. Wenn nicht der Abend früher als bisher hereindunkelte und auch hier ein matter, gelber Schimmer, gleich flüchtigem Gold, in dem Dunkel der Baumkronen auftauchte, wäre man versucht, an einen Frühling zu glauben. Nie stand das Goldauge der Sonne gleißender am klarvertkeften Firma⸗ ment, nie ragten die Bergzacken schroffer und nebelfreier in die flimmernde Luft. Es ist wie ein frischer Lenzhauch, der durch die lachende Welt geht..
Gedanken ähnlicher Art mochten es sein, die dem jungen Manne durch die träumende Stirn gingen, der, in die Polster einer zier⸗ lichen Barke bequem hingestreckt, sich über die glatte Spiegelfläche des Luganer Sees rudern ließ und dessen Augen die üppigen Ge⸗ lände überflogen, die sich an den Hängen der reizvoll geschwungenen Berglinien breiteten. Er hatte dem krausköpfigen Ruderer die Stelle gedeutet, an welcher er landen wollte, und zugleich die Weisung ertheilt, sich nicht anzustrengen, sondern den Kahn ruhig fortgleiten zu lassen. Dem hübschen braunen Gesellen im gestreiften Matrosen⸗ anzug konnte kein Befehl willkommener sein. Er rührte die Ruder⸗ stangen nur leise, daß das kleine Fahrzeug lautlos über die stillen Wasser rauschte, und trällerte während der mühelosen Arbeit ein paar Melodien keck zwischen den Lippen. Der Insasse der Barke gab nicht Acht auf ihn, sondern blickte, in Gedanken versunken, um sich und schien die Tropfen zu zählen, die vom Ruder leise nieder⸗ sanken, wenn es aus dem Wasser herauftauchte. Sie waren von dem baumbepflanzten Quai der Stadt abgefahren, um in fast gerader Linie die Seefläche zu durchschneiden, und näherten sich nun lang⸗ sam der Felsecke, von der sich die westliche Bucht zwischen den Berg⸗ wänden hinzieht. Aus dem Grün von Kastanien, Maulbeer- und Feigenbäumen tauchten dort die sauberen Häuser eines Dorfs empor, dessen Kirche sich, eypressenumschattet, von mäßiger Anhöhe in der blauen Fluth spiegelte.
„Haltet Euch mehr links,“ sagte der junge Mann, plötzlich auf— fahrend, in italienischer Sprache,„ich will dort bei der Kastanie aussteigen.“ Der Gondolier brachte die Barke mit einem kräftigeren Ruderschlage in die gedeutete Richtung, und ein eigenthümlich ver⸗ ständnißvolles Lächeln flog ihm dabei über die Lippen.„Soll ich auf Sie warten, Signor?“ fragte er, den Kahn leise an das Ufer treibend. Der junge Mann nickte. Er sah flüchtig nach der Sonne, die bereits tief im Westen stand und bald hinter den Bergkuppen verschwinden mußte, dann sagte er:„In einer halben Stunde bin ich wieder hier, haltet Euch bereit.“ Gewandt sprang er, noch ehe die Barke sich neben das Ufer gelegt hatte, an's Land und schlug den Fahrweg ein, der um den Fuß des Berges herumführte und in das Dorf einmündete. Er ging langsam, schlenkerte mit dem feinen Spazierstock, den er in der Hand trug, pfiff zwischen den Zähnen und blieb hin und wieder stehen, um über die blauen Fluthen zu den Bergwänden hinaufzublicken. Das Dorf, das er dann durchwanderte, lag still und friedlich in der Abendsonne. Auf der Straße spielten ein paar barfüßige Buben, und auf den Stein— bänken vor den Häusern saßen rauchende Männer und strickende Frauen.
So lange er an den Häusern vorüberging, hatten sich die Schritte des jungen Mannes unwillkürlich beschleunigt, als ob er fürchtete, von irgend Einem aus den plaudernden Gruppen angesprochen zu werden, jetzt, wo sich hinter dem Dorf die weiten Maisfelder aus⸗ breiteten, und die Weinberge mit strotzenden, goldgelben Trauben an den Hängen hinaufkletterten, ging er wieder langsamer und blieb endlich an dem knorrigen Stamm einer uralten Kastanie stehn, die ihre Stachelfrüchte, nach denen Niemand zu fragen schien, weit um sich her geschüttet hatte. Dort hatte der See eine kleine Ein⸗ buchtung in das Land gebildet, welche die größtentheils die Fischerei
Laubgewinde zurück. Ueber die frischen Lippen des jungen Mannes
einen flüchtigen Blick rückwärts, der ihn davon überzeugte, daß
vorgegangen, daß ihr Anblick gemuthete, wie der einer Gartenblume,
betreibende Bevölkerung des Dorfes zu einem willkommenen Hafen für ihre schwerfällig gebauten Kähne benutzte, die in mehreren Reihen dicht nebeneinander liegend das Wasser bedeckten. Sie mochten vor Kurzem vom Zuge heimgekommen sein, denn sie schaukelten noch leise gegeneinander an ihren eisernen Ketten, und rings umher war Niemand zu sehen. An der andern Ecke des kleinen Hafens, gerade der Kastanie gegenüber, an welche der junge Mann sich gelehnt hatte, senkte eine Trauerweide, wie sie die Ufer des Luganer See's hie und da schmücken, ihre tiefherabhängenden Zweige in die spiegel- helle Fluth. b 835
Es war von dem Platze an der Kastanie, zumal die Sonne gerade dort herüberblendete, unmöglich zu unterscheiden, ob sich drüben unter dem Laubdach der Weide ein menschliches Wesen befand, um so weniger, als nichts sich dort regte, aber der junge Mann mußte seiner Sache sehr gewiß sein, denn er legte nur einen Augenblick die Hand schattend über die Augen, dann rief er mit heller, wohl⸗ klingender Stimme:„Alba—“ Nun regte sich's plötzlich drüben. Zwischen dem grünen Blättergerank wurde ein dunkel umrahmter Mädchenkopf sichtbar, und eine metallreine Stimme erwiderte auf den Anruf:„Komm—“ Dann tauchte der Kopf wieder in das
flog ein Lächeln, es wäre schwer zu sagen gewesen, ob es Zufriedenheit oder nur Stolz ausdrückte, jedenfalls stand es dem frischen, kecken Antlitz mit dem in's Röthliche schimmernden, blonden Knebelbart und dem leichtgelockten, lichtbraunen Haar, auf dem ein elegantes, hellgraues Hütchen balancirte, vortrefflich. Er schlenderte, ohne sich sonderlich zu beeilen, den Weg um die Bucht herum, warf dann
Niemand in der Nähe sei und trat nun auf die Weide zu, um, ein paar Zweige auseinanderbiegend, hineinzuschauen.
An dem Stamm auf einer natürlichen Rasenbank saß ein Mädchen in der einfachen, aber saubern Kleidung der Gegend, das die beiden, nur bis zum Ellenbogen von den weißen Hemdärmeln bedeckten Arme über dem Busen verschränkt hatte und mit einem Ausdruck vor sich hinblickte, der deutlich genug erkennen ließ, wie mühsam es die Spannung, mit der es dem Nahenden entgegensah, zu unter- drücken versuchte. Ihr Antlitz war nicht eigentlich schön, dazu fehlte ihm vor Allem die Regelmäßigkeit, aber es war eigenartig und von unmittelbar fesselnder Anmuth. Das bläulich schimmernde, schwarze Haar überwallte eine feingebaute, weiße Stirn, unter der zwei wundersame, grauschwarze Augen herausschauten. Wundersam; denn es war etwas darin, was anziehen und zugleich abstoßen konnte, ein Ausdruck, der wechselnd bald wie innige Lebensfreude, bald wie sinnende Schwermuth und dazwischen doch auch wieder wie umheimlich auflodernde Leidenschaft sich deuten ließ. Das Eigenthümliche, das hauchgleich über der zarten Mädchengestalt lag, stimmte so wenig zu ihrer Umgebung, aus der sie offenbar her⸗
die man plötzlich einmal, wo man sie am wenigsten erwartet, am öden Feldrain aufsproßen sieht, wohin ein launischer Zufall ihren windvertragenen Samen gelegt.
Der junge Mann hatte, als das Mädchen nicht zu ihm aufsah, die Aeste vollends zurückgebogen und war neben sie hingetreten. Auch jetzt noch regte sie sich nicht, aber wie sein Blick forschend auf ihr ruhte, sprang sie plötzlich auf, schlang ihre beiden Arme um seinen Nacken und barg ihr erglühendes Antlitz an seiner Brust. Er fuhr ihr spielend, wie einem Kinde, mit der Hand durch das seidenweiche Haar und küßte ihre Stirn.„Wie wunderlich Du heute wieder bist, Alba“, sagte er dann mit leichtem Unmuth. Ihre Arme ließen ihn frei und sich zurückbiegend und ihm traurig in die Augen sehend, erwiderte sie:„Du kommst jeden Tag später, Joseph!“
Er blickte sich lächelnd nach der Sonne um, die ihre letzten Strahlen, wie flüssiges Gold, durch die Baumzweige gleiten ließ.“ „Es ist immer die gleiche Stunde“, sagte er. Sie lachte kurz auf. „Nur daß die Sonne jeden Tag früher hinter die Berge geht.“— Sie hatte sich wieder auf ihren Platz niedergelassen und er setzte sich neben sie und legte ihr den Arm leicht um die Hüften.„Daran habe ich wirklich nicht gedacht“, scherzte er,„aber Du hast Recht, die Welt ist so schön, daß man darüber auf Augenblicke vergessen kann, wie zwei Augen noch schöner sind—“
Sie schüttelte leicht das Haupt und warf einen nachdenklichen Blick in die Runde.„Mich dünkt, sie wird immer trauriger,“ sagte sie,„der Winter kommt—“ 2


