Ausgabe 
3.10.1886
 
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suchen. Der Schreckschuß mit Kamerun hat übrigens seine Wirkung nicht verfehlt Soden hat nur Urlaub genommen, um ein paar Tage auf's Land zur Jagd zu gehen.

Ob wohl der Mr. Barrington derselbe ist, fuhr er in seinem Selbstgespräch fort,der uns kürzlich im Kasino mit Taschenspieler kunststücken unterhielt, damals klang der Name etwas anders, es wäre aber auch interessant, darüber ins Klare zu kommen.

Da ist ja Soden wieder! sagte am Vormittage des 27. Februar Lieutenant Rauch zu Otto v. Burg, mit welchem er dieEsplanade entlang schlenderte,ich muß sogleich Beschlag auf ihn legen für den heutigen Abend bei meiner Tante; sie fürchtet, es könne Mangel an Tänzern eintreten und hat mir auf die Seele gebunden, noch herbeizuschleppen, wessen ich nur habhaft werden kann. Sie bleiben unerschütterlich, Burg?

Ich habe Ihnen bereits erklärt, daß es mir für heute Abend unmöglich ist, erwiderte Otto mit der ernstesten Miene, die ihm zu Gebote stand. i

Das wollen wir nun so schroff nicht hinstellen, lachte Rauch, jedenfalls sehe ich, daß Ihnen nicht beizukommen ist und will mein

Heil bei Soden versuchen.

In dieser Stunde sollst Du erkennen, was für ein Herz Du Dein konnt'st nennen, summte Lieutenant von Burg,Sie sollen doch sehen, daß ich nicht ohne Interesse für den großen Abend Ihrer Tante bin. Sagen Sie Soden nichts von dem Spiritisten⸗Genusse, der ihm bevorsteht, sonst läßt er sich nicht einfangen.

Also der Mr. Barrington verscheucht Sie, nun verstehe ich; es ist auch mein Fall nicht, aber que faire? Haben Sie für Ihren Wink den besten Dank. Es ist kameradschaftlich gegen mich ge handelt, wenn auch nicht gegen Soden.

Man kann eben nicht zween Herren dienen, antwortete Burg, schnitt eine drollige Grimasse, reichte dem Kameraden die Hand und bog in eine Seitenstraße ein. Rauch machte lange Schritte und stand bald neben dem Hauptmann von Soden, der vor dem Schaufenster einer Kunsthandlung Posto gefaßt hatte und gänzlich in die Betrachtung der dort ausgelegten Kupferstiche und Radirungen vertieft schien.

Rauch legte ihm die Hand auf die Schulter.

Wieder zurück, lieber Soden?

Ah, sieh da, Rauch! rief der Hauptmann, sich umwendend; seit gestern Abend bin ich wieder hier.

Hocherfreut, Sie zu sehen; es ging das Gerücht, Sie hätten sich einer Expedition nach dem Nordpol angeschlossen.

Mein Ehrgeiz erstreckte sich nicht bis zu der Jagd auf Eis⸗ bären und Walfische, ich habe nur Hirsche, Rehe und Hasen ge⸗ schossen, erwiderte Soden, auf den Scherz eingehend.

Und mich sehen Sie auf der Jagd nach einem noch viel edleren Wilde, ich fahnde auf Kavaliere und besonders auf Offiziere, lachte Rauch,und hoffe, soeben eine gute Beute gemacht zu haben.

Das heißt in schlichtes Deutsch übersetzt?

Meine Tante, die Baronin Olden, giebt heute eine große Abendgesellschaft, hat bedeutenden Succurs durch den Landadel er⸗ wartet und viele Absagen erhalten, da hat sie mich ausgeschickt, ihr einzufangen, was ich von tanzbaren Herren aufzutreiben vermag. Sie würden, wären Sie hier gewesen, eine Einladung in aller Form erhalten haben

Ich verstehe; bis an den Nordpol konnte man mir die Karte nicht schicken, fiel Soden ein.

Nein, aber da Sie nun wieder hier sind und doch sonst bei meiner Tante verkehrt haben, so denke ich, falls Sie nicht jede Ge selligkeit abgeschworen haben

Ich komme selbstverständlich zu der Abendgesellschaft Ihrer Tante, es ist für mich eine Ehrenpflicht und ein Vergnügen, unter⸗ brach ihn der Hauptmann hastig, denn der forschende Blick, den Rauch auf ihn richtete, wollte ihm gar nicht gefallen.Apropos, kommt Burg auch? warf er dann wie von ungefähr hin,ich dächte, ich hätte ihn soeben gesehen.

Nein, er macht allerlei Ausflüchte, erwiderte der Lieutenant mit einem diplomatischen Lächeln, das Soden sich aber auf seine Weise deutete; sichtlich erleichtert, wiederholte er seine Zusage.

Während dieses Gespräch zwischen den beiden Offizieren geführt ward, hatte Lieutenant von Burg eine wohlbekannte Thegterbuch⸗

handlung aufgesucht. Nach kurzer Zeit trat er daraus wieder her⸗ vor, rief einen unweit davon haltenden Droschkenkutscher an und nannte ihm eine Adresse, die er von einer Karte, welche er in der Hand trug, ablas. Die Fahrt ging nach einem im Mittelpunkt der Stadt belegenen Hotel garni.

(Schluß folgt.)

Lose Blätter.

Unsere Bilder. Vor wenigen Jahren erregte ein Gemälde von Meyer⸗ Bremen auf der akademischen Ausstellung zu Berlin das lebhafte Interesse der Besucher.Die junge Mutter nannte der Maler sein Bild, das nicht nur durch die reizvolle Behandlung des jugendschönen Frauenkörpers und die warme Beleuchtung anziehend wirkte, sondern mehr noch durch den Um⸗ stand, daß etwas von dem Mutterglück des jungen Weibes sich in den Zügen und der Haltung der Schläferin spiegelte. Unser Bild entbehrt zwar des Farbenzaubers, der die Figuren verschönte, allein auch die Zeichnung läßt uns den Reiz der traulichen Familienscene empfinden. Das Bildchen Coeurbube ist nicht schwer verständlich. Die Schöne mit den großen träumerischen Augen hat die Karten befragt, ob ihr der Liebste zum Gatten bestimmt sei und ihre Hand hat den Coeurbuben gezogen. Die Dame wünscht es jedenfalls, daß das Karten⸗Orakel Recht behalte und der Herz- bube ihre Hand begehre. 70 655

Der wisch⸗Fanatismus. Unter den geistlichen Orden der Muhammedaner übertreffen die Rufagees alle übrigen Derwische an Fanatismus. Ihre Ceremonien sind ebenso unsinnig wie grausam. Sie beginnen ihre feier⸗ lichen Zusammenkünfte mit wildem Geschrei und heftigem Springen, ihrem heiligen Gesange und Getanze. Sind sie dabei sämmtlich zur Erde gestürzt, so erhebt sich der Schaik(der Obere des Ordens) von seinem Sitze und holt eiserne Instrumente herbei, die er glüht und seinen Gläubigen reicht. Diese belecken das glühende Eisen, als ob es ein lieber Gegenstand sei und kühlen es endlich im Munde ab. Wer kein Eisen erhält, ergreift mit Wuth ein Messer und verwundet sich Arme und Beine. Dabei stößt keiner dieser Fanatiker einen Schmerzensschrei aus, sondern sie werfen sich, wenn die Kraft erlahmt, einem Bruder in die Arme. Der Schaik berührt die Wunden mit Speichel und spricht Segensworte darüber. Der Orden der Begtaschi, der noch strenger war und sich auch die Lieblinge Allahs nannte, wurde in den dreißiger Jahren unseres Säkulums durch ein Irade aufgehoben.

W. G.

Im Kreuzzuge gegen die Albigenser fragten die nordfranzösischen Ritter den päpstlichen Legaten, wie sie bei einem Sturme oder in einer Schlacht die rechtgläubigen Katholiken und die Ketzer von einander unter⸗ scheiden könnten.Gebt Euch damit nicht ab, lautete die Antwort,sondern Gott wird die Seinigen schon erkennen und schützen.

W. G.

schlagt Alles todt.

Amerikanische Pferdefähre. In der sehr belehrenden Reise des Herzogs Bernhard von Sachsen⸗Weimar⸗Eisenach durch Nordamerika in den Jahren 1825 und 26 findet sich folgende Beschreibung einer Pferdefähre über den Hudsonfluß, am Dorfe Greenbusch, nahe bei Albany.Diese Fähre besteht aus zwei aneinander befestigten Schiffen, die ein gemeinschaftliches Verdeck, und zusammen eine elliptische Form haben. Auf demselben steht ein rundes Haus, in welchem sechs Pferde im Kreise herumgehen und ein horizontales Kammrad drehen; das Kammrad bewegt ein Skirurad, und das Stirnrad ein vertikales Rad, um dessen Axe sich zwischen den beiden Schiffen zwei gewöhnliche Räder mit Schaufeln, wie bei den Dampfbooten, drehen, und das Ganze in Bewegung setzen. Die Wagen weiundzwanzig zwei⸗ spännige können auf einmal übergefahren werden. ehen rechts und links an der Fähre neben dem runden Hause, in welchem die Pferde sind. Ein vorn und hinten angebrachtes Steuerruder geben der Fähre die gehörige Direktion. M.

Champagner ist nicht Dresdener Bier. Der Kurfürst von Sachsen und König von Polen Friedrich August gab seinen getreuen Ständen während des Dresdener Landtages ein prächtiges Bankett. Da fehlte es an nichts, und die Herren Hofpoeten waren nicht müßig gewesen, den Glanz in tönenden und nichk tönenden Versen nach französischer Art, den in steifen Formen daherschreitenden Alexandrinern, zu preisen. Auch denSchaum- wein aus Champagner Flur hatten sie nicht vergessen und sie waren nicht die Einzigen, welche daran Gefallen fanden. Zu selbigen gehörte ein königlich kurfürstlicher Lakei, der eine Flasche in die weite Pattentasche versenkt hatte. Es ist jedoch nichts so fein gesponnen, es kommt endlich doch an die Sonnen, sagt das Sprüchwork, und ein schadenfroher Dämon treibt hin und wieder sein schadenfrohes Spiel. So explodirte die annektirte Flasche, und der entfesselte Wein nahm den Weg in Friedrich Augusts Perrücke. Die Locken sind dahin, die Haarsträhnen triefen. Die Gäste ziehen die bedenklichsten Mienen; denn sie wollen das Lachen unterdrücken. Der Lakei aber stürzt sich dem Fürsten zu Füßen und schreit:Gnade! Friedrich August nimmt die Allongenperrücke vom Haupte.Bring' eine neue! spricht er ruhig:Ein anderes Mal gehe nicht so ruchlos mit dem Schaum⸗ wein um; denn Champagner ist kein Dresdener Bier. W. G.

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