Ausgabe 
3.10.1886
 
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kurzen Zeit, wo ich sie nicht gesehen habe, erschrecklich verändert. Ist denn die Geschichte mit Soden immer noch nicht im Reinen?

Ich weiß es nicht! seufzte Frau von Burg und machte eine weinerliche Miene.Er war an dem Nachmittag hier, als ich Frau von Etzel zur Kaffeestunde besuchte.

Glaubst Du, er habe um sie angehalten und sie habe ihm einen Korb gegeben?

Wie soll ich denn das wissen? Clarissa sagt mir so wenig etwas von ihren Angelegenheiten wie Du. Ich weiß wahrlich nicht, warum ich noch in der theuren, unbehaglichen Residenz lebe; ihr beide braucht mich ja doch nicht. Du wohnst so wie so nicht bei mir, 1 in der Nähe Deiner Kaserne und Clarissa hat Freundinnen, bei denen sie sich wohler fühlt als bei ihrer Mutter. Ich kündige die Wohnung und bleibe Sommer und Winter draußen auf meinem Gute.

Es war dies Frau von Burgs Haupttrumpf, den sie ausspielte, sobald sie sich von ihren Kindern vernachlässigt oder von ihren Be kannten verletzt glaubte. Otto kannte dies schon und wußte auch, welche Karte er dagegen zu werfen hatte. Er schlang seinen Arm um sie und sagte in weichem, schmeichelnden Tone:

Das thust Du ja doch nicht, Mütterchen, das kannst, das darfst Du mir nicht anthun! Was sollte ich anfangen, wenn ich nicht jeden Tag wenigstens einmal zu Dir kommen könnte? Und Clarissa hier allein lassen, daran ist erst garnicht zu denken! Was ist Dir? Wer hat Dir etwas gethan?

Die Sache mit Soden und Clarissa beunruhigt mich, ent⸗ gegnete Frau von Burg schon wieder halb versöhnt,und dann hat man auch sonst seine Verdrießlichkeiten. Denke Dir nur, da hat mir Frau von Wedel erzählt, bei der Baronin Olden wäre am 27. eine große Abendgesellschaft und wir haben keine Einladung dazu erhalten.

Abscheulich! rief der Lieutenant mit gutmüthigem Spott,aber es ist ja noch lange hin bis zum 27., die Einladung kann ja noch kommen.

Nein, nein, die Olden ladet immer sehr früh ein, behauptete Frau von Burg,findest Du es nicht auch sehr rücksichtslos von ihr?

Unverzeihlich, lächelte Otto.Weißt Du was, Mütterchen, bei der nächsten Gesellschaft, in der ich mit der Baronin zusammen⸗ treffe, verwickele ich meine Sporen in ihre Schleppe so, daß sie un rettbar verloren ist.

Aber Otto!

Oder soll ich lieber Dynamit unter ihren Wagen legen? fuhr der hübsche Husarenoffizier fort, indem er aufstand und sich zum Gehen anschickte.Ich muß jetzt zum Dienst, liebe Mutter, aber morgen Mittag komme ich, da wollen wir zusammen die jüngst geschossenen Hasen verspeisen, und vielleicht habe ich auch bis dahin etwas über Soden erfahren, was ich Dir erzählen kann.

Der Lieutenant entfernte sich, Frau von Burg blickte ihm mit den glückseligen Augen einer zärtlichen Mutter nach.

Ein toller Bursche, aber brav und echt wie Gold, flüsterte sie.

Wißt Ihr schon, Soden hat Urlaub genommen, und ist verreist, sagte Lieutenant von Burg am nächsten Tage, als er mit dem Glocken schlage vier in die Wohnung seiner Mutter trat, wo ihn der ge deckte Mittagstisch bereits erwartete. Er warf dabei einen schnellen Blick auf seine Schwester und glaubte ein jähes Zusammenzucken und Erbleichen zu bemerken, eine weitere Fortsetzung des Gespräches, das er einzuleiten gehofft, ward jedoch abgeschnitten, denn gleichzeitig mit ihm rief Frau von Burg, eine Karte in die Höhe haltend:

Die Einladung von der Baronin Olden ist doch gekommen, Otto. Frau und Fräulein von Burg werden auf Donnerstag den 27. des Monats zu einer Soiree eingeladen, las sie.Gedanken lesen, steht in Parenthese auf der Karte. Wie interessant!

Hu! versetzte der Lieutenant sich schüttelnd.Hoffentlich finde ich nicht auch eine Karte, wenn ich nach Hause komme. Es ist alles Humbug, immer dieselben Albernheiten; es kommt weiter nichts dabei heraus, als daß Männlein und Fräulein einander ungestört bei den Händen halten können.

Otto, das ist denn doch zu arg! schalt seine Mutter ganz empört.Wenn die Sache sich verhielte, wie Du sagst, so würde die Baronin wahrlich nicht dergleichen bei sich veranstalten. Uebrigens ist es nicht etwa so ein gewöhnlicher Gedankenleser, wie es zuweilen

von Dilettanten in Gesellschaft zum Besten gegeben wird; es wird ein wirklicher Spiritist, ein Engländer oder Amerikaner, ein Mr. Barrington, da sein. Es war kürzlich bei Etzels schon viel von ihm die Rede; er soll Wunderdinge leisten können.

Wunderdinge für Frau von Etzel, dazu gehört nicht viel. Bist Du denn auch von der Manie angesteckt, Clarissa? wandte sich der Lieutenant an seine Schwester, während er seiner Mutter den Arm reichte, um sie an den Tisch zu führen, denn die Dienerin hatte soeben die Suppe aufgetragen.

Ich ich, stammelte Clarissa,ich weiß nicht, ich denke aber doch, es muß etwas darin liegen.

Ja, aber was? scherzte der Lieutenant,doch Du hast mich vorher unterbrochen, liebe Mutter, was sagt ihr nur dazu, daß unser Freund Soden so plötzlich Urlaub genommen hat und ab gereist ist?

Wohin denn, Otto? fragte Frau von Burg.

Darüber sind die Meinungen getheilt. Manche sagen, er habe nur einen Ausflug nach Paris gemacht, Andere wollen behaupten, er sei um seinen Abschied eingekommen und wolle eine getäuschte Hoffnung in Kamerun vergessen.

Von wem hast Du das gehört? fragte Clarissa, während sie ihr Auge beharrlich auf den Teller gerichtet hielt.

Ich traf gestern Abend Held, der erzählte es mir; er fügte noch hinzu, er sei am vorigen Donnerstag gegen Abend Soden am Schillerplatz begegnet und hätte ihn anreden wollen, der sei aber ohne zu hören und zu sehen an ihm vorbeigestürmt, als ob ihm der Kopf brenne, es müsse ihm ganz etwas Besonderes begegnet sein.

Merkwürdig! versetzte Frau von Burg und blickte fragend und erwartungsvoll zu ihrer Tochter hinüber, da diese aber beharrlich schwieg, fühlte sie sich verletzt und versank ebenfalls in Schweigen. Um das Gespräch wieder in Gang zu bringen, erkundigte sich der Lieutenant in seiner liebenswürdigen Weise, was sie auf der Abend gesellschaft für eine Toilette zu tragen gedenke.

Ich lasse mir mein grünes Sammetkleid mit meinen echten Spitzen garniren und trage einen Aufsatz von Points und grünen Federn dazn, erzählte Frau von Burg, die sogleich in ihrem Fahr wasser war;Clarissa, Du hast mir noch gar nicht gesagt, was Du anzuziehen gedenkst, fügte sie, das Wort an die Tochter richtend, hinzu.

0 ich, erwiderte Clarissa, indem sie aus der auf dem Tische stehenden Schale etwas Zucker nahm und damit an's Fenster trat, um es dem Kanarienvogel in sein Bauer zu stecken;ich habe noch garnicht darüber nachgedacht, ich habe überhaupt wenig Lust, in die Gesellschaft zu gehen.

Keine Lust! wiederholte Frau von Burg, die Hände zusammen schlagend,was ist nur mit Dir vorgegangen? Noch vor etlichen Tagen warst Du ja Feuer und Flamme für Gedankenlesen, Geister⸗ schrift und wie die Dinge alle heißen; ich dachte, es würde Dich unglücklich machen, könntest Du die Gesellschaft nicht besuchen, des- halb sehnte ich mich ja nur so sehr nach einer Einladung.

Wenn ich nicht eingeladen wäre, würde es mich wahrscheinlich betrübt haben, und nun ich hingehen kann, mache ich mir nichts daraus, erwiderte Clarissa, ihren Platz wieder einnehmend, in müdem Tone,was man nicht hat, das gerade braucht man und was man hat, kann man nicht brauchen! Gesegnete Mahlzeit, Mama.

Man stand vom Tische auf und Clarissa eilte schnell aus dem Zimmer. i

Otto, kannst Du mir erklären, was das Alles bedeutet? jammerte Frau von Burg.Es ist doch ein wahres Elend mit dem Mädchen! So viel wie ich steht ja keine Mutter mit ihren Kindern aus!

Mit mir doch nicht, ich bin doch ein Musterknabe, Mütterchen, schmeichelte der Offizier und brachte die schwache Mutter bald wieder in gute Laune; als er sie bald darauf verließ, dachte er aber ernst⸗ lich über das Betragen der Schwester nach.

Die arme Clarissa hat einen Streit mit Soden gehabt und ihm den Laufpaß gegeben, sagte er,und nun grämt sie sich und möchte ihn wieder haben. Ich möchte wohl wissen, was dahinter steckt; sollte mich gar nicht wundern, wenn es wegen des Spiritisten⸗ Schwindels einen Krach gegeben hätte; ich weiß, er haßt ihn wie die Sünde, und Clarissa, die sonst immer dafür schwärmte, war plötzlich so kühl und machte den Eindruck, als möge sie gar nichts davon hören; ich muß dem Dinge auf den Grund zu kommen

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