Ausgabe 
3.1.1886
 
Einzelbild herunterladen

29

0

N 6 D

hatten es mir angethan. Sie war dicht bei mir stehen geblieben, und ich strich ihr mit der Hand durch die blonden Locken, indem ich zugleich an den Alten die wie mir schien ganz selbstverständliche Frage richtete:

Ihr Enkelkind? d

Der alte Mann sah mich vergnügt blinzelnd an und sagte: Nein, meine Tochter. N

7 Ja, fuhr der Alte fort,Sie wundern sich; aber es ist nun einmal so, und über sein Gesicht ging ein Lächeln innerster Befriedigung.

Da können Sie von Glück sagen, war meine etwas prosaische Entgegnung. 5

Doch der Alte schien in diesen Worten mehr zu finden, als ich als er sagte:Ja, lieber Herr, mit dem Glück ist es so eine eigene Sache. Die Leute meinen gewöhnlich nie genug davon zu haben, und doch, glaube ich, ist es allen oft näher, als sie selbst wissen. Wie ja ein jedes Ding seine zwei Seiten hat, so ist auch bei dem größten Unglück doch immer etwas Glück dabei, davon bin ich fest überzeugt. Aber mein Schwatzen langweilt Sie gewiß, lieber Herr, was wünschen Sie denn für eine Blume?

Da der Alte seine philosophischen Betrachtungen so plötzlich ab brach, mochte auch ich das Thema vom Glück nicht weiter ver⸗ folgen. Ich erstand eine schöne, dunkelrothe Rose und empfahl mich, nachdem ich noch das mir freundlichst abverlangte Versprechen gegeben hatte, doch ja wiederzukommen, wenn ich auch gerade keine Rose kaufen würde.

Und ich kam auch wirklich wieder. Dieser stille, ruhige Ort übte eine merkwürdige Anziehungskraft auf mich aus. Es war mir wirklich, als wohne hier allein das Glück, das überall sonst die Menschen zu fliehen scheint.

Als ich einst wieder bei diesem Philosophen in der Hütte plaudernd saß, Flora war nicht zugegen, kam ich kurzweg mit der Frage heraus:Sie haben sich wohl nicht oft über die Ungunst des Ge schicks zu beklagen gehabt, das Glück hat offenbar einen Vertrag mit Ihnen abgeschlossen?

Der Alte sah mich ernst lächelnd an:Wie man es nehmen will, lieber Herr. Wie gesagt, ich glaube, die meisten Menschen beklagen sich, daß das Glück sie im Stich lasse, nur darum so sehr, weil sie es nicht zu finden wissen.

Und Sie haben es gefunden?

Kann sein. Freilich, meine Bekannten und Freunde wollten es nicht gelten lassen, sie nannten mich sogar stets nur den Pechvogel. Und sie hatten auch vielleicht in ihrem Sinne Recht damit. Aber Pechvogel und Glückspilz können oft dieselben Personen sein. Man muß es nur verstehen, das Glück im Unglück zu finden. Die Sache ist freilich gar nicht so leicht; aber mir ist es doch öfters gelungen.

Meine Neugierde war erregt, und ich bat meinen alten Freund, mir doch, wenn es ginge, etwas über die Kunst, das Glück zu finden, mitzutheilen.Oder ist das ein Geheimniß, dessen Offenbarung viel leicht Ihrem eigenen Glücke schaden könnte? fügte ich zögernd hinzu.

Ich bin nicht abergläubisch, versetzte der Alte und begann darauf zu erzählen:

Mein Vater hätte es gern gesehen, wenn ich eine große Schule durchgemacht und etwas Tüchtiges gelernt hätte. Aber ich war nicht sehr für die Schule, sondern tummelte mich weit lieber draußen in der frischen, freien Natur umher. Deshalb wollte es auch mit dem Lernen nicht so recht vorwärts gehen, so daß ich gar manchen Tag mit einem Sack voll Strafen nach Hause kam. Dann klagte ich mein Leid mit bitteren Thränen der Mutter, die mir dafür zum Trost oft ein Brötchen mit Honig reichte. Das war ja nun vielleicht von meiner Mutter nicht richtig gehandelt, jedoch unter den Thränen, die mir die ferneren Strafen entlockten, freute ich mich schon auf das darauf folgende Honigbrötchen. Und ich gewöhnte mich zuletzt daran, wenn mir etwas Schlimmes widerfuhr, das daraus entstehende Gute ausfindig zu machen, und es fand sich dann auch sehr oft, wenn auch nicht immer in Gestalt von Honigbrötchen.

ueber ein großes Leid konnte ich lange Zeit nicht hinweg, nämlich daß mein Vater mich durchaus zu einem Kaufmann machen wollte, während ich doch gar zu gern ein Gärtner geworden wäre. Mein Vater mochte ja nun wohl für seine Absicht seine guten Gründe haben, aber ich wollte diese nicht anerkennen. Da that ich einmal einen schweren Fall auf der Eisbahn, ich war ein flotter Schlitt

selbst darin sah; seine Mienen nahmen einen ernsteren Ausdruck an,

schuhläufer, lieber Herr. Ich fiel so schlimm auf den Kopf, daß ich eine Zeit lang darnach fast ganz das Gehör verloren hatte, welches ich auch in der Folge auf dem einen Ohr nicht vollständig wieder⸗ erlangte. Das war nun mein erster Glücksfall.

Daß Sie taub wurden, rechnen Sie sich zum Glück an? unterbrach ich den Erzähler etwas verwundert.

Das nicht; aber meine Schwerhörigkeit war der Anlaß, daß

ich doch nicht Kaufmann zu werden brauchte, sondern daß nun mein Lieblingswunsch, Gärtner zu werden, erfüllt wurde. Mein Vater hat sich hernach selber darüber gefreut, zu was für einen geschickten Gärtner ich es brachte. 5

So lebte ich denn viele Jahre still für mich und meine Arbeit hin. Es widerfuhr mir manches Gute und manches Schlimme, doch immer mehr befestigte sich in mir der Grundsatz, daß erst das Un

glück Einem das rechte Glück bringt. Ich war schon an die

vierzig Jahre herangekommen und war zufrieden mit meinem Loos. Aber mir war doch, als ob mir etwas fehlte, ein ganz bestimmtes Glück, mein nächstes großes Unglück sollte es mir bringen. Das Haus, in welchem ich wohnte, brannte nieder. Alle meine Habe ging dabei verloren und fast das ganze bischen Vermögen, das ich mir im Laufe der Jahre zusammengespart hatte.

Ich gratulire Ihnen noch nachträglich zu diesem ganz unverhofften Glückszufall, warf ich ironisch lachend ein.

Warten Sie nur, lieber Herr, Sie werden bald nicht mehr

darüber lachen, fuhr der Alte mit unerschütterlicher Ruhe fort.Mit mir war auch ein armes Mädchen, welches wie ich selbst schon längere Zeit in dem Hause gewohnt hatte, ohne daß wir jedoch näher mit einander bekannt geworden wären, durch den Brand um das Seinige gekommen. Ich sah sie auf einem verkohlten Balken sitzen und still für sich hin weinen; ich trat zu ihr und tröstete sie als Leidens⸗ genosse. Nach einem Jahr war sie meine Frau, ich war damals gerade noch einmal so alt wie sie. Wäre unser Haus nicht ab⸗ gebrannt, so würde ich wahrscheinlich noch jetzt als alter Junggeselle herumhumpeln. Nun galt es für Zwei schaffen und womöglich das Verlorene wiedergewinnen. Ich war denn auch, das darf ich wohl sagen, rüstig und frohen Muthes bei der Arbeit, meine Frau war auch nicht lässig, und so dauerte es auch gar nicht lange, da waren wir wieder oben auf. f

Des Sprechers Stimme senkte sich, als er fortfuhr:Unsere

Flora hatte noch zwei ältere Schwestern gehabt, na, er stockte wieder,es wäre uns ja schwer geworden, sie ordentlich auf⸗

zuziehen, die armen Dinger waren auch nicht recht taktfest mit der

Gesundheit, nun, unsere Flora kennen Sie ja.

Er lächelte schon wieder voll reinsten Vaterglücks.

Da dünken sich die Leute immer Wunder wie glücklich, wenn sie nur einen Sohn kriegen, thörichte Menschen, als ob sich das nicht ganz gleich bliebe. Wenn ich einen Sohn bekommen hätte, so würde er vielleicht meine jetzige Beschäftigung nicht begreifen können. So

ging es denn ruhig weiter, bis ich eines Tages von der Leiter fiel

und mir ein Bein brach.

Zu Ihrem Glück natürlich, schaltete ich gelassen ein.

Na, das will ich gerade nicht sagen, aber meine Frau freute , ee

Daß Sie das Bein gebrochen hatten?

Nein, das nicht, aber daß ich infolgedessen die Gärtnerei auf⸗ geben mußte; denn sie war eigentlich eine etwas schwächliche Natur, und das frühe Aufstehen war ihr immer schwer geworden. Sie hatte das Blumenmachen gelernt, von ihr lernte ich es nun. Und war es mir auch zuerst schwer geworden, von meinem Garten zu scheiden, so fühlte ich mich doch bald wieder in ihn hinein versetzt, als ich so viele Blumen aus meiner eigenen Hand erstehen sah. Wir ernährten uns redlich und lebten glücklich, sehr glücklich, vor einigen Jahren starb meine gute Frau, Flora wird jetzt bald zwölf Jahre alt. N

Der alte Mann sah vor sich hin auf den Tisch und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Ich fragte nicht, ob auch aus dem Tode seiner Frau ein neues Glück für ihn erwachsen sei.

Nach wenigen Augenblicken hob er seinen Kopf wieder empor und lächelte so freundlich und zufrieden wie sonst immer. Jetzt trat auch Flora ins Zimmer und flog, ohne sich an meine Gegen⸗ wart zu kehren, laut jubelnd ihrem Vater an den Hals. Der Alte küßte sie glänzenden Auges, betrachtete ihr Gesicht voll Rührung und flüsterte mir dann heiteren Blicks zu:Ganz wie ihre Mutter.

8 8