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in die Höhe zog.„Nun ja, ich habe sie eben auch sehr lieb; das kommt wohl noch daher, daß wir, uns einander trösten und be— ruhigen mußten, als die Mutter starb.— Das ist nun elf Jahre her, aber noch immer erscheint sie mir bei aller Lebhaftigkeit und Fröhlichkeit als etwas Schwaches, Zartes und Bedauernswerthes; in unseren Kinderspielen bin ich mehr als einmal in ihrem Dienst ge— storben; wollte Gott, ich könnte etwas thun, um sie glücklich zu machen!“—
Zwei Tage nach jenem Gespräch, am 23. Dezember des Jahres 187* waren wir drei, Gottlieb, der Knabe und ich nach des letzteren Heimath unterwegs, nachdem ich mir ernstlich und nachdrücklich von Beiden Stillschweigen über Oktav's Unfall und Lebensrettung er— beten hatte.—
Ein Nachtzug brachte uns bis nach Eger, das seine verpönten, rauchschwarzen Thürme und Dächer mit festlicher gleißender Schnee— decke verbrämt hatte. Im Fluge zogen uns dann die schellenklirrenden Rappen in dem Schlitten, den Oktav's Vater uns entgegengesandt, auf der glattgefrornen Landstraße der baierischen Grenze zu. Als wir die schwarz-gelben Grenzpfähle hinter uns hatten, brach der Knabe in ein glockenhelles Jubeln aus. Im scharfen Trabe ging es nun von Ort zu Ort. Die kleinen, traulichen Städte mit ihren Zwiebelthürmen, den sauberen Gassen und den leeren Storchnestern auf den Häusergiebeln flogen wie Traumesbilder im wallenden Früh— nebel an uns vorbei. Erst in Wunsiedel hielten wir in einem freundlichen, kleinen Hötel unsere Mittagsrast, nachdem wir zuvor am Markt das ernst-milde Steinbild Jean Paul's begrüßt hatten, auf dessen beeistem Lockenhaupt ein paar hungernde Ammern lärmend die goldigen Federn spreizten. N
Oktap's Ungeduld gönnte den braven Rossen nur kurze Ruhezeit. — Nie habe ich ihn so kindlich ausgelassen, so echt jugendhaft ge— sehen, als auf diesem Stück der Fahrt. Während der gute Gottlieb mit schöner Genauigkeit die Namen der Dörfer und Städtchen, die wir durcheilten, in sein Notizbuch verzeichnete und dabei den Kutscher, einen echten, dicken, phlegmatischen Baier, unaufhörlich nach der Anzahl und Gewerbthätigkeit der Bewohner fragte, sprudelte der Knabe fast über von launigen Einfällen, von schlagenden Witzen und lärmender Lustigkeit.
Noch ehe das karge Licht des Wintertages völlig erblaßte, lenkten wir von der Landstraße in den Burgweg ein. Ernst und stattlich schaute der graue Schloßbau von halber Höhe eines sanft aufsteigenden, fichtenbekleideten Hügels, der in der Ferne mit den malerischen Formen des Waldgebirgs verschmolz, hernieder. Aus den Zweigen mächtiger Rüstern, die die Einfahrt umsäumten, flatterten kreischende Krähenschwärme empor, wobei ein Regen klargestirnter Schneekristalle auf unsere Häupter herniederrieselte.
Allmälich ward die Rampe des Schlosses zwischen den Stämmen sichtbar; gleich goldenen Pfeilen schossen die Strahlen einer drinnen entzündeten Lampe durch die Bogenfenster in das Blau und Silber der Schneedämmerung. Ein Korps wachsamer Hunde lärmte dem heranklingelnden Gefährt entgegen.
Als der Kutscher mit einem kräftigen„Brr!“ die dampfenden Renner vor dem Thore zum Stehen brachte, trat aus der Helle der Hausflur ein schlankes Mädchen, aus deren blassem, zartgezeichneten Gesicht uns zwei große, genzianenblaue Augen ein träumerisches „Willkommen“ zulächelten.
Oktav, der als erster mit einem flinken Satze aus dem Schlitten gesprungen war, küßte ihr mit einer Ritterlichkeit, die dem halb— wüchsigen Jungen ganz reizend stand, die schmale Hand. Sie aber schloß ihn mit einem zärtlichen:„Grüß Dich Gott!“ in die Arme während die große, graugefleckte Dogge, die an des Mädchens Seite aus dem Hause gekommen war, freudig kläffend an den Beiden in die Höhe sprang.
Indeß sie uns dann nach freundlicher Begrüßung zum Näher⸗ treten einlud, schritt ein greiser, hünenhafter Mann in kurzem Jagdwams, mit dem Hinterlader über der Schulter, von einem Parkwege her der Auffahrt zu. 6
„Vater! Vater!“ rief Oktav mit blitzenden Augen.
„Wetterjunge, da bist Du ja schon? Seid ihr denn hergeflogen?“ tönte es mit so jugendlicher Frische von des Kommenden Lippen, daß dessen eisgrauer, bereifter Bart und sein lockiges Silberhaar nur wie eine lustige Fastnachtsverkleidung im Vergleich zu dieser Stimme erschien.
Die trauliche, liebe Art, mit welcher der Freiherr uns dann
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begrüßte, veranlaßte Oktav, mir leise zuzuflüstern 5„Glaubst Du es nun, daß Du gern gesehen bist?“ 5
Wenn ich es noch nicht geglaubt hätte, so wäre ich im Laufe
des Abends überzeugt worden.— Gastfreundschaft im schönsten und liebenswürdigsten Sinne däuchte mir der gute Geist des Schlosses zu sein, dessen staubgraues, Jahrhunderte altes Steingewand über⸗ haupt nur als eine schlichte Hülle für die reiche, solide Pracht des Innern erschien. 5
(Fortsetzung folgt.)
Der Glückspilz.
Eine moderne Idylle von G. Wunschmann.
Es find schon viele Jahre her, daß ich fast täglich in einem der belebtesten älteren Stattheile Berlins an einem Hause vorüberging, dessen unterste Wohnungen zu ebener Erde lagen, so daß man be— quem von der Straße aus durch die Fenster Einsicht in die Zimmer nehmen konnte. Aber der Berliner hat für gewöhnlich nicht Zeit, den Leuten in die Fenster zu gucken. Was mich jedoch veranlaßte, zuerst zufällig, dann mit wohlbewußter Absicht und zuletzt jedesmal,
wenn ich an jenem ziemlich unansehnlichen Hause vorüberging, vor
einem der unteren Fenster stehen zu bleiben und in das Zimmer, zu welchem es gehörte, einen Blick zu werfen, hatte seinen ganz be⸗ sonderen und eigenthümlichen Grund. f a
Jenes Fenster stand, so bald es nur immer das Wetter zuließ, offen. Und wenn man durch dasselbe in das Zimmer schaute, konnte man gewiß sein, vor einem großen weißgescheuerten Tisch einen schon älteren, bartlosen Mann sitzen zu sehen, welcher— Blumen anfertigte, künstliche Blumen. Ein Mann, der Blumen fertigt! Gewiß war es dieser, der Vernunft als unlogisch sich aufdrängende Umstand, der meine Blicke unwillkürlich in das bescheidene Stübchen hineinzog und gefesselt hielt. Denn gehören nicht in der Vorstellung noth— wendig Blumen und Frauen zusammen? Nur die Hände zarter Frauen, so meint man, könnten im Stande sein, die Blumen, diese Duft und Freude umhauchten Kinder der Natur, nachzubilden. Und hier sah ich einen Mann die schon zitternden Hände emsig und eifrig regen, aus den vielfarbigen, feinen Gewebstoffen die Pflanzen täuschend nachzuahmen und zu gestalten..
Man merkte es dem alten Manne an, daß nicht nur seine Hände mechanisch beschäftigt waren, sondern auch seine Seele ganz und voll an seinem Werke Theil hatte; man merkte es an dem ruhig friedenen Lächeln, das auf seinem Gesicht schwebte, an dem mi! Glanz der Augen, die sich tief hinein in die zarten Gebilde se Hände zu senken schienen.. f
Doch die rechte Vervollständigung erhielt das Bild in dem kleinen Zimmer erst, wenn dem alten Manne gegenüber das liebliche, etwa zwölf Jahre alte Mädchen stand, auf den Tisch den Arm gestützt, der den reizenden Lockenkopf trug. Das Kind schaute bald auf die Blumen, bald auf das Gesicht des Alten, der ihm dann vergnügt zunickte, auch wohl ein paar Worte wie zur Belehrung zu ihm sprach.
Ich hatte mich mit der Zeit so an den Anblick dieser traulichen
Idylle gewöhnt, daß mir etwas zu fehlen schien, wenn irgend ein
Umstand mir diesen Anblick verwehrte. Und wenn ich dann den Kopf wieder dem Lärm der Straße zuwandte, kam mir der Gegen⸗ satz recht wunderlich vor. Ich fühlte es in innerster Seele: in jenem kleinen Raum wohnte, was dort draußen selten zu finden ist, Zufriedenheit und Glück. f
Ohne selbst meiner Absicht klar bewußt zu sein, trat ich eines Tages in das Stübchen ein und fragte den Alten, der, die Hand an's Ohr haltend, mir freundlich zulächelte, fast schüchtern, ob er wohl an den Ersten Besten Blumen verkaufe.
„O gewiß, mein lieber Herr,“ antwortete jener mit sanfter, wohltönender Stimme, und zu dem kleinen Mädchen, das den frem— den Mann mit großen Augen anstaunte, gewandt, fuhr er fort: „Mach, Flora, setz' dem Herrn einen Stuhl hin.“
Flora! mir war, als konnte das Kind in dieser Umgebung gar nicht anders heißen. 0
Und als wäre ich ein Freund der Familie und kein Fremder, der nur etwas kaufen will, nahm ich auf dem dargebotenen Stuhl Platz. Ich fühlte mich auch alsbald ganz heimisch. Flora mit ihren großen, blauen Augen, die noch verwundert auf mich sahen,
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