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Daheim, auf meinem Lager, löste ich mit des guten, jammernden Gottlieb Hilfe seine eisigen Kleider und suchte durch Reiben mit Rum und heißen Tüchern das erstarrte Blutt zu beleben. Unsre Wirthin stand händeringend dabei und beklagte das arme, junge Leben. Endlich ehe noch der Arzt, nach dem wir sogleich gesandt, uns zu Hilfe kam, überzog sich die gelbliche Blässe des kalten Ge— sichtes mit einem feinen, flüchtigen Schein von Roth.„Er lebt!“ schrie ich fast auf, da ich mein Ohr zu dem Herzen des Ver⸗ unglückten neigte und dort ein leises, kaum merkliches Klopfen ver— nahm.„Ja, er lächelt sogar,“ rief Gottlieb gerührt.
In der That schlossen sich bei meinem Jubellaut die starren Augen, und ein liebliches Kinderlächeln, das unverändert stundenlang währte, legte sich um den bleichen Mund.
Als der Arzt ins Zimmer trat, erklärte er Oktav für gerettet.
„Sie können die Eltern getrost holen lassen, jede Gefahr ist vorbei,“ sagte er.
„Wer sind eigentlich seine Eltern?“ fragte ich, nachdem ich auf
des Arztes dringendes Kommando meine eigene, triefende Kleidung
mit trockenem Zeuge vertauscht hatte.
„Er ist in Pension hier bei einem alten Oberst, der sein Ver— wandter ist,— seine Heimath ist Burgsassen am Fuße des Fichtel— gebirgs.“
Nach kurzem Berathen machte sich Gottlieb, der die Wohnung von Oktav's Onkel kannte, nach derselben auf, um das Geschehene schonend zu berichten. Auch der Arzt verließ den Patienten mit der beruhigenden Voraussage, daß dieser aus dem friedlichen Schlafe, der ihn jetzt umfing, in kurzer Zeit matt, aber völlig wohl er— wachen werde.
Als ich dann beim gedämpften Schein der grünverhangenen Schirmlampe allein an des Knaben Bett saß und das neuerwachte Pulsiren und Athmen des jungen Lebens bewachte, war mir zu Muthe, als habe ich plötzlich unverdienter Weise einen Antheil an dem köstlichen Gut dieses frischen, vielverheißenden Daseins gewonnen.
In überströmender Empfindung neigte ich mich über den Schläfer. — Da schlangen sich seine Arme um meinen Hals, seine feine Wange schmiegte sich an die meine und seine Lippen flüsterten dicht an meinem Ohr:
„Ich freue mich viel mehr darüber, daß Du's bist, der mich ge— rettet hat, als daß ich überhaupt noch lebe. Du glaubst es nicht, wie lieb ich Dich habe. ˖
„Gott segne Dich!“ sagte ich tief ergriffen, indem ich seine
warmen Lippen küßte.
Dann blieb es lange still im Zimmer. Der Knabe war wohl zu schwach, um mehr zu reden; mit blassem, vergeistigtem Gesicht und großen, feuchtglänzenden Augen lag er da, seine Hände, die auf der Bettdecke ruhten, hielten die meinigen umschlungen. Mir selbst wehrte die innige Bewegung meines Innern, den Zauber dieser Stunde durch einen Laut zu stören. N
Mit Gottlieb, der bald darauf zurückkehrte, kam Oktav's Onkel, ein greiser, militärisch aussehender Herr, um selbst nach dem Be— finden seines Pflegesohns zu schauen.
Der Klang der vielen flüsternden Stimmen schien den Knaben vollends zu beleben. Er richtete sich beim Eintritt des alten Mannes wie ein Gesunder auf seinem Lager auf und sagte mit festem, ein wenig trotzigem Ton:
„Verzeihe mir, Onkel, daß ich Dir diesen Schreck bereite. Ich werde sicher morgen wieder wohl sein, wenn Du mir versprichst, dem Vater und Mariannen nichts zu schreiben.— Sie werden viel weniger erschrecken, wenn ich ihnen selbst bei Gelegenheit alles erzähle.“
Wortlos schlug der alte Herr in die dargebotene Hand des Neffen ein.
„Ohne Veit Scheffler wäre ich gestorben, dann hättest Du schwere Dinge zu melden gehabt,“ fuhr dieser unerbittlich fort.
Vergebens strebte ich, den überfluthenden Dank des Edelmannes zu hemmen. Oktav, der meine Verlegenheit sah, schloß endlich lächelnd die Augen, um dem Hin- und Herreden ein Ende zu machen.—
Am anderen Tag war der tapfere Bursche wirklich so weit, daß er das Lager verlassen und in die Wohnung seines Onkels übersiedeln konnte.
Als er Abschied nahm, sagte er mir leise:„Da ich Dich zum ersten Mal sah, wünschte ich mir, erwachsen und tüchtig zu sein, um Dein Freund werden zu können,— nun hat das Schicksal mich
genau so groß und gaf
armen, dummen Jungen Dir auf so eigene Weise in den führt,— gelt, Du lässest mich nun nicht wieder?“
„Du sollst mein Bruder sein, Du lieber, wilder sagte ich. f
„Ja, Dein Bruder! Ich könnte auch im Leben nicht wieder „Sie“ sagen, nachdem ich Dich gestern in der ersten Erregung mit „Du“ angeredet hatte!“
Weg ge⸗
Vogel!“
Seit jenem Tag betrachtete ich den Knaben wirklich als Bruder und was noch mehr ist, als lieben, kleinen Freund, mit dem man unter Umständen ein ernstes Wort reden kann, das im Grunde über den Anschauungkreis seiner Fahre hinausgeht. Sein kluges Fragen, das von einem frühreifen, verständigen Denken zeugte, brachte uns oft auf Gespräche, deren Tiefe mich selbst überraschte; indessen war Oktav nichts weniger als ein Grübler oder Kopfhänger; ich habe nie Jemanden witziger scherzen, übermüthiger lachen hören als ihn.
Daß ich ihn innig liebte, geht daraus hervor, daß er der einzige war, den ich beim Arbeiten um mich leiden mochte;— stundenlang konnte er, ohne zu ermüden, mit seinen ausdrucksvollen Blicken der Führung meines Pinsels folgen, obgleich ich an ihm zu meiner Be— trübniß auch nicht einen Hauch eigenen künstlerischen Könnens zu entdecken vermochte. a
Ueber dem täglich schöneren Erblühen unserer Freundschaft kam das Weihnachtsfest heran.
„Ich werde dieses Jahr nur unter einer Bedingung heimreisen, Veit,“ sagte Oktav, als wir auf einem Spaziergang längs des Flusses einst als ersten Vorboten des Festes einigen mit Tannen und Fichten beladenen Wagen begegneten.
„Oho, machst Du noch Bedingungen, Du Glücklicher, statt zu jubeln, daß Du eine Heimath hast, in der man Dir den Lichter— baum schmückt?“ sagte ich ein wenig schwermüthig.
„Ich will es nicht besser haben als Du,“ entgegnete er.— „Aber komm Du mit mir, so reise ich. Das ist meine Bedingung.“
Vergebens stellte ich ihm vor, daß ich viel zu viel gute Freunde habe, um Gefahr zu laufen, den heiligen Abend einsam und ohne Kerzenglanz und Kuchenduft zu verbringen.
Mit Schmeicheln und Trotzen brachte er mich so weit, daß ich seine Idee in Erwägung zu ziehen begann.
„Denke Dir nur den Fichtelwald im Schnee,“ sagte er mit leuchtenden Augen, als er sah, daß ich nicht weit davon war, ein— zulenken.„Wir werden die Köseine besteigen, frühmorgens im Dämmerlicht am liebsten und dann die Sonne von droben über den Reif und Nebel heraufsteigen sehen. Es ist zu prächtig, wenn jede der flimmernden Kuppen ihre goldene Krönung aus dem Duft der Thäler streckt!“
„Was werden aber die Deinen zu der Einquartierung sagen, die Du Dir mitbringst?“ fragte ich, schon halb gewonnen.
Er lachte.„Laß es darauf ankommen, was sie sagen.—— Sage
nur Du„Ja“.— nachtsglück!“—
„Und Gottlieb?“ fragte ich, noch zum Scheine zögernd.
„Er fährt selbstverständlich mit uns! Glaubst Du, wir hätten nicht Platz? Ich werde Dir eine alte Chronik zeigen, wo es mit verblichener Tinte auf halbzerfallenem Papier zu lesen ist, daß zur Hochzeit meiner Urahne mehr als fünfzig Gäste in Burgsassen be— herbergt wurden. Heute ist unser gutes, altes Raubschloß noch stfrei wie damals.— Wie freue ich mich, daß Du meinen Vater kennen lernst und Marianne und das Bild meiner armen todten Mutter, von dem ich Dir so viel erzählte!— Wäre nur Käte auch zu Haus! Es war eigentlich recht überflüssig, daß sie so weit fort ging! Was kommt darauf an, ob sie ein wenig besser französisch spricht oder nicht! Aber sie wollte selbst durchaus die Welt sehen— als ob sie nicht noch Zeit hätte mit ihren fünf⸗ zehn Jahren!“
Von dieser Käte, seiner Zwillingsschwester, erzählte der Knabe am liebsten; sie war die Genossin aller seiner Kinderstreiche und nach seiner Beschreibung ein wildes, unbändiges, knabenhaftes Ding, das nun in einer Pension bei Lyon die Normen des feinen An— standes in französischer Sprache eingeimpft bekam.
„Sie wäre Dir doch noch ein lieberer Weihnachtsgast, als wir es sind,“ neckte ich.
„Lieber als Du?“ meinte er, indem er die
Liebster, komme mit; bescheere mir dieses Weih—
Brauen nachdenklich


