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Beilage
zu den
Oberhessischen Nachrichten.
O Vr. stess, Univ. Bibliothek Giessen.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Nr. 1.
Gießen, den 3. Januar.
1886.
Die Schwestern.
Von Frida Schanz.
Durch den Beistand Gottes und den eines treuen, hochsinnigen Menschen fühle ich mich nach langem Siechthum an die Schwelle eines neuen Lebens und Schaffens gestellt.— Die Vergangenheit mit ihrem Weh soll begraben sein!— Nur einmal noch will ich, indem ich die Erinnerungen einer todten Zeit in Folgendem zusammen— fasse, das Ueberwundene durchleben,— dem Auswanderer gleich, der einmal noch an den lieben Gräbern der Heimath betet und weint, ehe er über die Grenzmarken der heiligen Jugendstätten schreitet!
Aus der frühesten Zeit meines Lebens, die in Entbehren und Darben verfloß, hatte ich in mein vom Himmelslicht meiner theueren Kunst überstrahltes Jünglingsalter die Liebe und Anhänglichkeit zu einem Freund hinübergenommen, der schon als achtjähriger Knabe durch den Beinamen„das Schulmeisterlein“ von den Nachbarskindern gekennzeichnet wurde und der auch in reiferem Alter durch seine spießbürgerliche Erscheinung, die komische Pedanterie seiner Manieren und seinen ewig docixenden Redeton den prächtigsten Repräsentanten dieser Benennung ausmachte.
Was mich eigentlich aus der feinen Gesellschaft, die mir armen Burschen so unverdienter Weise ihre Kreise öffnete, immer wieder unwiderstehlich zu dem geliebten Erzphilister hinzog, der als treffendste Signatur den Namen Gottlieb Gutmann durchs Leben trug,— könnte ich kaum bestimmen. Vielleicht war es seine gut— müthige Ehrlichkeit, vielleicht mehr noch ein Gefühl der Nachbartreue, welches mich nie vergessen ließ, daß unsere Wiegen, nur durch eine dünne Wand getrennt, unter demselben armseligen Dach desselben hochstöckigen Vorstadthauses gestanden hatten.
Als Knabe empfand ich außer meiner Zuneigung noch eine ge— wisse Art von scheuer Ehrerbietung vor dem flachshaarigen Buch— binderssohn; fielen doch dessen Brotschnitten um so vieles größer aus, als die meinen, und hörte ich es doch so oft aus meines Vaters Mund, daß der Nachbarsjunge, als einziger Sprößling, ganz andere Zukunftsaussichten habe, als ich und die Geschwister, die wir ein
Nest voll fünf hungriger Mäuse ausmachten, welches dann freilich durch das ansteckende Hautfieber, das unser Aeltester mit aus der Schule brachte und auf die Kleinen übertrug, so furchtbar leer und öde ward!
Gottliebs hauptsächliches Uebergewicht über mich schreibe ich
heute noch seiner immer in musterhafter Ordnung befindlichen Blei—
stiftbüchse zu, deren Inhalt er mir stets großmüthig zur Verfügung stellte, sodann einem wohl assortirten Vorrath von Papierstreifen und einem mächtigen Malkasten, dessen Farbentäfelchen durch ihre zähe Unlöslichkeit in meinen Angen keineswegs verloren. Unverändert dauerte meine Neigung für das„Schulmeisterlein“ Weis⸗
sagung der Nachbarskinder zu verwirklichen, mit der grünen Mütze
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auf dem blonden Scheitel nach dem Seminar pilgerte, während ich selbst durch die Güte des unvergeßlichen Galleriedirektors H., der mich einst beobachtet hatte, wie ich allerlei unmögliche Fabelwesen in den Sand des Zwingergartens gezeichnet, unter den Schülern der Akademie installirt war.
Gottliebs Nüchternheit, seine Pedanterie und seine schlicht bürger— liche Moral däuchten meiner jungen, von tausend schrankenlosen Gedanken, Wünschen und Hoffnungen durchflutheten Seele als ein Gegengewicht, das ich nicht hätte missen mögen.— Wie oft habe ich Ruhe und Maß in der Gesellschaft des kindlichen Gesellen wieder— gefunden, wenn es in mir wogte und stürmte, wenn der Glanz einer erträumten Schönheit und der Schmerz um die Unzulänglichkeit menschlicher Schaffenskraft meine Seele füllte oder wenn der junge Ruhm, der sich wie ein Lenzvogel unvermuthet über Nacht in mein Kämmerlein stahl, mir mit seiner süßen, lockenden Stimme den Sinn verwirren wollte!
Als wir dann beide fast zu gleicher Zeit den Tod unserer Eltern beweinten, rückten unsere Herzen im Leide nur noch näher und traulicher zusammen.
In jener Zeit wußte ich es ihm einzureden, daß seine Würde als neuernannter Hilfslehrer einer vorstädtischen Freischule und meine eigne, mir unverdienter Weise über den Kopf wachsende Beliebtheit die ärmliche Dachwohnung, die wir noch inne hatten, unmöglich machte. Widerstrebend zog der gute, kleine Mann mit mir in das schöne helle Haus am Elbufer, wo ich, im fröhlichen Bewußtsein täglich steigender Einnahmen, eine Reihe von Zimmern für uns beide gemiethet hatte..
Mit reizendem Ehrgeiz suchte er mir's nun im Geldverdienen gleich zu thun. Eine ganze Schaar nachhilfebedürftiger Privatschüler trippelte des Nachmittags an meiner Atelierthür vorbei, und wenn ich, von meiner Arbeit rastend, mich der Thür näherte, die unsere
Zimmer schied, konnte ich mich zur Beruhigung meiner Nerven an
dem Wechselklang seines würdigen Basses und frischer, klarer Kinder— stimmen erlaben.
Unersättlich suchte er die Anzahl dieser kleinen Trabanten zu mehren und scheute sich nicht, sich eines Tages auch zum Nachhilfs— lehrer eines fünfzehnjährigen Gymnasiasten anzutragen, der durch die Zeitung einen gewandten Lateiner zum Präceptor suchte.—
Des guten Gottlieb„Latinität“ war mir nun stets als ein Gegenstand des Belächelns erschienen. Mit schönem und redlichem Eifer hatte er während seiner Seminarstudien sich die Sprache des Virgil anf eigene Faust anzueignen gesucht, und manche Nacht war er, laut deklinirend und konjugirend, in seinem Schlafzimmer auf— und abspaziert. Indessen wagte ich dennoch— unbeschadet meiner sonstigen Hochachtung für den edlen Pädagogen— an seiner Au— torität in klassischen Dingen gelinde zu zweifeln. 8
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