Ausgabe 
2.5.1886
 
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142.

Quellen einzog, ergaben das betrübende Resultat, daß das ehemals bedeutende Vermögen des Grafen Helmstein von dessen einzigem Sohne, dem vor einigen Jahren im Duell erschossenen Grafen Philipp, nicht nur vollständig durchgebracht worden, sondern daß die Güter der Familie bereits jetzt derart verschuldet seien, daß es längst zum Ruin gekommen wäre, wenn nicht ein Bruder der Gräfin die ungeduldigsten Gläubiger immer wieder zu vorläufigem Schweigen brächte; über kurz oder lang müsse jedoch das künstlich aufrecht erhaltene Geheimniß fallen und, wenn die Gräfin bis dahin nicht verstanden, mit der Schönheit ihrer Töchter ein paar reiche Schwieger⸗ söhne einzufangen, so sei es mit der Herrlichkeit zu Ende. Sie können sich vorstellen, wie niederschmetternd diese Mittheilungen für mich waren, der ich selbst eine Finanzspekulation mit dieser Liebe in Verbindung gebracht hatte. Die schönen Lustschlöͤsser sanken ein, und von einem Bewerber degradirte ich mich selbst zu einem Kur⸗ macher, der jetzt der Schönheit aus reinem, von Nebenzwecken freien, Enthusiasmus huldigt. f.

Joseph hatte diese Eröffnungen, die ihm gelegentlich eines Be⸗ suchs der drei Herren in dem ersten Kaffee der Stadt gemacht wurden, mit dem höchsten Erstaunen aufgenommen, in das sich ein⸗ ander kreuzende Gedanken über die Möglichkeit eines Zusammenhangs zwischen Ernas Benehmen und diesen unerwarteten Enthüllungen mischten. Er war sekundenlang so völlig verwirrt, daß er keine Erwiderung finden konnte und Seewis, in ein lautes Lachen aus⸗ brechend, hinzusetzte:Das regnet doch nicht auch Ihnen in die Blüthen, amico? Meine Erkundigungen über Ihre Vermögensver⸗ hältnisse haben bisher ein sehr günstiges Resultat ergeben.

Joseph stimmte gezwungen in die Heiterkeit ein, obgleich ihn eine widrige Empfindung dabei überkam, daß er dachte, die Gräfin könne ihn deshalb so auffallend protegiren, weil sie in ihm einen von den beiden ihr nothwendigen Schwiegersöhnen entdeckt haben mochte. Der Gedanke, daß Erna selbst an dieser Hoffnung theil⸗ nehmen könne, kam ihm garnicht, aber vielleicht lag gerade hier der Schlüssel für ihr räthselhaftes Wesen.

Er brach das Zusammensein mit den beiden Offizieren, sobald es möglich war, ab, um so mehr, als sie anfingen, sich in einer Reihe von cynischen Betrachtungen über die Gräfin und andre, gleich ihr operirende Damen der Wiener vornehmen Gesellschaft zu ergehen, und es ihn drängte, mit sich allein zu Rathe zu sitzen. So unangenehm es ihn berührte, sich als das Opfer einer geschickt angelegten Machination zu denken, so wenig fühlte er durch diese Entdeckung seine Empfindung gegen Erna einer Wandlung unter⸗ liegen. Im Gegentheil glaubte er niemals glühender, als in dieser Stunde, das Verlangen nach ihrem Besitz empfunden zu haben. Er sehnte sich nach einem Augenblick des Alleinseins mit ihr, der Alles erklären mußte und nahm bei dem abendlichen Zusammensein im Salon der Gräfin wahr, daß ihre Blicke wiederholentlich mit einer Art Scheu an ihm vorbeiglitten, ja, er glaubte sogar zu bemerken, daß ihre Züge sich um so mehr verfinsterten, je mehr die Gräfin gerade an diesem Tage ihm ihr Wohlgefallen zu er⸗ kennen gab. Dazu sah er hin und wieder Seewis' sarkastisches Lächeln und das Augenblinzeln, durch das er sich mit seinem Kame⸗ raden über ein zwischen ihnen obwaltendes Geheimniß verständigte. Die Situation begann ihm mit der Zeit unerträglich zu werden, jede Spur von Unbefangenheit war hier jetzt verschwunden und er mußte endlich zu einem Ziele kommen.

Mit dem festen Entschluß, morgen die Entscheidung zu suchen und diese Unsicherheit zu durchbrechen, welche wie ein Alp auf ihm zu lasten begann, verließ er die Gesellschaft heute früher, als sonst seine Gewohnheit war, von der Gräfin mit besorgten Fragen über sein Befinden entlassen. Er trat, auf seinem Zimmer angelangt, noch einmal auf den Balkon hinaus und sah die sternenflimmernde Nacht sich über ihm breiten. Der Wind summte nur noch leise in den Baumkronen, und die Wellen plätscherten beruhigter am Uferdamm empor. Das Wetter schien sich ausgetobt zu haben. Es kam eine frohe Zuversicht über Joseph.

In lachende Träume eingewiegt, durchschlief er die Nacht, und der breite Goldstreif der Sonne drängte sich durch einen Spalt der Jalousien in sein Zimmer, als er die Augen wieder öffnete.

Er sprang auf, um den Fensterflügel aufzustoßen und sah den

blauen, sonnigen Herbsttag sich über der anmuthumflossenen Land⸗ schaft und dem azurnen Spiegel des friedlichen See's lagern. Er

hätte hinausjauchzen mögen in all die lachende Herrlichkeit. Von

den vergangenen Tagen war keine Spur mehr in der Runde zu 1 bemerken, selbst die Regenlachen auf den Straßen hatte ein frischer

Wind während der Nacht aufgetrocknet, und nur die gereinigte,

wohlig zu athmende Luft deutete darauf hin, daß die Natur einen

gewaltsamen Prozeß überstanden. Am Himmel war kein Wölkchen

sichtbar, in klaren, scharfen Umrissen, scheinbar dem Auge näher

gerückt, hoben sich die Bergkuppen in die schimmernde Luft. Die Welt war doch noch einmal schön geworden, ehe der Winter kam.

Joseph blickte mit träumender Stirn und einem freudigen Lächeln

um die Lippen hinaus. Heute mußte es sich entscheiden.

Er war den ganzen Vormittag in einer Aufregung, die ihn

nirgends lange weilen ließ und seine Gedanken in tollem Wirbel

durcheinandersagte. Als er an der Mittagstafel Erna zuerst wiedersah,. erschien auch sie ihm schöner und lieb reizender als je, und ein Nachmittags fand man sich zum gemeinsamen Spaziergange zusammen. Man wanderte am Seeufer entlang, um dann auf Josephs Vorschlag den geschmackvollen Park aufzusuchen, der hinter einer Dependance 9 des Hötels, einer ehemaligen Villa, sich ausbreitete. Ueber eine kleine, eiserne Brücke trat man vom Garten in die dichte Wald⸗ g

Lächeln lag auch auf ihren Zügen ausgeprägt.

wildniß, in die hohe, epheuumrankte Cypressen den Weg wiesen.

Drunten murmelte der vom Regen angeschwollene Bach, in dessen breiterem Bassin sich schwarze Schwäne tummelten, die dunklen

Kastanien schatteten mit dichtem Laubdach zur Seite und verstreuten

ihre zahllosen Früchte über die von welken Blättern bereits über⸗ Es war eine lauschige Waldeinsamkeit, die nichts unterbrach, als das leise Summen des Windes in den Kronen und

deckten Wege.

das müde Herabflattern eines bunten Blattes. Der Pfad war so schmal, daß nur zwei Personen nebeneinander gehen konnten, und

Joseph hatte sich neben Erna gedrängt, die er in ein Gespräch,

dessen Hauptkosten er freilich selbst trug, mit solchem Eifer ver⸗ wickelte, daß er zuweilen stehenbleiben und weitersprechen mußte, während die Uebrigen sich bereits entfernten.

Es entging ihm nicht, daß Erna heute nur noch scheuer und

zurückhaltender war als früher, und daß sie seine Absicht, mit ihr

alleinzubleiben, mehrmals zu verhindern suchte. Aber Er wußte, daß für ihn Alles darauf ankam, heute eine Entscheidung herbei⸗ zuführen, und, sich mitten in einer Reiseschilderung der italienischen

Schweiz unterbrechend, sagte er hastig, während die Uebrigen.

in einiger Entfernung beieinander standen:Ich spiele mit Ihnen, Comteß. Mein Mund spricht von Bormio und dem Monte Cevedale,

während mein Herz einem anderen Ziel entgegenklopft, und meine 1

Gedanken um etwas Höheres kreisen. Ich werfe diese Maske ab, Comteß, die Sie mich so lange tragen geheißen haben, und zeige mich Ihnen endlich, wie ich bin. Ihre Versuche, mich zurück⸗ zuschrecken, sind nutzlos gewesen, Sie haben wider ihren Willen

einen nur unwiderstehlicheren Zauber auf mich ausgeübt. Lassen

Sie mich kurz sein, Comteß, und Alles, was ich Ihnen sagen könnte, in die Worte zusammendrängen: Ich liebe Sie, habe Sie geliebt von dem Augenblicke an, wo mich Ihr Auge zum ersten Male traf, noch ehe ich ein gleichgültiges Wort mit Ihnen gewechselt. Ich hätte Ihnen am ersten Tage bereits gestehen mögen, was ich empfand jetzt, wo auch Sie mich kennen gelernt haben und wissen,

wer Ihre Hand fordert, darf ich es ich habe Sie nicht über⸗

raschen können, Sie müssen lange geahnt haben, was in mir vor⸗ ging, jeder Blick, jedes Wort hat es Ihnen deuten können geben Sie mir jetzt eine Antwort, die meinen Zweifeln ein Ende macht, Komteß, sagen Sie mir wenigstens mit einem Händedruck, daß ich hoffen darf.

Sie stand unbeweglich neben ihm, den Kopf gesenkt und mit dem Stock ihres Sonnenschirms in das lockere Erdreich bohrend. Er sah, wie bei seinen ersten Worten bereits eine dunkle Röthe über ihr Antlitz hingeflammt war, und ein Schreck, den er sich nicht zu erklären vermochte, ihre ganze Gestalt erbeben ließ. Sie sagte auch jetzt noch nichts, da er geendet hatte. Er ergriff ihre Hand, die sie ihm nicht entzog, und wollte sie näher an sich heranziehn, aber sie bog sich hastig zurück und streckte ihm die andere Hand wie ab⸗ wehrend entgegen, und sagte mit leise zitternder Stimme, als ob

es ihr schwer werde, auch nur einen Ton herauszubringen:Sie

wissen nicht, was Sie thun man hat mit Ihnen gespielt Sie sind getäuscht worden. 5

Getäuscht? womit? Kann soviel Schönheit und Anmuth denn 1

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