Ausgabe 
2.5.1886
 
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uns Philosophen werden, Papa, das ist das beste, was wir thun können, lachte sie wieder grell auf.

Der Lord ist kein junger Mann mehr, Adeline, und ich kann nicht glauben, daß Du ihn wirklich liebst, sagte Lindner,und mich hat seine Werbung mehr beunruhigt als sie mir Freude gemacht hat. Mit dieser Liebe, Papa, wird viel Unfug getrieben und die Männer, besonders ältere Männer, glauben so gerne an die Liebe, die ihnen ein schönes junges Mädchen gesteht, was liegt auch eigentlich daran?

Sollte Lindner heute denn gar keinen Trost in der Nähe seiner Adeline finden; sie sprach nur von sich, wollte sich nur wehe thun und sie bedachte nicht, daß Alles eine trostlose Anwendung auf ihn selbst zuließ. Er mußte hinaus, ins Freie.Ich fahre nach der Stadt, sagte er,willst Du mich begleiten? ö

Nein, Papa; es kommt mir so viel Unerwartetes zusammen, daß mir der Kopf nicht recht klar ist; ein einsamer Ritt durch die Felder wird mich am besten wieder herstellen, antwortete sie und blieb bei ihm, bis er in den Wagen stieg. Eine helle Kinderstimme rief oben vom offnen Fenster:Papa! verstummte aber, als kein Blick sich nach dem Fenster richtete.

Adeline begab sich eiligst in ihr Zimmer und überließ sich jetzt erst dem ganzen Ausbruch ihres Verdrusses.Zum Gelächter der ganzen Umgegend, der ganzen Stadt muß ich werden; der allgemeine Klatsch hat nun einen Brennpunkt gefunden, nach welchem sich alle Zungen bewegen. Die mitleidig verächtlichen Mienen der bettelhaften Gräfinnen und Baroninnen ertrage ich nicht, und ich werde mich wohl hüten, mich in diesem Winter noch einmal zu zeigen. Nur als Braut werde ich wieder in der Gesellschaft erscheinen, ist es nicht als Milady Graham, so ist es als die Braut Herrn van Mossels. Nur darf ich keine Zeit verlieren, sagte sie nach einigem Nachdenken, der gute Eduard muß glauben, daß ich seinetwegen den Lord ver abschiedet habe; und daß er es glaubt, dafür werde ich schon sorgen. Und dann soll Papa die Wahrheit erfahren; Eduard muß rein gewaschen werden. Der alberne Georg hätte mir da beinahe wieder den dümmsten Streich gespielt; er behauptete, es sei Eduard nicht gewesen, und er mußte es doch sein, da es Lord Graham nicht sein durfte, so lange eine Heirath in Aussicht stand. Diese alten Männer haben ihre Vergangenheit, das ist nicht anders; aber wer hätte ahnen können, daß die schöͤne Baronesse von Manners mit ihrem Madonnen gesicht eine Vergangenheit hinter sich hat, in der Lord Graham eine so verhängnißvolle Rolle gespielt. Schon während des Soupers merkte ich, wie sie bald roth, bald bleich wurde und es vermied, ihn anzusehen. Wie ich mich nun so plötzlich umwendete, als sie sich geschickt an des Lords Seite geschlichen, da sah ich deutlich, wie angstvoll sie ihn anblickte und wie ihre zitternden Lippen ihm etwas zuflüsterten. Er that, als hätte er sie garnicht bemerkt; er hat sie längst vergessen, sie jedenfalls sitzen lassen und nun hat sie ihm gedroht, dem Vater Alles mitzutheilen. Ich durchschaue das heuchlerische

Weib klar. i

Wie bleich und entstellt ich aussehe, fluͤsterte sie, als sie einen prüfenden Blick in den Spiegel warf.Was soll ich mich nun ärgern, rief sie mit einer Bewegung von Ungeduld,ich muß in die Luft, ein rascher Ritt wird mir meinen guten Humor wiedergeben.

Frau van Mossel empfing sie, wie immer, besprach die kleinen Ereignisse in der Nachbarschaft mit ihr, berührte aber mit keinem Worte den fremden Gast, der so große Sensation auf dem Balle erregt. Später trat auch Eduard in den Salon; er war liebens würdig, aber auch er erwähnte den Lord nicht. Adeline wurde un geduldig; diese nichtssagende oberflächliche Unterhaltung wurde ihr unerträglich, Frau van Mossel verließ auch nicht einen Augenblick lang den Salon. Ein Blick in den großen Spiegel über dem Pfeilertisch zeigte Adeline, daß sie besonders schön aussah; ihre Wangen glühten von dem scharfen Ritt und ihr schwarzes welliges Haar siel über ihre graziösen Schultern und unter den langen dunkeln Wimpern leuchteten die leidenschaftlichen Augen in verzehrendem Feuer auf. Es wurde dämmerig, da brach sie endlich auf.Ich begleite Dich,

sagte Eduard.

Ein Ausdruck, siegesgewiß und übermüthig, überflog die schönen Züge. Sie ritten dahin in der Dämmerung, ein Paar, gar schoͤn und jugendfrisch.

Du bist nicht mit mir zufrieden, Eduard, sagte sie mit einer Stimme so weich, wie er sie nie gehört.

Das fühlt sich; wir kennen uns so gut, antwortete sie leis Nein, nein, Du irrst Dich, rief er lebhaft;wir wollen uns verständigen und bleiben danndie Nachbarskinder wie früher. Sie mußte ihm zuvorkommen, nachher war ihr vielleicht der Weg abgeschnitten.Ich bin zu Euch gekommen, weil ich mit D sprechen mußte, Eduard, flüsterte sie und erhob den strahlenden Blick zu ihm.Ich bin ein wunderliches, närrisches Wesen, und das, was mir im täglichen Stillleben nicht klar war, das wurde es plötzlich, als die Stunde kam, die ich vorhergesehen mit Bangen und Un sicherheit. Der Lord ist verabschiedet, weil mein Herz bereits sich entschieden hat. a Ich glaube, liebe Adeline, Du bist da wieder im Unklaren, erwiderte er mit einer Ruhe, die ihr das Blut heiß zur Stir trieb.Du liebst Lord Graham, darüber ist wohl kein Mensch im Zweifel, der Dich auf dem Balle gesehen hat, und ich am aller wenigsten. Endigen wir in gutem Einvernehmen alle Beziehungen die im Hinblick auf eine gemeinsame Zukunft bestanden haben. Ich liebe die Illustonen nicht und würde nie ein Mädchen heirathen von dem ich nicht fest überzeugt wäre, daß ich seine erste und einzig Liebe sei. Siehst Du, das ist nun nicht mehr möglich, Adeline Du hast mich hingehalten, weil Du Lord Graham erwartetest und Du hattest mich und mein Werben vergessen, sobald die Dir bekannt Erscheinung sich in der Saalthüre zeigte. Das Alles liegt klar vor mir und Niemand vermag mich zu überzeugen, daß es anders ist. Ich habe eine Nacht zugebracht, wie ich sie Dir nie wünschen möchte; aber der Morgen brachte mir Klarheit und Ruhe. Ich kann Dir ja nicht darüber böse sein, daß Du einem ältern Manne Deine Neigung zugewendet, ehe Du den Jugendfreund wieder gesehen. Deine Erklärung, daß Du Dir selbst nicht klar warst, nehme ich gern als Entschuldigung hin, denn sonst wäre Dein Betragen gegen mich, nimm mir den starken Ausdruck nicht übel, ein infames gewesen. 5 Sie hielt ihr Pferd plötzlich an und zuckte mit der Reitgerte auf; ihre Augen sprühten und sie sah ihn einen kurzen Augenblick mit einem Ausdruck des Hasses an, daß er, ganz verloren in da bleiche entstellte Gesicht, vergaß, daß dies dasselbe Weib war, das er sich noch vor wenigen Tagen als den Engel seines Lebens gedach Fort! Zurück! rief sie ihm zu und sprengte mit rasender Ei in die Nacht hinein. Er blieb, wie auf die Stelle gebannt, u murmelte traurig:So häßlich sollte doch keine Illusion endigen

(Fortsetzung folgt.)

Auf den Wassern.

Novelle von Konrad Telmann. (Fortsetzung.) 2

Der Lieutenant lächelte ironisch und zwinkerte mit den Augen nach seinem Kameraden hinüber.Und das glauben Sie? fragte er.

Warum sollte ich nicht? fiel Joseph ein.

Seewis schlug ihm auf die Schulter.Wenn das wäre, würde ich allerdings auch so klug gewesen sein, meinen Vortheil zu er greifen. Aber man hat Ihnen einen Bären aufgebunden, werther Freund. Vielleicht madame la comtesse selbst? Es sähe ihr nicht so ganz unähnlich, denn

Joseph war unwillkürlich erröthet. sagte er unmuthig.

Seewis zuckte die Achseln.Dann kann ich mich Ihnen s deutlich erklären, lieber Meersberg. Die vermeintlichen Hundert tausende der Helmsteins, die allerdings in Vieler Munde sind, be- stehen wenn sie bestehen, höchstens im Minus. Ich will jedoch gern annehmen, daß sich die Summe so hoch nicht beläuft.

Und woher haben Sie diese Annahme? fragte Joseph ver wundert.

Annahme? lachte Seewis,nennen Sie es immerhin ein Thatsache, denn ich bürge Ihnen mit Offiziersparole für ihr Richtigkeit. Ich hegte bereits im verflossenen Winter den be- scheidenen Wunsch, ein paar Hunderttausende und die Gräfin Her⸗ mine zu heirathen, die man allgemein für unzertrennlich ausgab. Ehe ich mich erklärte, beschloß ich jedoch, mir als vorsichtiger a- milienvater in spe Gewißheit über die Höhe der zu erwartenden

Ich verstehe Sie nicht,

Warum vermuthest Du das? fragte er.

Mitgift zu verschaffen. Die Erkundigungen, die ich an den sichersten

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