246
ihren Sohn nicht mehr neben sich habe, viel umgänglicher und leutseliger sei. Aber niemals machte Frau Klara in ihren Ge⸗ sprächen irgend eine Andeutung einer möglichen, späteren Ver⸗ einigung zwischen den beiden Familien. Es waren auch damals keine Zeiten, um an dergleichen zu denken, und dann, obgleich sie sich auch, da sie sie mehr aus der Nähe kennen lernte, davon über⸗ zeugt hatte, daß Valeria ein gutes Mädchen sei, und auch klüger und unterrichteter, als es den Anschein gehabt hatte, für Alle, die sie nicht so genau kannten, da sie, einfach und bescheiden, wie sie war, ihre Kenntnisse und ihren Werth eher zu verbergen, als zu zeigen suchte, ja, auch da sie nun bemerkte, daß sie wohl im Stande sein würde, Mario mit all' jenen Liebesdiensten zu umgeben, die bis zu diesem Tage ihr einziger Stolz und ihr einziger Gedanke gewesen waren, so empfand sie doch immer noch im Grunde ihres Herzens etwas Eifersucht gegen dieses Mädchen, und bevor sie ihre Einwilligung gab, mußte sie sich noch zweimal bedenken. Indeß war Mario ja auch fern, und wer wußte, ob er nicht mitten unter den andern Leuten seine Gesinnungen gewechselt hatte; sie wußte, daß sich das italienische Heer in jenem Zeitabschnitt großer Popula⸗ rität erfreute, daß die Offiziere mit offenen Armen in den Familien aufgenommen wurden, und die Frauen ihr Bestes thaten, um sich liebenswürdig zu zeigen, und ihnen die Verbannung von ihrer Heimath und die Entfernung von ihrer Familie etwas erträglicher zu machen. Endlich wollte sie sich nicht unnöthig quälen und legte alles in die Hände des Zufalls. a
Was die Liebe anlangte, die sie mit ihren Gesprächen immer mehr und mehr im Herzen des jungen Mädchens entzündete, so machte sie sich weiter keine Gedanken darüber und sagte sich:„Wenn man jung ist, so sind weder die Leidenschaften groß noch die Schmerzen, da ist Alles nur wie leichte Phantasieen und wie Seifen⸗ blasen und Alles zieht wieder vorüber, wie die Sommerwölkchen, und der Himmel blickt hinterdrein nur noch heiterer, als je zuvor.“ Sie maß Alles nach sich selber ab, die sie eine sehr kalte Jugend gehabt hatte, ohne Erregungen, und da sie einen Mann geheirathet hatte, der ihr von ihren Eltern vorgeschlagen worden war, und die sich von ihrer Apathie nicht eher als bei der Geburt ihres Sohnes emporgerafft hatte.
Dagegen fühlte Valeria mit jedem Tage die Zärtlichkeit wachsen, die sie für Mario hegte. Die Gespräche Frau Klara's selber ließen die Bewunderung, die sie für ihn hegte, sich nur steigern, und sie horchte so aufmerksam und so glückselig zu, wie wenn sie die me— lodischen Akkorde einer himmlischen Musik vernähme. Sie würde so gern diesen Worten ein Echo haben zurücktönen lassen, aber sie fürchtete sich, das Geheimniß zu enthüllen, das sie im Herzen ver⸗ schlossen trug. Aus Furcht zuviel zu sagen, sagte sie lieber garnichts.
Wenn sie in den Briefen ihres Bruders ein zärtliches Wort fand, das zu ihr von Mario kam, so schien es ihr, als hätte sie Flügel und könne in den Himmel hineinfliegen, so leicht und so glücklich fühlte sie sich. Sie wäre froh gewesen, an Arrigo zu schreiben, wie sie sich oft in der Gesellschaft von Mario's Mutter befinde, aber auch diesen Trost hatte sie nicht einmal, da die jungen Leute keinen ständigen Aufenthalt hatten, sie marschirten vielmehr bald hier, bald dort hin, ohne einen festbestimmten Ort, und sie wußte deshalb nicht, wohin sie die Briefe richten sollte.
(Schluß folgt.)
Bharaonen-Wumien und Photographie.
Eine Plauderei über allerlei Kulturfortschritte.
Die Sonne bestrahlte die Felsen von Der-el⸗Bahari. Es war dieselbe Sonne, welche drei Jahrtausende zuvor die Welt der Ra— messiden im heiligen Egypten beleuchtet hatte: die Pyramiden von Memphis, das hundertthorige Theben, die Tempel zu Edfu, die majestätischen Säulenhallen zu Karnak, die Allee der Sphinxkolosse, welche Karnak mit Luksor verbindet, Luksor selbst mit seinem wunder— vollen Tempel, das Grabmal des Osymandyas und die Fluthen des Nil, in dem sich Wunderbauten und Palmen spiegelten und der mit seinen Wellen seit Jahrtausenden das Land der Pharaonen segnet. Strahlen der heißen Sonne Egyptens trafen einen Fels⸗ spalt— die Sandstürme der Wüste mochten denselben blosgelegt
haben— und Beduinen, die auf der klassischen Erde nach Schätzen
suchten, erweiterten den Spalt und drangen in weite Felsengrüfte
ein. Die Araber fanden hier kein Gold, aber Mumien, Leichen von Menschen, die seit Jahrtausenden im Dunkel dieses Felsen⸗ grabes geschlummert hatten. Etwas wie die Schauer der Ewigkeit mochte durch diese Todtengruft gehen, als die Wüstensöhne des neunzehnten Jahrhunderts in ihre Schatten traten und von Ehr⸗ furcht und Scheu ergriffen, ließen die beutegierigen Männer die Todten ruhn. Im Jahre 1881 kam der verdienstvollste aller Egyp⸗ tologen, Prof. Emil Brugsch von Luksor nach Der-el⸗Bahari hin⸗ über und trat, von den Beduinen geleitet, in die Felsengräber ein. Hier entdeckte er in der letzten und finstersten Höhle mehrere Mumien, deren hohe geschichtliche Bedeutung er sofort erkannte. Brugsch⸗Bey brachte dieselben nach Kairo, allein die politischen Verhältnisse des Landes ließen die Behörden von einer Oeffnung der Särge absehen und vor wenigen Wochen erst nahm Mas pero, der vorige Direktor des Museums zu Bulak, die Enthüllung der Brug'schen Funde in Gegenwart des Khedive, vieler Gelehrten und Diplomaten vor. Und die Egyptologen Brugsch und Maspero er— kannten unter den Mumien zwei berühmte Pharaonen, die hervor⸗ ragendsten der Ramessiden, die Könige Ramses II. und Ramses III. Den Letzteren bezeichneten bekanntlich die griechischen Schriftsteller als Sesostris oder Rampsinit.
Wie waren die Mumien dieser gewaltigen Herrscher in die
dunkelste Felsenhöhle des Der-el-Bahari gelangt? Politische Stürme
hatten sie dahingeweht. Als die Dynastie der Ramessiden erlosch, verfiel auch der Staat und Pöbelhaufen brachen im hundertthorigen Theben die Königsgräber auf und wühlten nach Schätzen. Priester mochten wohl die geheiligten Mumien der großen Despoten aus den Sarkophagen rechtzeitig entfernt und aus Theben gerettet haben, denn nach einer wahren Odyssee gelangten dieselben in den Besitz des Oberpriesters des Ammon, Autput, der dieselben sorgfältig hinter Familiengrüften versteckte und durch die Felsenwand des Dereel⸗ Bahari verschloß. Autput hatte diese Königsmumien sorgfältig be— zeichnet, damit sie nicht mit den Leichen gewöhnlicher Sterblicher verwechselt würden und nun sind Ramses II. und III. in die düstere, aber erlauchte Gesellschaft des Saals der Königs-Mumien zu Bulak eingetreten.
Dem wunderbaren Exeigniß, daß ein todter Herrscher etwa 3200 Jahre nach der Regierung seinem lebenden Nachfolger vor— gestellt wird, folgte ein noch wunderbareres auf dem Fuße: Ramses II. ist photographirt worden und sein Bildniß wandert gegenwärtig über den ganzen Erdkreis. Dieselbe Sonne, die einst die Augen und das Diadem des lebenden Ramses aufleuchten ließ, zaubert jetzt das Bildniß des Todten auf die Glasplatte. Wenn ein Seher dem gewaltigen Herrscher hätte versichern können, daß man 3200 Jahre nach seinem Ableben ein Lichtbild seiner werthen aber etwas ramponirten Person auf Papier abklatschen und in alle Welt senden werde, so hätte Ramses dem heiligen Manne jedenfalls ge— antwortet: Priester, Du rasest!
Und doch hat ein Neffe des Professors Brugsch den König Ramses am Tag seiner Wiederauferstehung photographirt und wir sind in der angenehmen Lage, den Lesern des Sonntagsblatts die Majestät aus Alt⸗Egypten im Bilde vorstellen zu können. Durch Inschriften von Denkmälern wird die Thatsache verbürgt, daß Ramses II. mehr als 67 Jahre regierte; dieser König muß also ein sehr hohes Alter erreicht haben. Die Mumie des Greises aber ist ganz wunderbar erhalten; sie mißt 1,80 Meter; der König war also von sehr hoher Gestalt. Ein auffallend langer Hals, der noch von Leinenstreifen umwunden ist, erhebt sich auf wagerecht aus⸗ ladenden Schultern. Auf diesem Halse sitzt ein Kopf von unver⸗ kennbar egyptischem Typus. Die mächtige Habichtsnase, das breite, senkrecht abfallende Kinn, der schwulstige Mund, die zurücktretende schmale Stirn und die großen Augenhöhlen sind charakteristische Merkmale der Rasse. Büschel schlichter weißer Haare, die sich sehr weich und fein anfühlen und von denen eines an fünf Centimeter lang ist, ziehen sich über den Ohren zum Nacken hin und vereinen sich dort zu einer aufstrebenden Locke. Die Haare sind durch die Einbalsamirung gelblich und bräunlich gefärbt, zeugen aber doch für das hohe Alter des Königs.
Und vor diesem Herrscher hat einst ein gewaltiges Volk ge⸗
zittert! Wie sagt Hamlet auf dem Friedhof?
0
U F 1
—
—


