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Eines Tages verbreitete sich durch die Stadt die Nachricht, daß die beiden Heere sich begegnet seien. Alle waren begierig auf die Zeitungen. Die Männer wanderten unruhig durch die Cafes, um zu sehen, ob es etwas Neues zu erfahren gebe, aber die Zeitungen kamen nicht, und die in der Stadt erscheinenden brachten nur die Nachrichten, welche die österreichische Regierung dem Volke mitgetheilt
wissen wollte. Die Frauen eilten ihren Männern, wenn diese nach Hause zurück— kamen, entgegen und wollten wissen, was es Neues gäbe. Eine fieberhafte Neu⸗ gier ergriff die Gemüther von Allen.
Indeß verbreitete sich das Gerücht von der Schlacht bei Custozza. War das ein Sieg oder eine Niederlage gewesen? Keiner konnte es sagen. Wenn man dem glaubte, was Oesterreich meldete, so war es eine Niederlage für Italien gewesen; aber Keiner wollte den Depeschen Glauben schenken, die von Seiten des Feindes kamen. Uebrigens erfuhr man, daß man nichts gewonnen hatte; vergeblich hatte man sich verwunden und tödten lassen, eine wahre Metzelei. Man übertrieb die Ziffern noch, man erzählte sich unmögliche Dinge, und die Furcht und die Muth— losigkeit waren an Stelle der Hoffnung getreten.
Frau Klara, die alle diese Nachrichten auch vernahm und von Mario keinen Brief hatte, war außer sich. Sie ging durch alle Zimmer hin und wieder wie eine Verzweifelte, oder verweilte stunden— lang im Zimmer ihres Sohnes wie eine Trunkene; manchmal war es ihr, als ob es das Zimmer eines Todten sei, und dann bildete sie sich ein, daß sie ihren Mario niemals wiedersehen würde. Dann verfiel sie in Raserei, und es währte lange Zeit, ehe es ihr gelang, sich wieder zu beruhigen. Wieder ein anderes Mal erschien es ihr unmöglich, daß ihr Sohn todt sein solle, ihr schien es, daß sie, wenn sich dies ereignet hatte, im gleichen Moment hätte müssen ein Zucken in ihrem Herzen fühlen, oder doch hätte müssen seinen Geist um sich schweben fühlen, gleichsam, um ihr ein letztes Lebewohl zu— zurufen. Wäre es so gewesen, so war sie sicher, daß sie ihm gefolgt sein würde. Welchen Zweck hätte es noch, ohne ihn weiterzuleben? Er war Alles für sie, und die ganze Welt hätte ihr den ver⸗ lorenen Sohn nicht ersetzen können.
Inzwischen gelangten keine Nachrichten von ihm an sie, und ihre Angst steigerte sich noch. Sie ging fleißig in die Kirche in der Hoffnung, Valeria dort zu finden, die ihr etwas hätte berichten können, aber ein trauriges Kopfschütteln war die einzige Erwiderung, die das arme Mädchen ihr gab.
Sie hatten sich gegenseitig nichts ver— sprochen, aber es war wie eine festbe— stimmte, ausgemachte Sache zwischen ihnen, daß die erste, welche Nachrichten haben
Mumie Namses II.
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theurer Todter geliebt hat.— Die Tage vergingen, und keine Nachrichten kamen aus dem Felde. Die beiden Frauen fuhren fort zu beten und zu weinen und lebten in jener Ungewißheit, welche die Stunden in fürchterlicher Qual vergehen läßt.
Eines Tages erhielt Frau Klara endlich einen Brief, und das Herz klopfte ihr hoch auf vor Freude, da sie sieht, es ist die Hand—
schrift ihres Sohnes. Im gleichen Augen— blick hört sie einen jugendlichen Schritt in Hast die Treppen hinaufkommen und sieht Valeria eintreten, mit purpur ge⸗ färbten Wangen, mit keuchendem Athem, aber mit einem freudigen Aufblitzen ihrer Augen, in der Hand einen offenen Brief haltend und rufend:
„Sie sind am Leben, sie sind Beide in Sicherheit und Beiden geht es gut.“ Frau Klara breitete die Arme aus, und sie weinten zusammen vor Freude.
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Kaum hatte Valeria den Brief ihres Bruders empfangen, so war ihr erster Gedanke, die alten Grübeleien zu unter— lassen, und selber die gute Nachricht an Frau Klara zu überbringen. Diese edel⸗ müthige Handlung rührte die arme Mutter so sehr, daß sie sie bat, häufiger wieder— zukommen, um ihr, wie einstmals, Ge— sellschaft zu leisten. Von diesem Tage an war ihr Leben voll von Trost und von Hoffnung. Es schien, daß der Krieg seinem Ende zuging und nach Custozza waren keine Waffenthaten mehr geschehn. Mario, der als Ingenieur mancherlei gute Rathschläge ertheilt hatte, erlangte den Grad eines Artillerieoffiziers.
Frau Klara litt weniger unter der Ent⸗ fernung ihres Sohnes da ste nun be⸗ ständig mit Valeria über ihn sprach.
Sie hatte jetzt endlich ein Wesen ge— funden, das sich für ihn interessirte, und das niemals müde wurde, ihn nennen zu hören; und sie erzählte dann von seiner Kindheit, wie brav er gewesen, von seinen Fortschritten in den Wissenschaften, und dann von dem, was sie am Tage, wo er fortgegangen war, gelitten, sowie von ihrer Hoffnung, daß er bald wiederkommen würde. Dann gedachte sie aller Worte, die er zu sprechen gewohnt war, der Speisen, die am meisten nach seinem Geschmack waren; sie dachte daran, ihm irgend eine erfreuliche Ueberraschung für die Heimkehrenden zu bereiten, sie wollte ihm sicherlich an jenem Tage ein großes Fest arrangiren, aber sie wagte auch wieder nicht daran zu denken, weil es ihr war, als müsse sich vorher noch irgend ein Un⸗ glück ereignen, so unmöglich erschien ihr eine so vollkommene Freude.
Und Valeria horchte zu und interessirte sich für Alles, was Frau Klara sagte; manchmal nahm auch sie an diesen Ge—
würde, zu der Andren eilen solle, um sie dieser mitzutheilen. Sie sprächen Theil, sie sprach von Arrigo, aber sie dachte an Mario, und
hatten sich das nicht gesagt, aber sie fühlten sich durch den gleichen Schmerz vereinigt, wie sie es noch niemals gewesen waren. Wenn Valeria früher immer Marios Mutter geliebt und ver— ehrt hatte, so empfand sie jetzt für sie eine tiefe Sympathie. Für Frau Klara galten alle Dinge, die der ferne Sohn ge— liebt hatte, als heilig und sie empfand für Valeria jene Neigung, die man für die Gegenstände und Personen empfindet, die ein
die beiden Abwesenden hielten gemeinsam den Geist der beiden Frauen beschäftigt, und waren der einzige Gegenstand ihrer Unterhaltung.
Valeria widmete Frau Klara jeden Augenblick, wo ihr Vater sie frei ließ, und Frau Klara kam, wenn sie sie während zweier Tage einmal nicht gesehen hatte, sie aufzusuchen und zu fragen, ob Herrn Comellis Krankheit sich auch nicht etwa verschlimmert hätte.
Auch Herr Comelli äußerte, daß Mario's Mutter, seitdem sie


