Ausgabe 
27.10.1847
 
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Intelligenz-Blatt

für die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen,

die Kreiſe Friedberg, Grünberg und Hungen

und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.

M 34.

Mittwoch, den 27. Oktober

1847.

Ueber die dritte Generalverſammlung der deutſchen Vereine gegen das Branntwein trinken,

welche den 12. Oktober d. J. zu Braunſchweig ſtattfand, liefert die treffliche jedem Deutſchen ſehr zu empfehlende

Deutſche Zeitung folgenden Bericht, den wir unſern

Leſern in der Ueberzeugung mittheilen, daß viele derſelben ibn. beſonderem Intereſſe leſen werden. eser Krieg gegen den Branntweingenuß, der in den

vereinigten Staaten begonnen, in England fortgeſetzt, in Irland

mit ſo glänzenden Erfolge gekrönt wurde und ſeit 10 Jahren auch in Schweden und Deutſchland die Werbetrommel hören läßt, iſt eine Erſcheinung, welche die Aufmerkſamkeit eines Jeden auf ſich ziehen muß, der dem Zeitgeiſte nach dem Pulſe zu führen gewohnt iſt. Sie verdient auch hier eine Be ſprechung. Im nördlichen Deutſchland iſt es dieſe Angelegen⸗ geit geweſen, welche neben dem Mittel der Propagnanda durch Schriften, die es zu einer eigenen Enthaltſamkeits⸗ Literatur kommen ließen, auch das der Volksverſammlungen angewendet hat, und mit einem Erfolge, der nicht nur im Sinne der beförderten Richtung bedeutend geweſen iſt, ſon⸗ dern auch für die politiſche Entwickelung. Sie hat nach Außen hin gezeigt, daß Tauſende ſich ohne Gefahr für den Staat verſammeln, ihre Leiter ernennen und Beſchlüͤſſe faſſen önnen, wenn nur der Geiſt, in deſſen Namen man tagt, ein guter iſt. Sie hat aber auch nach Innen der politiſchen Entwickelung, der Aneignung palamentariſcher Formen Vor⸗ ſchub geleiſtet. Wenn dennoch die politiſche Preſſe dieſer Richtung, in der ſich der Aſſoziationsgeiſt in Deutſchland Bahn gemacht hat, bisher ſelten Gerechtigkeit widerfahren ließ, ſo lag das zum Theil in den Mißgriffen einzelner Führer der Bewegung, zum Theil in den Berichterſtattern ſelbſt. Von jenen haben Manche, worunter viele Geiſtliche, durch den guten Zweck, das Volk aus den verdumpfenden und entſittlichenden Banden des Branntweingenuſſes zu er⸗ löſen, ſich verleiten laſſen, in den Mitteln nicht allzu wäh⸗ leriſch zu ſein; ſie haben oft mit Himmel und Hölle für den

Zweck gekämpft, und wenn der Blick in die Ewigkeit nicht ziehen wollte, ſogar den weltlichen Arm der Polizei zu Hülfe gerufen. Von Letzteren, den Referenten und politiſchen Organen, iſt ſo oft das Kind mit dem Bade verſchüttet, die Sache verworfen worden, weil viele Anhänger derſelben ihr nicht auf die rechte Art dienten. Damit wird es nun hoffentlich beſſer werden, denn die Thatſachen reden, und der Geiſt der jetzigen Verſammlung iſt ein entſchieden frei⸗ heitlicher. Thatſache iſt aber, daß im nördlichen Deutſch⸗ land, wo ſeit etwa 70 Jahren der Branntwein anfing, von den Tafeln der Reichen in die Wirthshäuſer und Verſamm⸗ lungsorte der Armen herabzuſteigen, ſeine Konſumtion in Deutſchland intenſiv ſich gewöhnlich in je 10 Jahren beinahe verdoppelt hat, extenſiv aber immer mehr Raum gewann, und daß ſeit 1840, von wo an man das Beginnen des Ein fluſſes der ſogenannten Mäßigkeits vereine datiren kann, ein Stillſtand, ſeit 1842 aber eine rückgängige Bewegung dieſes Feindes der Volkswohlfahrt bemerkt worden iſt. Die Be⸗ obachtungen, die hierüber in der Mark Brandenburg, in Schleſien, Hannover, Oldenburg und an andern Orten an⸗ geſtellt ſind, geben ungefähr dasſelbe Reſultat. Und zwar iſt, wie früher in 10 Jahren eine Verdoppelung der Kon⸗ ſumtion, ſo in den letzten 5 Jahren ein Zurückgehen im Verhältniß von 8: 6 bemerkt worden, alſo daß in 10 Jahren eine Verringerung um die Hälfte zu hoffen iſt. Was es aber auf ſich hat, wenn z. B. in einem Lande wie das Her⸗ zogthum Braunſchweig 3 4000 Orxhoft Branntwein jährlich weniger vertrunken werden(im Herzogthum Olden burg mit 230,000 Einwohnern ſank zwiſchen 1840 und 1846 die Verzehrung von 10,800 auf 6,200 Orhoft) das kann nur der aufmerkſame Beobachter des Volkslebens in den niederen Ständen im vollen Maße würdigen. Für Braunſchweig, in welchem dieſe Reformbeſtrebungen bisher, wahrſcheinlich weil es ganz an einer einheimiſchen Preſſe fehlt, die ſich mit ſittlichen und politiſchen Zuſtänden lebhaft beſchäftigt, kaum feſten Boden gewonnen haben, hat man die beſten Erwartungen von den Erfolgen der hier Statt findenden Verſammlung von 60 Vertretern deutſcher Vereine