einem Rufe zuſammenſtimmen, ſelbſt Mütter reichen hier und da das Branntweinbrod zur Stärkung, wenn auch
nicht immer dem Säuglinge, doch dem Sohne und der Toch⸗.
ter, welche noch gar nichts von demſelben wiſſen ſollten. Daß Sie nun, mein Freund, bei ſolcher Theilnahme, welche Sie finden, auch die Früchte Ihrer Predigt wahrnehmen werden, leugne ich nicht, oder iſt es im Hüttenberg anders als bei uns? Haben Sie keine Familienväter, welche der Branntwein um ihr Vermögen gebracht hat? Haben Sie keine unglücklichen Ehen, keine ſeufzenden Weiber, keine bet⸗ telnden Kinder, welche Wehe! Wehe! über den Branntwein rufen? Haben Sie noch keine Männer geſehen, welche in Folge ihrer Trunkenheit ſchon in den beßten Jahren dahin⸗
geſtorben ſind? Haben Sie noch von keinen Unglücksfällen,
keinem Selbſtmord, keinen Schlägereien u. ſ. w. gehört, welche dem Branntwein ihren Urſprung verdanken? Könn⸗ ten Sie ein freudiges Nein ausſprechen, ich würde den
Hüttenberg glücklich preiſen, das. Paradies ihn nennen in
unſerem Vaterlande. Bei uns iſt es nicht alſo, und darum hat die Menſchenliebe uns zu einer Predigt von anderem Inhalte angeregt und Muth gegeben. Daß man uns nicht gerne höret, daͤs wiſſen wir.“) Wir rufen den Trunken⸗ bolden zu: Thut Buße und bekehret euch, und damit ihr nicht wieder zurückfallet in euren fruheren. Fehler, ſchließet euch einem Bunde an, wir geben euch die brüderliche Rechte, wir wollen euch helfen, wir wollen euch und die Eurigen vom Verderben erretten. Wir rufen den Müͤßigen zu:„Wer ſich dünken läſſet, er ſtehe, der mag wohl zuſehen, daß er nicht falle.“ Huͤtet euch vor dem trügeriſchen Feinde, wenn ihr ihm den Finger bietet, ſo erfaßt er gerne die Hand. Wir ſprechen zu den Herrn: Gebt euren Dienern geſunde, ſtärkende Koſt, bietet ihnen ſtatt des Fuſels, wel⸗ cher vielleicht weniger euch koſtet, aber das Geſinde verdirbt, genügenden Erſatz. Wir ermahnen die Eltern, ſie möchten ihrer Kinder Beßtes bedenken, ſie ferne halten von dem Laſter, und ihnen zeigen, daß man nüchtern ſein und wachen ſolle. Wir bitten einen Jeden, er ſolle nichts eſſen und trin⸗ ken, was ſeinen Naͤchſten zum Aergerniß könnte werden. Wir verweiſen auf dje Liebe, die der Heiland gegen uns und alle Menſchen bewieſen hat und begründen hierdurch unſer wohlgemeintes Wort. Verzichtet auf einen entbehr⸗ lichen Genuß, um der ſchwachen Brüder willen, entſaget dem Schnappsglaſe, damit die Trunkenheit nicht immer mehr und mehr das Wohl des Volkes zer⸗ rütte. Ihr ſollt ja das Leben für die Bruder laſſen, wa⸗ rum wolltet ihr den Branntwein nicht um ihretwillen ent⸗ behren? Wir verwundern uns nicht, daß unſere Worte nicht wie das Unkraut wuchern und wachſen; doch wir ver⸗ trauen auf die gute Sache, daß unſere Arbeit keine ver⸗ gebliche wäre. Haben wir auch nur in einzelne Familien den geſtörten Frieden wieder gebracht; haben wir auch nur von Wenigen, die ihre Lebensweiſe geändert haben, Aeuße⸗ rungen des Dankes vernommen, ſo ſind wir zufrieden. Das aber iſt geſchehen, wie frühere Berichte von unſeren Ver— ſammlungen auch in dieſem Blatte, und namentlich das offene Bekenntniß eines gebeſſerten Säufers jedem Unbe⸗ fangenen beweiſen. Warum wir dabei zu dem äußerſten Mittel der gänzlichen Entſagung gekommen ſind, das kann Ihnen, wenn Sie ſich nicht die Mühe nehmen wollen, die Geſchichte der Mäßigkeitsvereine zu leſen, vielleicht der erſte, beßte Chirurgus erklären, er weiß Ihnen wohl einige Fälle zu erzählen, wo eine Wunde immer ſchlimmer wurde, wo
) Was Sie aber von den langweiligen Reden in den Verſamm⸗ lungen der Mäßigkeitsfreunde ſprechen, haben Sie das durch eigne Erfahrung beſtätigt gefunden? Sind Sie einmal aus Neugierde, oder um Stoff zu Witzeleien zu haben, in einer ſolchen Verſamm⸗ lung geweſen?
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die gebrauchten Mittel nicht anſchlagen Folltt das Leben ſchwebte zuletzt in Gefahr, das Bein, der Arm mußte zu⸗ letzt abgenommen werden. Die Wunde, an welcher unſer Volk durch den Branntwein leidet, iſt ſchmerzhaft, iſt groß.
Das Glück von Tauſenden ſteht auf dem Spiel. Manches
iſt von Regierungen, Geiſtlichen und anderen Menſchen— freunden verſucht worden, aber ohne Erfolg. Darum wol⸗ len wir nun nicht einen Arm, ein Bein abnehmen,(ſolches Opfer verlangen wir nicht bei unſerem Heilverfahren) ſondern einen überflüſſigen verderblichen Auswuchs, die Ur—
ſache des Uebels gänzlich entfernen. Wir wollen die Wunde
ausſchneiden, daß ſie wieder zuheilen möge. Dabei wollen wir nicht zudringlich werden, wir nehmen dem Volke den Branntwein nicht. Wir bitten bloß und ermah⸗ nen, wer aber nicht hören will, den haſſen wir nicht.
Wir rufen blos: Helfet uns die Lage brodloſer Familien
zu verbeſſern, Thränen zu trocknen und Seufzer zu ſtillen.
Wer ſich ausſchließet, wir zürnen ihm nicht. Wir vertrauen
auf die Macht der Liebe, und wiederholen in dieſem Ver⸗ trauen die Bitte: Wiſſet ihr ein anderes Mittel, das ſchmerz⸗ liche Uebel zu heilen, verſchweiget es nicht. Verdienet unſer Bemühen ins Lächerliche gezogen zu werden, wie Sie ſich erlaubt haben in Ihrem Schreiben? Doch wir ſind überzeugt, Sie haben Ihren Auffatz in einer ſatiriſchen Laune geſchrieben, ohne zu bedenken, daß es nicht recht ſei, ein menſchenfreundliches Werk, ſelbſt wenn es auf Irrthum beruht, vor der Menge zu beſpoͤtteln. Glauben Sie uns doch auf unſer Manneswort, wir vergöunen nicht dem Volke ſeine Freuden, wir möchten nur ſeine Lei⸗ den vermindern. Haben ſich nicht die Menſchen 4 und 5 Jahrtauſende ohne den Branntwein gefreut? Wohnte nicht in Griechenland ein heiteres Volk? Iſt dann das
der noch eine größere Entbehrung übernehmen? Wir dul⸗ den auch keinen Weinſäufer unter uns, und wer⸗ den den Kampf gegen den Rebenſaft beginnen, ſobald er gleichen Jammer wie der Branntwein erzeugt. Bis jetzt haben wir noch keine Veranlaſſung zu dieſem äußerſten Mittel unſere Zuflucht zu nehmen. Darum freuen wir uns, daß unſere Mitbürger am Rhein und an der Moſel, oder wo es ſonſt ſei, dieſes Jahr für lauge Ent⸗ behrungen einige Entſchädigung finden. Wir gönnen dem Arbeiter mit Freude ſeinen Lohn. Sie verzeihen mir, wenn ich Ihnen von einem Geiſtlichen bei Halle er⸗ zahle. Er wollte einen Verein gegen den Branntwein ins Leben rufen. Man warf ihm ſeinen Weingenuß vor. Er ſagte: Topp, es ſei, ihr entſaget dem Branntwein, ich dem
halte Nahr Wet Weil kont zu.
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