% 206. Einweihung des Turnplatzes in Butzbach.
Am 2. Juni hatten wir eine Feier, welche ſich durch ihre Eigenthümlichkeit von unſeren gewöhnlichen Pfingſtbe⸗ luſtigungen merklich unterſchied. Der hieſige Turnverein beging die feſtliche Einweihung ſeines Turnplatzes. Am 1. Juni kam eine Anzahl Turner, welche auf Veranlaſſung des A. Ravenſtein eine Fahrt über den Taunus, nach Braunfels, Wetzlar und Gießen unternommen hatten. Dieſe wackeren Gäſte, unter denen ſich auch Leute aus Dillenburg und Siegen befanden, wurden mit Herzlichkeit. von den Bewohnern unſerer Stadt aufgenommen. Am 2. Juni Morgens langten noch Turner von Gießen an; in feier⸗ lichem Zug, mit klingendem Spiel zog man darauf den Turnern von Friedberg entgegen, und als durch dieſe verſtärkt, die ausgezogene Schaar zurückkehrte, ſtrömten maſſenweiſe die Zuſchauer nach dem im Garten des Herrn K. Becker an— gelegten Turnplatz. Der Erholung und dem freundſchaft⸗ lichen Verkehr wurde noch einige Zeit gewidmet; gegen 10 Uhr bildeten die Turner auf dem Turnplatz einen Kreis und es wurde das ſchöne Lied:„Harr' aus in deinen Spie⸗ len, angeſtimmt. Der Vorſitzer des hieſigen Turnvereins, Collector Kuhl, eröffnete das Feſt durch eine Einleitungs⸗ rede und brachte den fremden Turnern ein freundliches Gut Heil, welches herzlich von A. Ravenſtein erwiedert wurde. Der Vorſitzer des Friedberger Vereins, Gemeinde⸗ baumeiſter Ruths, erinnerte hierauf daran, daß der von ihm vertretene Verein am 9. November vorigen Jahres eine Turnfahrt hierher unternommen und hier in dem zum Garten gehörigen Hofe ſeine Uebungen angeſtellt habe, um ſo erfreulicher ſei es bei der gegenwärtigen Turnfahrt einen ſo ſchön eingerichteten Turnplatz zu finden und dieſem und der Turngemeinde brachte er ein dreimaliges Gut Heil.
Unter Leitung des A. Ravenſtein begannen nun die Uebungen an Barren, Reck, Klettergerüſt, Schwingel, Sprin⸗ gel, Springgraben und die Kraftübungen im Freien. Auf Trompetenſtoß wechſelten die Riegen, und der hieſige Muſik⸗ verein begleitete mit ſeinem Spiel die Darſtellungen der Turnenden. Die letzten Uebungen waren ein Wettziehen und ein Dauerlauf.
Der Himmel begünſtigte das Feſt durch das ſchöoͤnſte Wetter, und eine Menge von Männern, Frauen und Jung⸗ frauen erſchienen auf den Ehrenplätzen, welche für die außer⸗ ordentlichen Mitglieder errichtet waren, im Garten ſelbſt ſtanden die Zuſchauer Kopf an Kopf, und auf den Bäumen der benachbarten Grundſtücke erſchien Mancher, der ſich von Oben die Sache beſehen wollte. Alle bewunderten Kraft, verbunden mit Gewandtheit, die heiterſte Fröhlichkeit bei brüderlicher Eintracht und unermüdlicher Ausdauer, das un⸗ gezwungene Weſen der Turner gepaart mit Achtung vor den Turngeſetzen, Zucht, Ruhe und Anſtand. f 5
Conrector Steinberger hielt die Schlußrede, worin er den Turnern und Turnfreunden dankte, dem Publikum den Verein zur weiteren Theilnahme empfahl und auffor⸗ derte, dem Landesvater, als dem huldreichen Beſchüͤtzer der Turngemeinden, ein dreimaliges Hoch zu bringen, welches von den Anweſenden mit Begeiſterung angeſtimmt wurde.
So war mit 12 Uhr das Feſt auf dem Platze been⸗ digt, und die Turner nebſt vielen Freunden der Turnkunſt verſammelten ſich im Beckeriſchen Saale zu einem frugalen Mittagseſſen, bei welchem mancher Trinkſpruch, Ernſtes und Heiteres, das Mahl würzte. Es gilt hier, die Be⸗ ſchreibung in Einem Artikel zu geben, darum können wir der einzelnen Reden und der Redner nicht vollſtändig Er⸗ wähnung thun. Doch fuhren wir hier Ravenſteins Rede an;
„Einer unſerer wackren Friedberger Freunde hat bei der Einweihungsfeier des dortigen Turnplatzes im vorigen
Jahre ein mit vieler und gerechter Begeiſterung aufgenom⸗ menes Gedicht geſprochen, worin er ie. löſen ſuchte: Was iſt ein Turner?— Der echte, biedere, fromme, freie und wahre Mann, den er uns als Ideal des Turners ſchilderte, lebt noch in friſchem Andenken unter uns, und dennoch komme ich auf die Frage zurück: Was iſt ein Tur⸗ ner? Ich fühle aber, daß es vielleicht nicht unzweckmäßig iſt, dieſe Frage gerade heute, wo wir abermals das Stif⸗ tungsfeſt einer neuen Turngemeinde begehen, auch einmal von dem Standpunkte der nüchternen Proſa aus zu beant⸗ worten. Die Wahrheiten, welche dabei zu Tage kommen, mögen ſie uns nun gefallen oder nicht, bitte ich als die Herzeusmeinung eines älteren Turnbruders aufzunehmen, der Keinem zu Lieb oder zu Leid, die Jüngeren auf den feſten Boden füyren möchte, wo ſie nicht als Halbgötter, wohl aber als einfach tüchtige Menſchen gedeihen und zu Männern, wie ſie das Vaterland braucht, heranreifen können. „Ja: ſo fragt man, was iſt ein Turner 2 Man fragt dies bald im Ernſt, bald im Scherz, bald mit ſchlecht ver⸗ ſtecktem Hohn. Nun⸗ denn ihr Frager, ſo wißt vor allen Dingen, ein Turner iſt ein Menſch, wie andre Menſchen auch, aber auch nicht ſo ganz, wie ein andrer Menſch, denn was noch Viele für überflüſſig oder lächerlich halten, das hat er gethan. Er hat den feſten Vorſatz gefaßt, ſeine kör⸗ perlichei Kräfte möglichſt und allſeitig zu entwickeln, ſie mit den geiſtigen Kräften in's Gleichgewicht zu ſetzen und auf dieſe Weiſe immer höhere Stufen ſlittlicher Tüchttgel und Vollendung zu erreichen. In dieſem ernſten Vorſatze, dem jeder wackre junge Mann gerne die erkünſtelten un⸗ natürlichen Genüſſe unſerer Zeit zum Opfer bringt, liegt das Weſen und der wahre Begriff eines Turners. Nicht daß wir's ſchon ergriffen hätten, wir jagen ihm aber nach, auf daß wir's ergreifen möchten.— l „Da haben wir denn das ungeſchminkte Bild eines Turners, da hat der Name einen beſcheidenen Klang. und der ernſte Frager wird unſeren Vorſatz gut heißen; da wird der Name durch kein Gaukelſpiel entweiht, und der ſcherzhafte Frager wird verſtummen müſſen; da wird der Name kein Aushängeſchild mehr ſein, und der höhniſche Frager wird keinen Vorwand mehr finden, uns zu verſpotten.— Noch eins aber muß ich hinzufügen: es gibt auch Abarten unter den Turnern, Leute, die ein falſches Ziel vor Augen haben, Leute, die ihren Vor⸗ ſatz nur halb ausführen, kurzum ein Unkraut unter dem Waizen. Sind's gleich ihrer nur Wenige, ſo dürfen wir ſie darum nicht unter uns aufkommen laſſen, ſind ſie eines Beſſeren nicht zu belehren, ſo müſſen wir ſie ausſcheiden. „Ein falſches Ziel aber verfolgt die Abart der Maul⸗ und Modeturner. Ihr lächelt; das Turnen iſt wirklich Mode geworden, und es gibt bereits hier und da Leute, die nur deshalb ſich in Turngeſellſchaften aufnehmen laſſen, um dort mit dem Maul zu turnen; in ſo weit wäre dieſe Abart wohl unſchädlich. Wenn aber ein ſolcher Modetur⸗ ner ſich in die Bruſt wirft, von deutſchem Volksthum ſpricht und allem Schönen und Großen, was der beſſeren Jüng⸗ linge und Männer Herz im Innerſten ergriffen hat, wenn er ſich gebehrdet, als wolle er das Unterſte zu Oberſt keh⸗ ren, wenn er nun gar— der er als Turner doch nur mit ſich ſelbſt und dem Aufbaue der Grundlagen für das Staatsgebäude beſchäftigt ſein ſollte— wenn er nun gar, ſage ich, ſich in die höheren Regionen der Politik und Staatskunſt verſteigt und nach ſeiner oberflächlichen Auf⸗ faſſung das Turnen damit vermengt, dann wird er lächer⸗ lich und gefährlich zugleich. Fort mit ihm! denn er gehört mit ſeiner Weisheit an den Putztiſch der Mode⸗Mamſellen oder auf die Bierbank, nicht aber auf den Turnplatz.— „Wir kommen nun zu derjenigen Abart unter den Tur⸗
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