Ausgabe 
18.10.1845
 
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S

Intelligenz Olatt

für die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen,

die Kreiſe Friedberg, Grünberg und Hungen

und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.

Gedaͤchtnißfeier Peſtalozzö's.

An den verſchiedenſten Orten Deutſchlands und der Schweiz regt ſich gegenwärtig das Beſtreben, durch wür⸗ dige Begehung des 100 jährigen Geburtstages Peſtalozzi's die Anerkennung und Dankbarkeit der Jetztwelt gegen dieſen großen Reformator der Volkserziehung an den Tag zu legen. Man fühlt, daß trotz des Mißlingens der von ihm gegruͤn⸗ deten techniſchen Anſtalten, ſeine tiefen Ideen, ſeine Liebe zu dem armen Volke und ſeine Herablaſſung zu den An ſchauungen der Kindheit es geweſen ſind, welche unſerm heutigen Volksſchulweſen den humanen Charakter aufgeprägt und den Unterricht ſelbſt der niedrigſten Claſſen zu einem wichtigen Agens des Staatslebens erhoben haben. Und je ungerechter ein großer Theil der Zeitgenoſſen die Aufopferun gen Peſtalozzi's um ihrer ungelenken Ausführung willen be⸗ urtheilte, und je verdammender noch jetzt eine gewiſſe Par⸗ tei über die von ihm angeregte Bildung der Maſſen ſich ausſpricht, um ſo mehr iſt es Pflicht der aufgeklärten Volks⸗ und Jugendfreunde, durch Betheiligung an ſeinem Ehren⸗ feſte, Peſtalozzi's Andenken in dem Lichte geſchichtlicher Wahrheit und umgeben von den Gefühlen des Dankes und der Hingebung erſcheinen zu laſſen. Schritte hierzu ſind ſchon manche geſchehen. Nachdem Seminardirector Dieſter⸗ weg in Berlin ſchon frühe und auf ein falſches Datum fußend zu einer Feier am 12. Januar 1845 eingeladen hatte, hat ſich in Berlin ein Comite gebildet, um eine Lieblingsidee Peſtalozzi's auszuführen, ein Rettungshaus für ſittlich ver wahrloſete Kinder als Muſteranſtalt fur Deutſchland zu ſtif⸗ ten. Ganz ähnlich iſt kürzlich ein Aufruf aus der Schweiz erlaſſen worden. Man hofft, aus Gaben des deutſchen und ſchweizeriſchen Vaterlandes in Neuhof, der erſten pädagogi ſchen Gründung Peſtalozzi's und ſeinem letzten Zufluchts⸗ orte, ein großartiges Aſyl für die ſittlich verwahrloste Ju gend zu gründen. Zſchokke's Name gibt dieſem Aufrufe einen guten Klang. Indeſſen iſt es bei dieſen Anregungen nicht geblieben. Eine große Anzahl Schulmänner und Geiſt liche Frankfurts und der Umgegend haben am 8. Dol, d. J.

eine vorberathende Verſammlung zu der am 12. Jan. 1846 zu begehenden Peſtalozzifeier gehalten und die Abſicht aus⸗ geſprochen, nicht nur ſo viel als möglich alle Freunde Peſta⸗ lozzi's aus Frankfurt, Offenbach, Hanau, Darmſtadt, Mainz, Wiesbaden, Friedberg und deren Umgebungen zu einer ge⸗ meinſchaftlichen Feierlichkeit in Frankfurt zu vereinigen, ſon⸗ dern auch dieſen Tag durch eine dauernde Stiftung zu ver- ewigen. Ob nun aber die Stiftung ſich an die zu Berlin oder Aarau anlehnen oder eine ſelbſtſtändige werden ſoll, darüber hat erſt die vollzählige Feſtverſammlung am näch⸗ ſten 12. Jan. zu entſcheiden. Einſtweilen iſt das Comite beauftragt, die bereits vorliegenden und noch vorzulegenden Vorſchläge zu prüfen, insbeſondere die in Ausſicht ſtehen den Mittel zu erwägen und an dem Feſttage der Verſamm⸗ lung darüber Bericht zu erſtatten. Außer den oben erwähn⸗ ten Vorſchlägen von Zſchokke und Dieſterweg waren bereits zur Sprache gebracht: 1) Die Gründung eines Ret tungshauſes in der Nähe von Frankfurt durch Beiträge aus der Stadt und den angrenzenden Staaten und verhältnißmäßiger Benutzung d er⸗ ſelben.) Gründung eines pädagogiſchen Sti pendiums. 3) Gründung eines Waiſenhauſes für die Hinterlaſſenen der Lehrer. 40 Gründung ei⸗ ner Anſtalt für Blödſinnige. Alle dieſe Vorſchläge, welche ſich eines mehr oder weniger localen Intereſſes nicht entwinden können und die Beſchaffung großer Geldmittel vorausſetzen, gehen in einem 5. Vorſchlage auf: Grün⸗ dung eines Vereins zur Rettung ſittlich ver wahrloſeter Kinder innerhalb der Familiener ziehung nach Art der zerſtreuten Waiſenerziehung oder des Vereins zur Beſſerung entlaſſener Sträflinge. Die Mit glieder des Vereins würden in zwei Claſſen zerfallen, in erziehende, wozu insbeſondere Lehrer und Geiſtliche gehören könnten, und in unterſtützende, welche durch milde Gaben die Erziehung durch jene möglich machten. Der Verein könnte im kleinen Raume und mit kleinen Mitteln begin⸗ nen und von ſeiner innern Thätigkeit wurde die weitere Verbreitung abhängen. Wo ihm große Mittel zu Gebote

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