Ausgabe 
10.9.1845
 
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ntelligenz- Glatt

für die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen,

die Kreiſe Friedberg, Grünberg und Hungen

und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.

Hiſtoriſch-topographiſche und commerzielle Nachrichten uͤber Ulrichſtein.

Der jetzige Marktflecken Ulrichſtein an der nordweſt⸗ lichen Abdachung der bedeutendſten Höhen des Vogelsbergs hatte früher, beſonders mit der daran gelegenen alten Burg (Schloß), welche 2561 Heſſ. Fuß über der Meeresfläche liegt, eine größere Bedeutſamkeit, als jetzt. Der eigent liche Vogelsberg, von welchem die ganze Gebirgsgegend ihren Namen führt, liegt circa ½ Stunde nordöſtlich von Ulrichſtein unweit des Vögelsbergerhofs, auch Wannhof, (vielleicht von Wenzel) genannt. Aus dem letztern Namen ſcheint hervorzugehen, daß die Erbauung dieſes Hofes in die früheſten Zeiten geſetzt werden muß, vielleicht in die Zeiten der erſten feſten Wohnſitze in der hieſigen Gegend. Jetzt beſitzen die Freiherrn von Schenk dieſen Hof immer noch als Lehensherrn, welche in der Nähe noch mehr begü tert ſind. Vielleicht baute dieſe adelige Familie die hieſige Gegend zuerſt an, was ſehr wahrſcheinlich iſt, da Schweins berg in demſelben Thale liegt, auf welchem der Fuß des Berges Ulrichſtein ruht. Ulrichſtein hat eine Gemarkung von bedeutender Größe, iſt der Sitz eines Landgerichts, ſteht ſchon deßhalb mit den 17 amtsangehörigen Orten, welche 8310 Seelen, mithin die Seelenzahl einer nicht ganz unbe deutenden Stadt enthalten und von evangeliſchen Chriſten und mehreren Juden bewohnt ſind, ſowie auch mit den nahe gelegenen bedeutenderen Orten Oberohmen, Ruppertenrod, Engelrod mit ſeinen fünf Filialen, Hopfmannsfeld u. ſ. w. in lebhaftem Verkehr, beſonders auch, weil die ſehr beſuchte Verbindungsſtraße zwiſchen den Städten Lauterbach, Schlitz, Fulda u. ſ. w. bis Eiſenach, Gotha, Weimar, Leipzig auf der einen, und Grünberg, Gießen, Laubach, Lich u. f. w. bis Wetzlar, Weilburg, Dietz, Koblenz auf der andern Seite, durch Ulrichſtein geht. Die Märkte zu Ulrichſtein, zu welchen noch ein Schafmarkt angeordnet worden iſt, zeichnen ſich durch ihre Größe und Bedeutſamkeit vor den meiſten Märkten im Vogelsberg aus, weil dieſer Ort der gelegenſte Mittelpunkt zur Betreibung der commerziellen

Geſchäfte des Vogelsbergs iſt und namentlich auch die Gute des Vogelsberger Viehes, welches dennoch meiſtens ſehr billige Preiſe hat, in den Niederungen allgemein bekannt iſt; auch wird jetzt der Handel durch die nach allen Richtungen hinführenden ſehr guten und bequemen Straßen befördert. Von jeher war Ulrichſtein der Hauptpunkt des eigentlichen Vogelsbergs, ſowohl zu Kriegs-, als auch zu Friedens⸗Zeiten für den Handel und wer kennt nicht dieſen wichtigen Platz und das noch vor wenig Jahren beſtandene Ulrichſteiner Schloß, dieſen herrlichen Anhaltspunkt für ſeinen bedeuten den Horizont? Wer erinnert ſich nicht dieſes wichtigen Höhen punctes, an welchem Weſer- und Rheingebiet ſich in größe ren Hochebenen anreihen und an welchen ſich ſo manche Erinnerungen von allgemeinem und vaterländiſchem Intereſſe knüpfen, der jemals in dieſe Gegend kam?

Die ältere Geſchichte von Ulrichſtein iſt durch die neueren Geſchichtsforſcher, auch durchLandaus Heſſ. Ritter burgen, mindeſtens in Umriſſen wohl genügend dargeſtellt und erſchöpft, aber doch muß noch bemerkt werden, daß die alte Benennung molesstein wohl nicht Mühlſtein heißen ſoll, wozu gar keine Veranlaſſung vorhanden zu ſein ſcheint, ſondern daß dies Wort wohl eine mönchiſche Zuſammen ſetzung von mollis und Stein iſt, um die eigenthümliche Naturerſcheinung, welche ſich auf der Spitze und am Ab hange dieſes Berges findet, zu bezeichnen. Auf der Höhe des Schloßberges befindet ſich nämlich eine zwiſchen lauter Baſalt⸗Felſen beſtehende keſſelartige Vertiefung, welche immer während, auch bei der andauerndſten Trockenheit reichlich gutes Waſſer hat und ſelbſt bei der größten Sommerhitze keine bedeutende Verminderung erleidet. Vielleicht war dieſe Stelle, die ſpäter gereinigt und noch vertieft wurde, bei ihrer Entdeckung nur ein weicher, waſſerreicher Platz zwi ſchen den großen Steinen oder Felſen, und wurde dieſer Berg deßhalb mollisstein, Mildenſtein d. h. Waſſerſtein genannt, weßhalb auch die alten Urkunden mollesstein mit doppeltem el ſchreiben. Es läßt ſich dies auch nach Analogie deßhalb als richtig annehmen, weil auch in den Rhöngebir

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