— 2
Intelligenz Blatt
für die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen,
die Kreiſe Friedberg, Grünberg und Hungen
und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.
Der Großherzoglich Heſſiſche Kreisrath des Kreiſes Friedberg an die Kirchenvorſtaͤnde und Kirchenrechner des Kreiſes.
Betreffend: Die Bewilligung von Friſtgeſuchen der Schuldner localer Kirchen- und milder Stiftungsfonds.
Die frühere Beſtimmung, daß die Gr. Kreisräthe zur Zahlung liquider fälliger Einkünfte der Kirchen- und milden Stiftungsfonds Friſten bis zum Schluſſe des Rechnungsjah— res ertheilen konnten, iſt dahin abgeändert, daß die ertheilte Befugniß der Zeit nach, bis Ende September erweitert wor den iſt, was hierdurch Ihnen zur Kenntnißnahme mitgetheilt wird.
Friedberg den 25. November 1845.
ach enn.
An den Verfaſſer des Artikels in Nr. 75 d. Bl., Antipathieen und Sympathieen, Herrn E—.
Vorhin las ich in Goethes Sprüchen in Reimen und Proſa auch den folgenden:„Mancher klopft mit dem Ham— mer an der Wand herum und glaubt, er treffe jedesmal den Nagel auf den Kopf.“— Was Wunder, wenn ich durch eine ganz natürliche Ideenverbindung an Sie wieder erinnert worden bin! Ihr Klopfen auf ein Artikelchen in Nr. 70 d. Bl. hatte ich beinahe ganz vergeſſen; nun fiel es mir wieder ein und ich dachte:„Herr E— wird es unſchicklich finden, daß du ihn ſo lange haſt warten laſſen, is du dich für die nützlichen Lehren bei ihm gebührend be— dankt haſt; ſo willſt du doch wenigſtens Etwas auf ſeinen Artikel entgegnen.“
So erlauben Sie denn zunächſt, daß ich den Artikel, welcher ſo unglücklich war, Ihr Mißfallen zu finden, hier folgen laſſe, iſt er doch nicht zu groß und daher bald geleſen.
Drehorgelu und Mordgeſchichten.—„Der beſſere Theil des deutſchen Volkes— und dieſer iſt ſo gering nicht, als Manche glauben— iſt der Drehorgeln und Mordgeſchichten überdrüſſig. Der ruhige deutſche Mann fügt ſich gerne in die polizeilichen Anordnungen; aber er wünſcht auch, daß auf Jahrmärkten nicht mehr die Verworfenheit der menſchlichen Natur beorgelt, erklärt, beſungen und dann in Beſchreibung nebſt Lied für einen Groſchen verkauft wird, da es offenbar iſt, daß für öffentliche Sitt⸗
lichkeit Nichts gewonnen werden kann, wenn Laſter und ſtrafende Gerech⸗ tigkeit durch die abgeſchmackte Erzählung gräuelhafter Mordgeſchichten, ſowie durch die noch gräuelhafteren Melodieen lächerlich gemacht werden, und daß die ſ. g. Sittenpolizei allzu nachſichtig iſt, wenn die Gewinnſucht mit Verbrechen hauſiren gehen darf.
In der Verbannung dieſer Mordgeſchichtler würde man zugleich eine Anerkennung des geſunden Sinnes des Publikums von Seiten der Polizei finden; die Jahrmarktinduſtrie würde auch bedacht ſein, nicht mehr aus den Schlechtigkeiten einzelner Taugenichtſe, ſondern aus den Großtha— ten der Weltgeſchichte einen Nutzen zu ziehen, wie man denn auch ſchon in Wachsfigurenkabinetten Huß, Guſtav Adolf und den Reichstag zu Worms erblickte und mit Wohlgefallen bei den Geſtalten Luthers und Philipps des Großmüthigen verweilte. Durch Einführen der bib⸗ liſchen Perſonen in die Wachsfigurenkabinette wurde ſchon oft dem be⸗ ſuchenden Publikum ein gemüthlicher Genuß dargeboten. Die Geſchichte des deutſchen Volkes iſt nicht arm an Zügen von Edelmuth, Menſchenliebe und Heldenſinn; welch ein Hebel für ächte Bildung wäre es, wenn im Anſchauen der Figuren von Männern, die der Deutſche mit Stolz ſeine Landsleute nennt, im Anhören einer populären, aber edel gehaltenen Er⸗ klärung der Beſucher eine geiſtige Erhebung fände!
Vereine können viel Gutes wirken, aber die Sittenpolizei kann auch viel Böſes abwehren!—
Wie wird ein Unbefangener dieſen Artikel auffaſſen? Es dünkt mich, er werde als Abſicht des Verfaſſers erken— nen, daß derſelbe unter motivirenden Andeutungen den Wunſch ausſprechen wollte, bei Jahrmärkten möchten doch Beiſpiele des Guten ſtatt der Beiſpiele des Schlechten zur Anſchauung gebracht werden.— Sie dagegen, mein Herr, haben geglaubt, eine liebloſe Ver— folgung der Orgelmännchens und eine vielleicht kindiſche Vorliebe für die Wachsfigurenkabinette rügen zu müſſen.— Ich habe den Wunſch ausgeſprochen, die Polizei möge die Mordgeſchichtler verbannen, damit die Jahrmarktinduſtrie darauf bedacht ſein möge, nicht mehr aus den Schlechtig— keiten einzelner Taugenichtſe, ſondern aus den Großthaten der Weltgeſchichte einen Nutzen zu ziehen. Beiſpielsweiſe wurden die Wachsfigurenkabinette angeführt, welche keine Mordgeſchichten auftiſchen, ſondern einen gemüthlichen Ge— nuß Jung und Alt ſchon öfters gewährt haben.— Will aber das Orgelmännchen anſtatt der großen Moridaten Karl den Großen, Napoleon und alle die Männer, welche Sie aufzählen, ſich auf ſeine Wachstücher malen laſſen; will es ſeine gräulichen Melodeien ablegen; will es ſich eines beſſeren Vortrags befleißigen; ſo wird ſich gewiß der beſſere Theil des deutſchen Volkes darüber freuen, denn nicht die Drehorgel thut der Sittlichkeit Abbruch,(wie Sie mich ſagen laſſen), ſondern die Mordgeſchichten. Sie theilen den gebildeten Theil des deutſchen Volkes in ſolche Leute, die wie der Hohenzollern in der Sage vom Hirſch—


