Ausgabe 
2.7.1845
 
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daß damit ſein unbeſcholtenes Daſein vernichtet; als Familien⸗ vater, daß die Exiſtenz der Seinigen zertrümmert ſei. Fle⸗ hend wandte er ſich an den Räuber ſeiner Hoffnungen und ſeines Geldes. Umſonſt natürlich. Die Börſe war ihm ge⸗ nommen, das Leben, das nackte, entehrte Leben geblieben; Es gab eine ſchreckliche Szene an dem grünen Tiſche, der ſtumpf iſt für das Herzeleid des Unglücks. Die Polizei ent⸗ fernte den närriſchen Mann, den verzweifelten Vater, auf daß die Ruhe der Spielhallen nicht geſtört werde. Man bezahlte für ihn einen Wagenplatz und ſo kam er nach Frankfurt zurück. Seiten ſeiner Prinzipalität war indeſſen ſein Ausbleiben ſchon übelbemerkt und in Anbetracht mehr facher ähnlicher Vorkommniſſe Veranſtaltung getroffen worden den armen Sünder am Thore polizeilich in Empfang zu nehmen. Es geſchah. Der Handelsherr iſt indeſſen ſeiner 300 Fl. verluſtig geblieben und die Familie des Unglück lichen brodlos worden, dieſer ſelbſt aber um einiger Augen⸗ blicke berauſchten Sinnes willen, dem Zuchthaus verfallen.

II. Ein Offizier vom Frankfurter Militair, ein Mann von ſonſt durchaus unbeſcholtenem Namen, widerſtand lange der Verſuchung, beim Spiele zu Homburg ſein Glück zu verſuchen. Da gab ihm eines Tages eine fröhliche Ge ſellſchaft Veranlaſſung dazu. Er folgte ihr. Man pflegt zu ſagen:das Glück ſei der Unmündigen Vormund! Hier bewahrheitete es ſich; unſer jungfräulicher Spieler gewann, gewann, und kehrte mit vollen Taſchen und freudetrunken in den Schooß ſeiner Familie nach Frankfurt a. M. zurück. Er war glücklich vermählt und erfreute ſich eines nicht un⸗ anſehnlichen Vermögens, das ihm ſeine Gattin zugebracht hatte. Allein der glückliche Becher, aus dem er genippt, ſollte auch ihm ein Gift ſein. Von dem Zauberkreis For tuna's angezogen, verſank er allmählig in das Netz der un ſeligſten Spielſucht, die ihn ſeinem trauten Weibe, ſeinen lieblichen Kindern entfremdete, während er zu Homburg nach einem Glücke jagte, das wetterwendiſch, wie es iſt, ihm plötzlich hartnäckig den Rücken kehrte. So hat der Mann nach und nach das Vermögen ſeiner Frau verſpielt, bis auf die von ihr bei der Verheirathung geleiſtete Kaution. Die öffentliche Schande und der innere Vorwurf haben ihn flüchtig werden laſſen. Weib und Kinder weinen dem un glücklichen Gatten und Vater nach! In Homburg wird fortgeſpielt!

Iſt die Gaſtfreundſchaft eine Tugend?

Welch' ſonderbare Frage! wird wohl Mancher denken und ſprechen,Iſt die Gaſtfreundſchaft eine Tugend? Warum ſollte ſie das nicht ſein? Wenn Mitleid, Bereit willigkeit, Gefälligkeit, Dienſtfertigkeit, Mildthaͤtigkeit und andere ähnliche Eigenſchaften zu den Tugenden gehören, wird es wohl vor allen Dingen auch die Gaſtfreundſchaft, denn dieſe iſt die Geſammtheit jener löblichen Eigenſchaften. Unter Umſtänden ſage ich ja! Aber ſoll man überall

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bereitwillig und dienſtfertig ſein? Man wolle mich an⸗ hören.

Abraham, dieſes Muſter den Menſchengeſchlechtern von 4000 Jahren, war auch gaſtfreundlich man gedenkt deſſen rühmlich. In einer Zeit, wo die Menſchen zer ſtreut lebten, wo es an den vielen Bequemlichkeiten, die unſere Zeit verweichlichen, noch gänzlich fehlte, war es ſchön, war es Pflicht ſogar, daß Einer den Andern unter ſein Dach aufnahm, ihn pflegte und zur Weiterreiſe unter ſtützte die Gaſtfreundſchaft war eine Tugend, die jeder Menſchenfreund übte. Heute iſt es anders. Der Ver kehr iſt geſteigert, in hohem Grad geſteigert, und größerer Verkehr rief Einrichtungen ins Leben, die die Väter Israels nicht kannten und die Gaſtfreundſchaft iſt überflüſſig gewor den. Doch man verſtehe mich nicht falſch. Wenn ein Dürftiger, ein Kranker vor deine Thüre kommt und dich ermattet um eine Unterſtützung anſpricht, wie möchteſt du, oder wer möchte den kalt zurückweiſen; ſchuldlos Verfolgte, Gelehrte, Künſtler und andere verdienſtvolle Männer finden heute noch in der Ferne bei edlen Männern herzliche Auf nahme und kommt dir ein Freund, ein langentbehrter, er wird gewiß freundlich aufgenommen. Wenn aber der vagirende Müßiggänger unter der Maske eines Freundes oder eines vom Schickſal arg Verfolgten oder ꝛc. dich auf⸗ ſucht und du nimmſt ihn auf, beherbergeſt ihn wochenlang, ſtörſt dein Geſchäft, bringſt Unordnung in deine Haushal⸗ tung, verurſachſt dir übermäßige Koſten, gewöhnſt deine Hausangehörigen ſelbſt an ſolches Müßiggehen und Zeit verſchwenden, kannſt du dieſe Gaſtfreundſchaft eine Tu⸗ gend nennen? Ich nenne ſie, gelinde ausgedrückt, eine Un⸗ tugend, wie ich Verſchwendung, Unordnung und andere ähn⸗ liche Krebsſchäden Untugenden nenne. Du reichſt da dem Müßiggang eine ſtützende Hand und bringſt Schaden über deine Familie. Und nicht beſſer iſt's mit dem übermäßigen Beſuchemachen und Beſuchenehmen unter Freunden und Be⸗ kannten in der Nähe. Wie mancher Hausvater ſeufzt im Stillen über die Laſt der Beſuche und mag oder kann nichts ſagen, weil vielleicht die Frau nicht ohne Geſellſchaft ſein kann oder weil es doch einmal höchſt unſchicklich wäre, wenn auch nur verſteckt, gegen einen läſtigen Beſuch ſich zu äußern. Aehnlich iſt es oft mit den Kränzchen, Theeviſiten ꝛc., die in neuerer Zeit auch in den niederen Zirkeln der ſogenannten Honoratioren) bis zum Uebermaß einreißen. Häuslichkeit dächte ich wäre hier öfter an ſeinem Platz, als die angedeutete Gaſtfreundlichkeit!

*) Der BegriffHonoratioren, ſcheint überhaupt noch nicht ganz feſt zu ſtehen. In unſerer Volksſprache zahlt man in der Regel ſchon alle diejenigen zu den Honoratioren, die ſich durch feinere Kleidung, Hut, Schleier ꝛc. durch Geld oder durch bloſes Vornehmthun auszeichnen. Das ſind nun auch zugleich dieGebildeten mag auch die eigentliche Bildung gänzlich mangeln. Hier ließ ſich von einer geübteren Feder noch Manches ſagen.