idderg um Sept. 1842
n 10 882
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Intelligenzblatt
für die
Provinz Oberheſſen im Allgemeinen, Kreiſe Friedberg und Hungen
und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.
Mittwoch, den 31. Auguſt
1842.
Ueber Leſegeſellſchaften. (Schluß.)
Doch zu was nun dieſe ganze Erzählung? Dazu, um durch ein Beiſpiel zu zeigen, wie namentlich die geringeren, der geiſtigen Bildung noch am meiſten bedürftigen Stände aus der Abgeſchloſſenheit ihres Lebens, worin ſie ſich fruͤherhin befanden, und wo— mit die jetzigen Verhältniſſe, ſogar die des Staates, nicht mehr vereinbar ſind, herangeführt werden muͤſſenz nicht aber dadurch daß ſie ſich ſelbſt überlaſſen blei— ben, um ſich in aller Oberflächlichkeit den neuen Rock der neuen Zeit zuzuſtutzen und unter dieſem Modekleid von leichtem Zeug die alte Rohheit und Eigennützigkeit zu verbergen,— um redlich ſtreben⸗ den Männern das Wirken zu erſchweren;— ſon— dern um mit der alten volksthümlichen Sitte, der alten, ernſtreligioböſen Denkungsweiſe die Fortſchritte der neuern Zeit in Erziehung, Gemeindeweſen, Kün— ſten, Gewerken und Lebensart durch das Mittel gründlichen Nachdenkens darüber, was das Beſte aus Allem ſei, das man behalten müſſe,— zwar langſam, aber dauerhaft zu vereinigen.
Und wie ich hier im Kleinen glaube, daß die alte Denkungsweiſe,— denn wer kann läugnen, daß viel Gediegenes und Gutes an ihr iſt,— der Stamm ſein muß, in welchen die veredelten Reiſer einer neuen gepfropft werden muͤſſen, ſo glaub ich auch muß es im Ganzen und Großen ſein. Alles Neue muß nicht aus dem Veralteten und Abgeſtor— benen, wohl aber aus dem Alten in den Stürmen des Lebens Bewährten herauswachſen; das Vor— handne iſt es, woraus das Werdende ſeine Lebens— kräfte zieht; das alte Geſchlecht darf keinem Baum⸗ ſtumpf gleichen, der zu ſtarr iſt, als daß er neue
Blüthen und Blätter treiben möchte; das neue Ge⸗ ſchlecht keiner Phantaſieblüthe, die nirgends in Erde und Waſſer nicht Wurzeln und Faſern hat. Sowie nun in den Pflanzen der neue Trieb aus dem alten Stamm durch das Steigen und Fallen der Säfte hervorkommt, ſo kann auch im Menſchenleben das Neue aus dem Alten nur durch das zuſammenhel⸗ fende Nachdenken, Streben und Thun aller Ver— nuͤnftigen und Redlichen in allen Ständen hervor⸗ gehn.— Oberfläachlichkeit iſt es, neue, willkührlich erſonnene Einrichtungen dem alten Thun und Trei⸗ ben wie eine blendende Schminke aufzumahlen; wahre Einſicht und Intelligenz aber iſt es, einzuſehen, wie Alles nur durch die tief im Menſchenleben ſich regen⸗ den innern und ewigen Beduͤrfniſſe wahrhaft beſſer wird, wahre Weisheit iſt es an die unſichtbare Re— gierung Gottes im Menſchenleben, die der oberflaͤch⸗ liche Menſch uͤberſieht, zu glauben.
Deswegen lieben Freunde, hohen und niedern Standes, von jugendlicher Begeiſtrung und von Er— fahrung des Alters,— aber ihr alle, die ihr es gut meint mit dem geiſtigen Wohl der Menſchheit,— und gern das Eurige dazu beitragt: laßt uns alte teutſche Gründlichkeit und jugendlich regen Sinn fürs Leben miteinander vereinigen. Denke jeder, wie ihn Gott durchs Leben denken gelehrt hat, ſo lang ihm ſein Gewiſſen ſagt, daß er recht denkt; aber lebe auch keiner blos in ſich ſelber, in ſeinen Gedanken, und in dem Thun und Herkommen ſeiner Standes⸗ genoſſen: vielmehr gelte ihm jeder Tag als verloren, und ſo verlieren wir oft Jahre— wo er nicht ein⸗ geweihter geworden iſt in das Leben der Menſchen, in die Bedürfniſſe, in das Wohl und Wehe, in die Denk⸗ und Lebensweiſe andrer Menſchen; jeder Tag, aber ſei uns köſtlicher Gewinn und Freude, wo wir


