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Intelligenzblatt
für die
Provinz Oberbeſſen im Allgemeinen, Kreiſe Friedberg und Hungen
und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.
Sonnabend, den 26. November
1842.
Standrecht.
Im Mai 1830 begegnete ich in der Nähe von Orleans einem Schweizerregiment, das ſein Land verlaſſen hatte, um dem König von Frankreich zu dienen. Auf einer kleinen von Fichten umgebenen Ebene machten ſie halt, und ich fragte den Haupt— mann, den ich kannte, ob ſie exerciren würden. Nein, ſagte er, es ſoll hier ein Soldat von meiner Com- pagnie, der einen Burger beſtohlen hat, verurtheilt und erſchoſſen werden. Verurtheilt und erſchoſſen in demſelben Augenblick?— Ja, ſo ſind unſre Ca⸗ pitulationen.—
Das Regiment hatte eine Quarré gebildet; am Rande des Gehölzes wurde ein Grab aufgeworfen. Acht Officiere ſaßen auf Trommeln, der neunte ſchrieb einige Worte auf ſeinen Knieen. Der An— geklagte, ein ſchöner junger Menſch trat vor; ſeine Anklägerin ein kleines ältliches Weib fing mit ge— falteten Händen und großer Salbung ihre Klage an, als der Soldat ausrief: ja, ja ich bekenne; ich habe dieſer Frau hier ein Tuch geſtohlen. Ei Peter, rief der Oberſt, du warſt ſonſt immer ein braver Burſche.— Hab's auch nicht für mich geſtohlen, Herr Oberſt, es war für meine Getrud.— Wie ſo, fragte der Oberſt.— Leſen Sie nur dieſen Brief.
Mein lieber Freund Peter!
„Ich ſchicke Dir durch den Rekruten Arnold einen ſeidnen Geldbeutel. Der Vater will's noch immer nicht haben und ſagt, du kämeſt ganz gewiß nicht wieder. Mein blaues Tuch, das ich Dir geſchenkt, mußt Du mir aber wieder bringen. Komme recht bald, und ſchicke mir etwas aus Frankreich, kuüſſe es aber erſt, ehe Du es abſendeſt. Ich verbleibe Deine treue Getrud.“—
Arnold brachte mir geſtern den Brief. Ich konnte die ganze Nacht nicht ſchlafen, denn das blaue Tuch hatte ich verloren— und hatte kein Geld. Dieſen Morgen, als ich das Fenſter öffne hängt ein blaues
Tuch auf der Leine, juſt ebenſo wie das verlorne. Ich greife darnach, es zu betrachten, da ſchlägt der Tambour— ich ſchiebs in den Torniſter und mußte eilen zur rechten Zeit zu kommen. Unterwegs reute michs und ich wollt' es wieder zurück tragen, als die Alte heulend und ſchreiend hintendrein gelaufen kam. Ich wurde viſitirt und man fand das Tuch. Ich habe nach der Capitulation den Tod verdient. Laſſen Sie mich erſchießen, aber verrathen Sie mich nicht.—
Er bat ſeinen Hauptmann ihm vier Franken zu leihen; gab ſie der Frau und ſagte: vielleicht iſt das Tuch mehr werth, allein da ich es ſo theuer be— zahle, ſo können Sie mir wohl den Reſt ſchenken.— Hierauf reichte er das Tuch ſeinem Hauptmann, küßte es und bat ihn, daſſelbe nach der Rückkehr ſeiner Braut zu bringen. Sagen Sie nicht, wie theuer ichs erkauft, waren ſeine letzten Worte.— Er kniete nieder, betete und ſtellte ſich auf ſeinen Platz.
Um nicht Zeuge vom Ende des Trauerſpiels zu ſein, eilte ich in den nahen Wald.— Nach einer Stunde kehrte ich zurück. Das Regiment war ab— gezogen. Es war nichts mehr zu ſehen, als ein friſch aufgeworfener Hügel, den ich durch einen Um— weg vermied.
A
Der Menſch kann auf Gold und Seide ſo we— nig ſtolz ſein als die Mine und Raupe, die Beides fruͤher trugen; auf den umgehangenen ſchönen Kör— per eben ſo wenig, da ihn ein Judas oft hat und ein Heiliger oft miſſet, und da ſich in dieſem Falle die alte Mutter vor der blühenden Tochter neigen müßte. Man kann eben ſo wenig mit Talenten, als mit Ahnen prahlen, da Beide einem Neujahrgeſchenk gleichen und keinem Arbeitslohn. Und worauf kann man ſich denn etwas zu Gute thun, wenn man es auf nichts darf, was man iſt, hat und wird?


