Intelligenzblatt
für die
Provinz Oberbeſſen im Allgemeinen, Kreiſe Friedberg und Hungen
und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.
M91.
Mittwoch, den 16. November
1842
Der Friede der Seele. Eine Betrachtung.
Stehſt du nicht oft verzweifelnd vor dem gewal— tigen Brauſen der Triebräder des Lebens und läſſeſt muthlos die Arme ſinken? Alles vergebens! ſprichſt du, der reinſte Wille, die beſten Abſichten; die letz— ten Kräfte hatte ich daran geſetzt, und immer wie— der umſonſt! Wie ſoll es enden? Ein widriger Ueberdruß ergreift dich, eine Todeskälte hält dich gefangen. Muͤde, wie ein gehetztes Wild fliehſt du vor tauſend Sorgen, Zweifeln und Befuͤrchtungen; die eignen Leidenſchaften, Haß und Verfolgung der Nächſten ſcheuchen dich vor ſich her, von Noth und Unglück bedrängt, von den Schmerzen und Wehen der Zeit zerriſſen, weiſt du nicht wohin dein Haupt zur Ruhe legen. Ach, du ſuchſt den Frieden, den du nicht finden kannſt; den Frieden der Seele; nicht die Unthätigkeit, dazu ſind deine Kräfte zu jung; nicht jene ſtumpfe leidenſchaftsloſe Gleichgül— tigkeit, dazu iſt dein Herz zu groß;— nein, nur eine harmoniſche Ausgleichung des Widerſprechenden, einen höhern Standpunkt, von dem wir ungefährdet herabſehen könnten, einen auflöſenden Akkord, der verſöhnend eingriffe in die wilden zerreißenden Dis— harmonien der Welt und des Herzens.
Aber wo find' ich dieſen Frieden?
In dem Vollkommenſten, in dem Höchſten, in Gott allein. Wenn du den Frieden mit dir ſelbſt, wenn du den Frieden mit den Menſchen finden willſt, ſo ſuche den Frieden mit Gott, und du haſt alles in allem. f
Welches iſt der Friede mit mir ſelbſt?
Die ewig heitere Gedankenloſigkeit, die ſich nie⸗
mals fragt: woher bin ich? wozu bin ich hier? wo— hin ſoll ich? und der überhaupt das Fragen wenig am Herzen liegt?— Iſt's die lächelnde Eitelkeit, bei der es ſich immer von ſelbſt verſteht, daß ſie alles allein am beſten weiß und thut und der es noch nie in den Sinn gekemmen, daß ſie es ſein könnte, die immer Unrecht hat? Oder iſt's jener Dünkel, der durch ſcharfe Urtheile über andre ſich ſelbſt vor ſich ſelber zu heben ſucht? O gedenke doch des jämmer— lichen Gefühls nach einer Stunde, da du tapfer ge— ſchmält, da du ein Verdienſt oder einen guten Ruf mit hämiſchen Worten und boshaften Uebertreibun— gen in den Staub gezerrt, gedenke doch des jammer— lichen Gefühls, das dein ganzes Herz erfüllen mußte, als deine Zuhörer beſchämt die Augen niederſchlugen und ſchwlegen, und als deine laute Stimme, die ſchon längſt eigentlich keinen Ton mehr hatte, da ſie kein Echo fand, in ſinnloſen Worten verhallte; war da der Friede in deiner Bruſt?
Und der Friede mit der Welt?
Iſt's jene heuchleriſche Freundlichkeit, die es, der Bequemlichkeit halber, mit Niemanden verderben will, die jedem zu Gefallen redet und ſogar mit Liebe zu tadeln und zu haſſen meint, die ſich nicht ſcheut für ſolch' doppelzüngig ſeichtes Weſen das Wort Men— ſchenliebe im Munde zu führen? Liegt die nicht tiefer im Herzen, lautet die nicht volltönender aus allen Mienen, Reden und Thaten hervor, wie ein lieblicher Akkord, während ſie jenen Heuchlern nur flach von der Zunge und den Lippen klingt?
Aber wie gelange ich zum rechten Frieden, durch den Frieden mit Gott, mit dem wir alles in allem hätten?
Der Schrankenloſe nährt ſich dir nicht; doch


