Quartett, einen Chor wird verſtehen und ausfüh⸗ ren lernen, als gewiſſe Leute, die es im Clavierſpie⸗ len nur ſo weit bringen wollen, einen Walzer zu ſpielen, je einen Walzer werden ſpielen lernen. Ein weiterer unwiderleglicher Vorwurf der Einſeitigkeit trifft die Richtung jener Geſangvereine, welche ſich blos auf Tenor und Baß beſchränken, jede Zuzie⸗ hung von Sopran und Alt perhorresziren, und es ſich dadurch unmöglich machen, des Genuſſes der claſſiſchen Muſik theilhaftig zu werden. Der Kern der meiſten, ja aller Provinzialgeſangvereine beſteht aus Lehrern, bei welchen die Muſik einen Theil der Berufsthätigkeit ausmacht, und welche es gewiß als eine Berufspflicht erkennen, ſich fortzubilden in der Muſik; nun aber gibt es Hunderte von Lehrern, die in ihrem Leben noch nie Gelegenheit hatten, ein größeres claſſiſches Tonwerk zu hoͤren. Die großen Provinzialconzerte ſollen dem Lehrer nun dazu Ge⸗ legenheit verſchaffen; es iſt aber die claſſiſche Muſik ausgeſchloſſen von der Aufführung bei ſolchen Con⸗ zerten, denn die ſich auf Männerſtimmen beſchrän⸗ kende Geſangsliteratur iſt ſo arm, daß wir nur einige Muſikſtücke der ältern, und faſt keine der neueren Zeit beſitzen, welche die Auszeichnung ver⸗ dienen, zur claſſiſchen Muſik gerechnet zu werden; und dieſe werden gewohnlich nicht gewählt, weil man ſich einbildet, ſie ſeien zu ſchwer, veraltet, dem jetzigen Geſchmack zuwider, in Wahrheit aber, weil ſie das Ohr nicht ſo kitzeln, wie die moderne geiſt⸗ liche und profane Tändelmuſik. Wohl giebt es ein⸗ zelne, aber doch immer nur wenige ſehr ſchöne und gediegene Motette, Chöre und Cantaten fuͤr 4 Män⸗ nerſtimmen, cer ſie fuhren nicht zum Ziele. Es iſt den Componiſten vom Fache auch nicht zu ver⸗ argen, dem Fluge der Phantaſie durch den beſchränk⸗ ten Umfang, den Tenor und Baß darbieten, keine ſo engen Gränzen zu ſetzen, um der Mode⸗Muſik⸗ Manie der Zeit zu huldigen.

Ein weiterer Mißſtand, der uns des Totalein⸗ druckes eines claſſiſchen Meiſterwerkes der Tonkunſt beraubt, iſt die immer weiter einreißende, nicht zu⸗ fällige, ſondern beabſichtigte Vernachläſſigung der Inſtrumentalmuſik. Wir könnten Gründe anführen warum wir dieſe Vernachläſſigung eine beabſichtigte nenten); allein wer möchte wagen, in ein Wespen⸗ neſt zu ſtechen? Thatſache iſt es, daß die Inſtru⸗ mentalmuſik, d. i. die zuſammenwirkende, tief geſun⸗ en iſt, und daß man in kleinern, in Provinzialſtäd⸗ ten ſelten Inſtrumentalvereine finden wird, die eine Symphonie zur Ausführung bringen könnten. In unſerm Großherzogthum ſind nur zwei ſtändige In⸗ ſtrumentalvereine in Provinzialſtädten, nämlich in Gießen, wo dieſer Verein als Beigabe zur Univer⸗ ſität, nur durch die Unterſtützung aus der Staats⸗ kaſſe ſich halten kann, und in Bingen der Cäcilien⸗ verein, der aus einem Herrn- und Damen⸗Geſang⸗ verein und aus einem Inſtrumentalverein beſteht,

) Dieſe Gründe ſind uns unbekannt und wünſchten wir, ſie vom Herrn Verfaſſer zu vernehmen. N Die Red.

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und unter der Direction des durch ein Miniſterial⸗ dekret angeſtellten Muſiklehrers, Herrn Buſch, eines Schülers von André in Offenbach, ſeit vier Jah⸗ ren Bedeutendes geleiſtet hat. In Bensheim ve⸗ getirt ein von dem Lehrerſeminar getrennter, auch in Heppenheim an der Bergſtraße exiſtirt ein Vokal⸗ und Inſtrumentalchor, doch ausſchließlich fuͤr die Kirche. Beide Chöre vereinigten ſich früher zuwei⸗ len und gaben Conzerte; ſeitdem aber Seminardi⸗ rector Ries in Bensheim geſtorben iſt, und Frei⸗ herr von Babo aufgehört hat, die Seele des Mu⸗ ſikchors in Heppenheim zu ſein, bringen beide Chöre es zu keinem Conzerte mehr; denn die zwei oder drei größeren Conzerte, die ſeit einem Decennium an genannten Orten ſtattfanden, wurden durch be⸗ ſondere Zufälle veranlaßt, und konnten es nur allein durch die freundliche Mitwirkung einiger Mitglieder der darmſtädter und mannheimer Kapellen zu einer gewiſſen Erheblichkeit bringen. Beide Chöre mögen als Kirchenchöre ihren Zweck erreichen; aber ſie haben keine univerſelle Tendenz, und Muſikchöre an kleine⸗ ren Orten, die derſelben ermangeln, ſchaden nach meiner unmaßgeblichen Meinung im Allgemeinen der Muſik mehr, als ſie nützen. Wir glauben durch dieſe wenigen Worte meine vorn aufgeſtellte Behauptung, Bezugs der Einſeitigkeit der muſikaliſchen Leiſtungen der Provinzial⸗Geſangvereine, gerechtfertiget zu haben. Wenn wir uns daher erlauben, am Schluſſe dieſer wohlgemeinten Worte einen Wunſch auszuſprechen, ſo geſchieht dieſes zu gleicher Zeit im Namen von Männern, welchen es um wahrhafte Beförderung der Kunſt zu thun iſt; dieſer Wunſch wäre folgender: daß die muſikaliſchen Beſtrebungen der Provinzial⸗ vereine des Großherzogthum Heſſen univerſeller wer⸗ den möchten. Sopran und Alt dürfen auch das Ihrige dazu beitragen, vorzüglich aber mogen fuͤr Inſtrumentalmuſik Vereine zuſammen treten, die jungen Leuten Gelegenheit geben, ihre muſikaliſche Ausbildung bei wahrhafter Muſik, und nicht bei elen⸗ dem Kirmesgedudel zu ſuchen. Jeder beſondere Vo⸗ kal⸗ und Inſtrumentalverein möge unabhängig in ſeiner Wirkſamkeit voranſchreiten; aber zu alljährli⸗ chen größeren Conzerten mögen alle Vereine einer ganzen Provinz freundlich zuſammen treten, und ich bin der feſten Ueberzeugung, daß in wenigen Jahren Vorzüͤgliches geleiſtet werden kann. Ja, warum ſollten nicht ſchon in dem, im laufenden Jahre in Friedberg zu feieruden großen Conzerte alle angezogenen Kräfte vereinigt werden können?) Man ſpreche nicht: das iſt unmöglich! Dem Fleiße und dem guten Willen iſt Alles möglich, und ein viertel Jahr beſtebt aus 13 Wochen oder 7mal 13 Tagen; wie Vieles kann während dieſer langen Zeit noch geſchehen! Die beſſern Kräfte fuͤr Inſtrumentalmuſik mögen ſich ver⸗

) Dem ſich dafür intrereſſirenden Publikum und dem ver⸗ ehrten Einſender diene hiermit zur Nachricht, daß aller⸗ dings bei dem dahier in der erſten Hälfte des Monats Juli d. J. ſtattfindenden Sängerfeſte Inſtrumentalmitwirkung beabſichtigt iſt, worüber eine der nächſten Nummern dif⸗ ſes Blattes das Nähere enthalten wird. D. R.

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