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überirdiſcher Mächte iſt es nun zwar in der Wirk⸗ lichkeit nicht, aber ein ungeheurer Kampf zwiſchen dor Wuth des Waſſers und der Allgewalt der Fel— ſen. O wie groß muß Der ſeyn, der Waſſer und Felſen ſchuf und hier vor ſeinem ewigen Auge beide
hinzauberte, um auf Jahrtauſende hin ſich die Stelle
ſtreitig zu machen. So dacht' ich und mußte un⸗ willkührlich meine Hande falten und anbeten.
Als ich wieder herübergefahren war nach dem Wörth, dauerte es eine geraume Zeit, bis ich ganz zu mir ſelbſt kam und Worte fand, um, was ich geſehen hatte, meinem Freunde auszudrücken. Ich war ſo erſchöpft, als wenn ich einen Tag lang mich der härteſten Arbeit unterzogen gehabt hätte. So gewaltig batte das, was ich geſehen und gehört, mein ganzes Weſen ergriffen.
Der Orgelſtrauß.
Unter dieſem ſonderbaren Titel bringt„der allge— meine Anzeiger der Deutſchen“*) einen Aufſatz, der vielleicht dieſem und jenem Leſer des friedberger Intelligenzblattes nicht ganz unintereſſant oder unnuͤtz⸗ lich ſeyn dürfte— und der deßhalb, ſoweit es Be— ſtimmung und Grenzen dieſes Blattes erlauben, in kurzem Auszug hier gegeben werden ſoll. Unter An— derm heißt es daſelbſt:
„Man hat ſchon viel geſchrieen und geſchrieben über den nachtheiligen Einfluß, welchen Strauß, der tübinger Profeſſor, auf das religiöſe Le— ben ausgeuͤbt haben ſoll durch ſein beruͤhmtes„Leben Jeſu“; aber daß man von dem Einfluſſe, den ein anderer Strauß, naͤmlich der wiener Fiedler, auf den religioͤſen Ernſt gehabt— nicht laut ſpricht— daruͤber muß man ſich wundern.“—
„Wenn der Strauß, deſſen Sphaͤre die Schenke iſt, auch auf der Orgel in Praͤ-, Inter- und Poſt⸗ Ludien ſpukt und ſein Weſen oder Unweſen in der Kirchenmuſik treibt, ſo wurmt das in der Seele deſſen, der durch den Orgelton zur Andacht geſtimmt ſeyn will, und ich kann den Ingrimm daruͤber nicht ver— beißen.“—
„Denn was mir jener Herr Kantor auf mein Bedenken zur Beherzigung erwiederte, naͤmlich daß ſeine Strauß⸗Ludien die Religioſität befoͤrderten, indem bei den Abendbeluſtigungen den Taͤnzern und Taͤn⸗ zerinnen das Lied wieder einfalle, welchen er ſie des Morgens oder Mittags praͤ⸗, inter- und poſtludirt habe, will mein alter Kopf nicht mehr begreifen.“
„Wenn ich daher am Sonntag mit anhören muß, wie der Organiſt allen Taſten gleiche Gerechtigkeit widerfahren läßt, wie er das traͤge Volk der Hoͤlzer mit raſender Fingerfertigkeit mobil macht— dann den Choral:„Ach bleib' mit deiner Gnade ꝛc.“ be— ginnt und bei jedem Zwiſchenſpiel die ganze Taſta⸗ tur durchſegelt, ſo meine ich, der alte Geiſtliche, der
*) Nro. 22. von 1841.
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ſelige Paſtor, muͤßte aus den Graͤbern ſteigen und ihm ſeine Anſicht vom Orgelſpiel beim Gottesdienſt zu Gemuͤth fuͤhren.“———
„Er war gar ein eigner Mann, und wuͤrde, wenn er noch lebte, hinter ſeiner Zeit zuruͤckgeblieben ſeyn; denn er ſagte: Da der Gottesdienſt durchaus ernſt und wuͤrdevoll ſeyn muß und der Kirchengeſang einen weſentlichen Theil deſſelben ausmacht, ſo hat die Orgel als deſſen Traͤgerin ſich dieſem auf das Engſte anzuſchließen. Daher iſt alle Seiltänzerei auf dieſem Werke gaͤnzlich unter allen Umſtänden zu verweiſen. Für den Ausdruck der wilden Frende ſowie des wilden Schmerzes mit ſeinem zerriſſenen Weſen gibt es Inſtrumente genug, auf welchen der davon Erfaßte ſich nach Belieben ergehen kann. Auch vertraͤgt die Orgel mit ihren gehaltenen, gewal— tigen Toͤnen dergleichen Unfug ſchlecht, und wer ihn treibt, zeigt ſich als einen Takt- und Geſchmackloſen und verraͤth, daß er ſein Inſtrument nicht kennt.“—
„Mir iſt die Orgel ſtets als ein maͤchtiges Be— foͤrderungsmittel der Andacht erſchienen, weßhalb es fuͤr mich immer unbegreiflich geblieben, wie manche meiner Herrn Amtsbruͤder ſo wenig Werth darauf und dem Unweſen ihres Organiſten ſo ruhig zuſehen konnten. Wenn dieſer, wie andere ihre Zunge, ſeine Finger nicht im Zaume zu halten vermag, ſo weiſe man ihn an, ſeine Vor- und Zwiſchenſpiele wie ſei⸗ nen Choral nach erkannten Meiſtern auszufuͤhren, wozu es uns nicht an ausreichenden Huͤlfsmitteln fehlt. Freilich iſt es beſſer, wenn der Spieler, nachdem er vorher ſein Lied geleſen und den Geiſt deſſelben er— faßt bat, in dieſem Geiſte ſeinen Choral einleitet und die Gemeinde fuͤr den Geſang in die rechte Stim— mung verſetzt; aber wer dafuͤr einmal keinen Sinn hat, wem es dazu noch an aller Phantaſie gebricht, der halte ſich an das, was Andere fuͤr ihn gefuͤhlt und entworfen haben.“
„So hatte der alte Herr auch ſeine eignen An— ſichten uͤder den Gebrauch der Zwiſchenſpiele. Auf die Geſchichte des Choralſpiels geſtuͤtzt, behauptete ex, fruͤher habe es keine Zwiſchenſpiele gegeben und dahin muͤſſe es auch wieder kommen. Sie ſeyen ganz aus der Kirche zu verbannen, indem ein bloßes laͤngeres Aushalten auf jeder Schlußnote nicht nur vollkommen ausreiche, ſondern auch dadurch ein groͤßrer Zuſammenhang in den Geſang gebracht werde.“ Deßhalb nannte er die Zwiſchenſpiele den„Schulmei— ſterzwirn.“—
Moͤchte doch Jeder, wenn ihm die Luſt ankommt, auf dem Inſtrumente des Ernſtes und der Wuͤrde zu„zwirnen“ oder zu„ſtraußern“ der Worte des ſeligen Paſtors eingedenk ſeyn, damit er ſeiner Ge— meinde zu einem„ſchwarzen Kleid“ nicht„ro— then Zwirn“ biete und keinen„Geigenſtrauß mit Schenkengeruch“ ſeinen Zuhoͤrern unter die Naſe ſchiebe, wo und wann er einen Orgelſtrauß pfluͤcken ſollte, der faͤhig waͤre„Andacht in die See len zu duften.“ S.


