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großen Anſchlagszetteln die Eröffnung einer unent⸗ geldlichen Singſchule für Handwerker bekannt, und dieß zwar an zwei verſchiedenen Enden der großen Hauptſtadt. Die eine war in der Vorſtadt Saint⸗ Antoine, hinter dem großen ehemaligen Staatsge fängniſſe, der Baſtille, in der berühmten Blinden- anſtalt Quinze-Vingts genannt, die andere in der Vorſtadt Saint⸗Jacques, dicht am Pantheon. Dieſem erſten Ausrufe folgten nun an dreihun⸗ dert Handwerker aus allen Ständen. Der Anfang war ſo mühſam und ſo wenig aufmunternd, daß ich manchmal beinahe ſelbſt an dem Gelingen meines Unternehmens verzweifelte. Die erſten Toͤne, welche ich von dieſer noch muſikaliſch rohen Maſſe anſtim⸗
men ließ, waren einem wilden Sturmestoſen zu vergleichen; ein jeder ſuchte die Schönheit in der
Stärke der Stimme und ſtieß Tone aus, wie ſie nur immer eine geſunde Lunge hervorbringen kann. Die falſchen und kreiſchenden Stimmen meiner Schuler zu ertragen, dazu gehörte viel Geduld. Doch, wenn ich auch oft ſelbſt entmuthigt war, ſo munterte ich doch meine Schüler beſtändig auf. Allmaͤhlig begannen ſie den Unterſchied von Höhe und Tiefe aufzufaſſen und mit den Intervallen der Töne vertraut zu werden. Da bildeten ſich, wie mit einem Male, Ohr und Stimme um, und von der Zeit an waren ihre Fortſchritte um ſo raſcher, als ihr Fleiß ausdauernder war, und ihre Liebe für die Sache lebendiger wurde.
Um ihnen die Regeln zu erklären, bediente ich mich einer großen Wandtafel mit rothen Linien, worauf ich die Singübungen ſchrieb, welche auf irgend eine vorher erklärte Regel Bezug hatten. Weil wir aber wöchentlich nur eine einzige Stunde hatten, und das Aufſchreiben der Notenbeiſpiele zu viele Zeit weggenommen hätte, brachte jeder ſeine kleine Singſchule mit, und nach Angabe der Seite und der Nummer begannen unſere Singübungen Ich verfuhr dabei ſo:
Anfangs ſangen wir jede Nummer ſo langſam als nur möglich, damit Jeder nachfolgen konnte. Allmählich ſangen wir dieſelbe ſchneller, fuhren ſo— dann weiter fort, kamen jedoch in den folgenden Stunden immer wieder auf die früheren Uebungen zurück, und das ſo oft, daß faſt Jeder alle in der Methode enthaltenen Uebungen ſo leicht weglas, als wüßte er dieſelben auswendig.
Das ganze Geheimniß meines Verfahrens liegt in der gewiſſenhaften Benutzung der mir kärglich zugetheilten Zeit, ſo daß wir in der einzigen wö⸗ chentlichen Stunde mehr Uebungen ſangen, als ſonſt in vier oder fünf Lektionen zu geſchehen pflegt.
Auf ſolche Weiſe lernten wir alle in vorliegen⸗ dem Werkchen enthaltenen ein- und zweiſtimmigen Uebungen, nebſtdem noch Nachahmungen und kleine Fugen aus dem zweiten Theile meiner Singſchule, Chorgeſangſchule genannt, vortragen.
Nach ſechs Monaten trat dieſer Sängerchor von
drei hundert Menſchen zum Erſtenmale vor die Oef⸗ fentlichkeit. Bei der für die Handwerker beſtimmten Preisvertheilung im Pariſer Stadthauſe führte ich mit ihnen und einem aus Violoncello's, Kontrabäſſen, Horn, Trompeten und Poſaunen zuſammengeſetzten Orcheſter die„Pilger“ von unſerem deutſchen Com⸗ poniſten Naumann, nebſt einer von mir zu dieſem Feſte geſchriebenen Kantate auf. Der Andrang zu dieſer für Paris ganz neuen Feſtlichkeit war ſo groß, daß wohl an Hunderte von Menſchen und Wagen zurückgewieſen werden mußten. An das erſte In⸗ tereſſe, die Handwerker ſingen zu hören, ſchloß ſich ein anderes, nämlich: daß Nourrit, der beruͤhmte Sänger, die zwiſchen dieſen Chören vorkommenden Solo's ſang. Als dieſe Leute, die vor Kurzem noch keine Note gekannt hatten, in ihrer Mitte den größten Sänger Frankreichs auftreten ſahen, um ihren erſten offentlichen Schritt auf dem Weg der Kunſt ver⸗ herrlichen zu helfen, brach der Enthuſiasmus ihrer— ſeits ſowohl, als ſeitens des Publikums in ein lautes und lange fortdauerndes Beifallrufen aus.
Nachdem ſie hier vor jener großen Menge Zu⸗ hörer den erſten feierlichen Beweis ihrer Fortſchritte abgelegt hatten, wollten ſie nicht in ihre Werkſtätte zurückkehren, ohne zuvor auch dem Lehrer ihre Er— kenntlichkeit öffentlich bezeugt zu haben. Denn aus dem Stadthauſe zogen ſie in ganzen Schaaren durch die Straßen. Alles ſtrömte nach; man hätte glau⸗ ben ſollen, es ſei ein Volksaufſtand. Vor meiner Wohnung angekommen, ſtimmten ſie ihre männlich kräftigen, bis dahin in Paris nie gehörten Chöre zur allgemeinen Bewunderung an; jedem neuen Liede folgte ein lautes Beifallklatſchen von Seiten des umherſtehenden Volkes.
Dies war die erſte Periode der ſeitdem ſo weit bedeutender, ſo weit großartiger gewordenen Hand⸗ werkerſchule. Wenn bis dahin auch Jeder an dem Gelingen meines Unternehmens gezweifelt hatte, ſo mußten jetzt, da die Chöre der Handwerker in allen Straßen von Paris wiederhallten, jetzt, wo ſelbſt mehrere meiner tüchtigſten Schüler bereits, nach meiner Methode, neue kleine Schulen in ihren Familien und unter ihren Kameraden mit glücklichem Erfolge zu ſtiften anfingen, nothwendiger Weiſe die herrſchenden Vorurtheile mit einem Male der beſſeren Erfahrung weichen, und man fing an, an die Mög⸗ lichkeit zu glauben, daß der Geſang Volkseigenthum werden könne.
(Schluß folgt.)
Bekanntmachungen von Behoͤrden.
AN
Bekanntmachung. (456) Montag den 24. Mai l. J., Vormittags um 11 Uhr, ſoll in hieſigem Rathhauſe die Chri⸗ ſtian Joſtiſche Scheuer mit Hofraum und Grund,
an Johannes Mulch und Philipp Finkernagel in
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