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Etwas Neues aus Gedern.
Aus kleinen Urſachen entſtehen oft große Wir— kungen. Das konnte man am Sonntage Jubilate in der Kirche zu Gedern und noch mehr dazu ſehen. Während die Leute in der Kirche verſammelt ſind und der Predigt ihres Geiſtlichen aufmerkſam zuhören, läßt ſich auf Einmal eine laute Stimme vernehmen:„In einer Viertelſtunde ſtürzt die Kirche zuſammen; wer ſich retten will, der folge mir nach! In dieſem Augenblicke hört man ein furchtbares Krachen. Jedermann hält nun ſeinen Untergang für nahe; Alles ſtürzt darum von ſeinen Sitzen und will aus der Kirche fliehen. Da gab's denn, wie man ſich denken kann, ein gräßliches Durch⸗ einander; dem Einen entfällt der Hut und geräth in den Knäuel, der Andere ſchreit über einen Tritt, den er erhalten; hier wird einem Weibe der Sonn— tagsrock vom Leibe geriſſen, dort einem Manne der Schuh vom Fuße getreten; Hüte, Mützen, Hals— tücher, Geſangbücher werden im Stiche gelaſſen oder unter den Füßen vernichtet. Endlich ſchwindet das Chaos, die ganze Gemeinde hat ſich aus der Kirche geflüchtet, und nun kommen hinter ihr die beiden Geiſtlichen her und erklären der beſtürzten Verſamm⸗ lung den wabren Verlauf der Dinge. Jener junge Menſch, welcher in der Kirche gerufen hatte, war— ein Narr; und da er ſich, um recht verſtanden zu wer— den, auf eine ſchwache Bank geſtellt hatte, ſo war dieſe zuſammen gebrochen. Daher das Krachen!
So leicht ſich das Alles erklärte; dennoch hielts den Geiſtlichen ſchwer, die Leute wieder zur Rück— kehr in die Kirche zu bewegen. Man hatte einmal ein Grauen vor der alten Kirche, und wer kann ſich eines ſolchen ſo ſchnell entaͤußern? i a
Das Alles gibt uns einen abermaligen Beweis, wie viele geſcheidte Leute manchmal von einem ein⸗ zigen Narren konnen hinter's Licht geführt werden, wenn ſie ſich nicht die Mühe geben wollen, ſelbſt zu ſehen. Zu ihrem Troſte ſey es geſagt, daß in der Welt ſchon Mancher der Art mehr als Eine Ge⸗ meinde irre geführt hat.
Weizel.
Die großh. heſſ. Zeitung gibt in ihrer 96. Num⸗ mer einen Nekrolog, wovon wir unſern Leſern wenig⸗ ſtens einen Auszug geben zu müſſen glauben, weil er einen Mann zum Gegenſtande hat, der, wenn auch zunächſt nur an den Grenzen unſerer Wetterau wohnhaft, doch in derſelben durch ſeine Schüler einen wohlthätigen Einfluß äußerte.
Ludwig Friedrich Weizel war am 14. Juni 1747 zu Büdingen geboren und der Sohn des Präcepters Johann Michael Weizel. In ſeinem 19 Jahre trat er in das Schulfach und zwar ohne beſondere Neigung für daſſelbe, ſondern nur um ſeinen kränklichen Vater zu unterſtützen; er hätte
lieber als Muſiker ſich in der Welt umgeſehen. 1770 erhielt er die Stelle ſeines Vaters; 1805 wurde er Conrector, bei der Regeneration der Schule im Jahr 1822 von ſeinen Dienſtleiſtungen entbun⸗ den und 1829 mit Beibehaltung ſeines vollen Ge— haltes in den Ruheſtand verſetzt.— Hat die Schule, bei welcher er ſo lange angeſtellt war, während dieſer Zeit manchen bedeutenden Mann für In- und Ausland gebildet, ſo gebührt ihm ein weſentlicher Theil dieſes Verdienſtes, und größer noch iſt es gegenüber der Stadt und Umgegend von Büdingen, deren drei vorletzte Generationen er unterrichtete. Neben den Berufsgeſchäften widmete er die Zwiſchen⸗ zeit der Muſik, für welche er ein entſchiedenes Ta⸗ lent beſaß. Die Orgel ſpielte er mit Geiſt, nach dem Geſchmacke ſeiner Zeit; wie er auch ein Choral— buch verfaßte und einige ſchöne Choräle componirte. Auch auf der Flöte war er geübt, aber ſeine Haupt— ſtärke auf der Geige, wo ihm ſein Feuer und ſein feines Gehoͤr zu ſtatten kam, wie wohl er in der Technik ſtets nur Naturaliſt blieb. Noch in ſeinen ſiebenziger Jahren ſpielte er bei Aufführung von Grauns„Tod Jeſu“ die erſte Violine und ſein reiner, klarer Ton beherrſchte die ganze Maſſe von Stimmen und Inſtrumenten. Daß ſich Büdingen im Verhältniß ſeiner Größe von lange her durch muſikaliſche Bildung auszeichnete, verdankt es ihm zum weſentlichen Theile naͤchſt dem fürſtl. Hauſe. Alle dieſe Anſtrengungen beſtand er unter höchſt be—
ſchränkten häuslichen Umſtänden, bei einem dürfti⸗
gen Gehalte, mit einer zahlreichen Familie, ohne Vermögen. Erſt in ſeinem Alter erleichterte ſich hierin ſeine Lage.
Noch am 18. März war der beinahe 94jährige Greis heiter und bei gutem Befinden; er ſpielte des Morgens noch Clavier. Nachmittags ging er in Begleitung ſeiner Tochter ſpazieren. Als er nach Hauſe zurückkehrte, rauchte er noch, fühlte ſich aber bald nachher unwohl. Zu Bette gebracht, ſchlief er bald ein, athmete voll und tief, bis mit Einem Mal, den Seinigen faſt unbemerkt, das Leben ſtille ſtand.
Wenn dieſer Patriarch ſchon bei ſeinem Leben allgemein geehrt wurde, ſo laßt ſich nicht wundern, daß ſein Tod allgemeine Theilnahme erregte; er war der ganzen Stadt geſtorden. Am 22. März wurde er unter großem Geleite und Zudrange beerdigt. Die Volksſchulen und die Geiſtlichkeit gingen voran; der Fürſt und der Erbprinz zu Iſenburg folgten zu— nächſt hinter den Verwandten dem Sarge, dann das Gymnaſium, der Stadtvorſtand, Beamte und Bürger. Der Dekan hielt eine tiefgefühlte, ein— dringliche Rede; der Direktor des Gymnaſiums ſprach einige Worte als Freund und im Namen der Anſtalt; der Liederkranz der jungen Bürger ſang unter Begleitung der Muſekgeſellſchaft den Grabgeſang.


