Das Intelligenzblatt an ſeine Leſer.
Das Intelligenzblatt wünſcht ſeinen ſämmtlichen Leſern und Leſerinnen ein ge⸗ ſegnetes Neu⸗Jahr und langes Leben, und bemerkt zugleich, daß, wenn es ſeinegoldne Hochzeit feiert, d. h. nach 50 Jahren treuer Verbindung mit dem Publikum, die erſten Leſer alle von ihm zu Gaſt werden geladen werden, ſowie ſich das auch von ſelbſt ver⸗ ſteht, wenn es ſein Jubiläum feiert, im Falle nämlich das Feiern bis dahin noch
Mode iſt. Aus ſpeziellem Auftrage der Redaction.
Betrachtungen eines Zufriedenen am Neujahrstage.
Wenn ich es genauer uͤberlege, ſo finde ich, daß ein Menſch, wie ich, eigentlich alle Tag Neujahr haben, das heißt, alle Tag dem lieben Gott herzlich und innig für die unendliche Menge von Gaben danken ſollte, wie ich es heute thue. Aber Gott iſt nicht allein unendlich gütig als Verleiher, ſondern auch außerordentlich langmüthig, wenn der Menſch im Genuſſe der mancherlei Wohlthaten zuweilen ver⸗ gißt, mit dankbarem Blicke gen Himmel zu ſchauen. Mir iſts aber heute ganz eigen zu Muthe, da mir eine Menge von Wohlthaten Gottes in den Sinn kommen, an die ich bisher faſt gar nicht gedacht habe, ſelbſt an Neujahrstagen nicht. Unter dieſel⸗ ben ſetze ich ganz oben an die, daß er mich nicht zu einem Könige gemacht hat. Denn wäre ich ein ſchlechter, ſo würde ich den Fluch eines ganzen Vol⸗ kes und einer ganzen Generation auf mich laden; wäre ich aber ein guter, dem das Wohl ſeines Vol— kes ſo recht am Herzen liegt, ſo würde ich vor lau⸗ ter Sorgen Tag und Nacht keine Ruhe haben. Schon der ſelige Claudius dankt dem lieben Gott in einem gemüthlichen Liede dafür, daß er kein König geworden, weil ihm vielleicht zu viel geſchmeichelt worden und er wohl gar verdorben wäre. Das iſts aber nicht allein; noch viel ſchwerer iſts, den ge⸗ wichtigen Zepter zu handhaben und die goldne Krone auf dem Haupte zu tragen, die, da Gold bekannt⸗ lich das ſchwerſte Metall iſt, viel drückender ſeyn muß, als ſelbſt eine eiſerne. Wenn nun gar noch der Gedanke hinzukommt, daß man alle die Maſſe ſeiner Unterthanen gerne gluͤcklich machen möchte und die wenigſten davon eigentlich wahrhaft gluͤck⸗ tich ſeyn wollen, ſo begreife ich recht gut, daß ein guter König manchmal faſt in Verzweifelung ge⸗ rathen muß. Ja noch mehr: Während ich zu Fuße gehen darf in Gottes liebe Natur, muß er in einem
ſchweren, mit ſechs oder acht Pferden beſpannten Wagen fahren, und während ich mir meine Ge⸗ ſchäfte ſelbſt beſorge, folglich am beßten beſorge,
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muß er ſich eine Maſſe von Dienern halten, die ſie für ihn und zwar ſelten zu ſeiner ganzen Zufrieden⸗ heit übernehmen.
Nicht minder fühle ich mich zum innigſten Danke gegen Gott verpflichtet, daß er mir von zeitlichen Gütern nur gerade ſoviel gegeben, als ich mir durch Fleiß und Anſtrengung verdiene und als ich zu mei⸗ ner Leibes Nahrung und Nothdurft bedarf. Wenn ich das Unglück hätte, ein Millionär zu ſeyn, wel⸗ chen Gefahren, welchen Sorgen wäre ich da aus⸗ ſetzt!! Was würde mir allein die Verwaltung eines ſo großen Vermögens für Mühe machen! Und wollte ich dieſelbe einem Fremden anvertrauen, wie leicht könnte er mich um das Meinige bringen! Wie leicht könnte ich bei der Gelegenheit, die ein Reicher hat, alle ſinnlichen Genüͤſſe zu befriedigen, mich manchem derſelben hingeben und dadurch die Herrſchaft des Geiſtes einbuͤßen! Wie leicht könnte ich dahin kom⸗ men, am Ende gar keine Wünſche mehr zu haben, da doch gerade nur Wünſche das Leben eigentlich friſch erhalten! Wie ſchwer wuͤrde es mir werden, meine Kinder an die nöthige Entbehrung zu gewoͤh⸗ nen, einfach zu erziehen! Mit welchen Anſpruͤchen würden dieſe in der Welt auftreten, ehe ſie noch die Eigenſchaften beſitzen, welche man haben muß, um ſich die Achtung ſeiner Mitmenſchen zu verdienen! Wie leicht würden ſie auf den thörichten Gedanken gerathen, daß Güter, welche Motten und Roſt freſſen, das Glück des Lebens ausmachten, und dadurch viel⸗ leicht das wahre Glück des Lebens verſcherzen!
Nein, du Weſen aller Weſen, du haſt Jedem deiner Geſchöpfe ſo viel zugetheilt, als es bedarf, um ſich hienieden aus zu leben und glücklich zu ſeyn, dem Menſchen vor Allen haſt du eine Fülle von Wohlthaten erwieſen, indem du ihn zu deinem Eben⸗ bilde ſchufſt, fähig machteſt des reinſten Glückes. das die Erfüllung deiner Gebote bewirkt. Insbe⸗ ſondere haſt da uns ein Herz gegeben, die Schöu⸗ heiten der Natur zu fuͤhlen; ein Herz, das fähig iſt, vor dir niederzufallen, einen Sinn, deine Größe und Herrlichkeit im Grashalme wie am Eichbaume, in der Milbe wie am Elephanten, in dem Sand⸗ ſtäubchen wie an der Sonne, deren Größe tauſend mal tauſend die der Erde übertrifft, zu ahnden. Wie können wir dir dankbar genug dafür ſeyn?
Wie kann ich dir aber dankbar genug dafür ſeyn, daß du mir Gelegenheit gegeben haſt, meinen Geiſt auszubilden, einen Sinn, das Gute vom Schlech⸗ ten zu unterſcheiden, das Boͤſe zu meiden, zufrieden mit dem zu ſeyn, was du mir an irdiſchen Gaben verliehen; vor Allem, daß du mir die Gelegenheit genommen, mich über Andere zu erheben, daß du mich mit allen Sorgen verſchont, deren Laſt ich nicht zu tragen vermag, daß du mich vor aller irdiſchen Größe bewahrt, die mich leicht hätte niederdrücken, oder hoffärtig machen können, daß du mich nicht überſchüttet haſt mit Gaben, bei deren Genuß der Menſch ſo leicht ſein Seelenheil vergißt?—
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