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Nachahmungswerth. (Eingeſendet.)
Bei einer meiner Geſchäftsreiſen in der Wet⸗ terau kam ich, es war auf einen Samſtag Nach⸗ mittag, in das Ort Niedereſchbach im Kreiſe Friedberg. Auffallend war mir, die weibliche Schuljugend, auch ſolche Maͤdchen, die ſchon er⸗ wachſener und nicht mehr der Schule anzugehören ſchienen, reinlich gekleidet, mit munterer Laune dem Schulgebäude zuwandern zu ſehen. Auf meine deß⸗ fallſige Frage, warum Samſtag Nachmittag hier Unterricht ertheilt würde, da dieß doch an andern Orten nicht geſchehe, wurde mir zur Antwort, daß Mittwoch und Samſtag in jeder Woche von 1 bis 4 Uhr die weibliche Jugend Unterricht in Nähen, Stricken und überhaupt in allen den Arbeiten un⸗ entgeldlich erhalte, die zu ihrer künftigen Exiſtenz erforderlich, und einer tüchtigen Hausfrau unent⸗ behrlich ſeyen. Der großh. Bürgermeiſter, ein in jeder Beziehung tüchtiger Beamte, habe nämlich eine Lehrerin angenommen, die aus der Gemeindekaſſe hierfür eine Vergütung erhalte, und dieſem Amte ganz gewachſen ſey. Als Schulfreund bat ich den Herrn Bürgermeiſter, dieſe Strick- und Nähſchule beſuchen zu dürfen, und fand meine Erwartungen noch übertroffen; in verſchiedene Abtheilungen ge⸗ theilt ſaßen die Mädchen munter und vergnügt, und erhielten von der Lehrerin einen ihren Kräften an⸗ gemeſſenen Unterricht.
Das Wohlthätige dieſer Anſtalt wird ſich erſt nach Jahren zeigen, und der Ortsvorſtand noch ge⸗ ſegnet werden, wenn er ſchon lange vielleicht nicht mehr unter uns wallt.
Den Herrn Collegen des großh. Bürgermeiſters aber rufe ich zu: Gehet hin und thut ein 9
t.
Ueber die Induſtrieſchule zu Niedereſchbach iſt uus von anderer Hand noch Folgendes zugekommen:
Schon längſt beſtehen in den meiſten Städten angeordnete Schulen, in denen die Mädchen in den weiblichen Handarbeiten unterrichtet werden. Auch in vielen Dörfern hat man dies loͤbliche Vor⸗ bild nachgeahmt. An die letzteren ſchließt ſich nun auch Niedereſchbach an. Schon ſeit einem Jahre ging der hieſige Schulvorſtand mit dem Gedanken um, eine ſolche Anſtalt zu gründen; allein der Man⸗ gel an einer tüchtigen Lehrerin ſchob die Ausfüh⸗ rung zurück. Endlich hat ſich eine ſolche in der Perſon der Jungfer Schüttler gefunden. Man bofft, daß ſie billigen Anforderungen in allen Rück⸗ ſichten entſprechen werde.
Wie wichtig eine ſolche Anſtalt iſt, leuchtet von ſelbſt in die Augen. Die weibliche Schuljugend ſoll darin das Stricken, Flicken, Nähen, Stopfen ꝛc. erlernen. Da von dieſen Fertigkeiten im Leben unmittelbar Gebrauch gemacht werden kann, ſo iſt der Zweck des Inſtituts ein rein praktiſcher. Die Mädchen ſollen in der Induſtrieſchule nur das er⸗
lernen, was ihnen frommt und nützt. Ein ſol⸗ cher Zweck ſchließt mit Recht die ſogenannten feinen weiblichen Handarbeiten aus, denen wir auch ohne⸗ hin das Wort nicht reden möchten.
Nebenbei werden die Kinder aber auch an eine nützliche Beſchäftigung— und das iſt die Haupt⸗ eſache— gewöhnt. Reiche ſollen, Arme müſſen ar⸗ beiten. Die Arbeit macht das Leben ſüß und lehrt uns vergeſſen, daß der Himmel aſchgrau iſt. Sie ſchützt vor Noth und Dürftigkeit, aber auch vor Un⸗ ſittlichkeit. Wer an ſie gewöhnt iſt, dem blühen tauſend Freuden, die der Arbeitsſcheue nicht kennt,
nicht ahnet. Hin und wider iſt der Geiſt der Ar⸗
beitſamkeit in den Familien geſunken. Soll ihm wieder auf die Beine geholfen werden, ſo müſſeu wir bei der Jugend anfangen. Auf dieſen Punkt hat unſer Schulvorſtand, angeregt durch die Admi⸗ niſtrativ⸗Behörde, ſein Augenmerk gerichtet. Es kann ſich gar nicht fehlen, daß ſolche Beſtrebungen mit dem beßten Erfolge gekroͤnt werden.
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Der Friedhof.. Wenn der dumpfe, feierliche Glockenton den Le⸗ benspilger auf dem Zuge zu ſeiner letzten Ruheſtätte begleitet; wenn die Schaar der Edlen trauert; wenn die gerechten Zähren um den Geſchiedenen flie⸗ ßen: wer ſollte da nicht einen Augenblick die Arbeit
für die Erde ſinken laſſen, um die Hände falten zu
können? Wer ſich nicht wehmüthig hingezogen füh⸗ leu, um an dem Orte der Ruhe von Dem Abſchied zu nehmen, den der Herr wieder zu ſich gerufen hat?
Wem ſollte da nicht der Gedanke zum Herzen dringen: du Abgeſchiedener biſt mein Bruder; du warſt, was ich jetzt noch bin, ein Menſch. Wo ein ſolcher Geiſt in einer Gemeinde weht, da hat das Chriſtenthum einen goldnen Boden; da wird ſelbſt der Gottesacker zu einem Gotteshauſe. Den frommen Chriſtenfreund wird es immer mit herz⸗ licher Frende erfüllen, wenn er wahre Theilnahme bei Trauerfällen, beſcheidene Achtung der Todten nicht blos aus Gebrauch und Gewohnheit, ſondern aus Chriſtenſinn hervorgegangen findet. Mit betrüb⸗ ter Seele wendet er ſich dagegen von ſolcher Gemeinde, die ihre Leichenzüge ungerührt vor den Augen vorüber⸗ ziehen läßt; wo die Zähren der Trauernden auf die Zuſchauer keinen Eindruck macht. Der ſittliche Stand⸗ punkt, der religiböſe Sinn der Gemeinden läßt ſich in dieſer Hinſicht auch bald im Aeußern erkennnen. Sehet nur hin auf jenen Todtenhof, dort wird ein Mitbruder eingeſenkt; nur Wenige, außer den aller⸗ nächſten Verwandten, laſſen ſich erblicken, die ihn an die Grenze begleiten. Gehet hin auf ihre Got⸗ tesäcker; dieſer iſt mit Dornen und Diſteln bewach⸗ ſen, ſo daß man zweifelt, ob hier Angehörige in Gott ruhen, oder ob es ein Ueberbleibſel jener Wildniß vor 2000 Jahren iſt; jener wird als Bleiche be⸗
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