Ausgabe 
1.12.1838
 
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huſtzSaline enntniß gebracht

iſes Friedberg.

Augen Uebel.

Das königlich bayerſche Miniſterium des Inne⸗ ren hat kürzlich eine Bekanntmachung erlaſſen, die wir, obgleich die großherzoglich-heſſiſche Zeitung die⸗ ſelbe in ihrer 298. Nummer auch ſchon enthält, unſern Leſern ebenfalls mittheilen zu müſſen glauben.

Es iſt von mehreren Seiten zur Anzeige gebracht worden, daß ſich das Uebel der Kurzſich⸗ tigkeit in neuerer Zeit auffallend unter der Ju⸗ gend verbreite. Wie verſchieden auch die Ur⸗ ſachen hiervon ſeyn mogen, und ſo wenig zu hoffen iſt, daß ſelbiges durch äußere Anordnungen gänz⸗ lich beſeitigt werden könne, ſo verdient es doch we⸗ gen ſeiner bedauerlichen und tief in die bürgerlichen Verhältniſſe eingreifenden Folgen volle Aufmerkſam⸗ keit, und es liegt insbeſondere den Schulbehörden ob, bei der Erziehung und beim Unterrichte Alles zu entfernen, was erweislich die Sehkraft der Augen ſchwächt, und dennoch an den Lehranſtalten ſehr häuſig unbeachtet bleibt. Die k. Kreisregierungen haben deßhalb Fürſorge zu treffen, daß ſchon bei der Wahl, bei der Anlage und der Einrichtung der Schullokalitäten auf dieſen Umſtand möglichſte Rück⸗ ſicht genommen, und auch dahin gewirkt werde, damit die gegenüber liegenden Gebäude nicht einen Anſtrich erhalten, welcher der Sehkraft des jugend⸗ lichen Auges nachtheilig zu werden droht. Inglei⸗ chen ſind die ſämmtlichen Lehrer und Aufſeher aller Unterrichts- und Erziehungs-Anſtalten zu beauftra⸗ gen, nicht allein durch zweckmäßiges Belehren die Schonung und Schärfung des Geſichtſinnes zu för⸗ dern, ſondern auch dahin zu wirken, daß nicht in der Schule ſelbſt durch ungleiches und übermäßiges Beheizen, durch falſche Aufſtellung der Sitzpulte, Wandtafeln, Karten u. dgl., durch grelle Abwech⸗ ſelung von Licht und Schatten, durch ſchiefe zuſam⸗ mengedrückte Haltung des Körpers beim Sitzen, durch zu aahaltendes Leſen und Schreiben, durch blaſſe Dinte und kleinen ſchwachen Druck oder ſchlech⸗ tes Papier und ähnliche Dinge die Neigung zur Kurzſichtigkeit verſtärkt und dieſe weiter ausgebildet werde. Insbeſondere iſt allen Schülern der Gebrauch unnöthiger oder unpaſſender Glaſer auf das ernſt⸗ lichſte zu verbieten, überhaupt denſelben das Tragen von Brillen nur dann zu geſtatten, wenn ſie ſich

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durch ein ärztliches Zeugniß auszuweiſen vermögen, daß ihnen dasſelbe nothwendig oder räthlich iſt.

Wir erlauben uns, dieſem Erlaſſe Folgendes beizufügen.

Es iſt ein großes Geſchenk der gütigen Gott⸗ heit, ein gutes Geſicht zu haben. Den Werth die⸗ ſer wohlthätigen Gabe empfindet aber der Menſch gewöhnlich nicht eher, als wenn er ihn eine Zeit⸗ lang entweder ganz oder wenigſtens theilweiſe hat entbehren müſſen, und wir können uns faſt keine groͤßere Grauſamkeit denken, als den Menſchen des Augenlichtes zu berauben. Schön läßt darum der Dichter) den Sohn, deſſen Vater der Tyrann die Augen durchbohren ließ, ausrufen:

O, eine edle Himmelsgabe iſt

Das Licht des Auges. Alle Weſen leben

Vom Lichte, jedes glückliche Geſchöpf

Die Pflanze ſelbſt kehrt freudig ſich zum Lichte.

Und er muß ſitzen, fühlend, in der Nacht

Im ewig Finſtern, ihn erquickt nicht mehr

Der Matten warmes Grün, der Blumen Schmelz,

Die rothen Firnen kann er nicht mehr ſchauen

Sterben iſt nichts doch leben und nicht ſehen,

Das iſt ein Ungluͤck.

Wenn aber das, wie wirklich ein ſo großes Unglück iſt, warum gehen wir nicht ſchonender mit dieſem herrlichen Geſchenke um? Weil wirs alle Morgen neu haben, hörts darum auf, groß zu ſeyn, iſts darum weniger herrlich?

Die Kinder machen ſich nichts daraus, nach der Sonne zu ſchauen, und kaum wehren's die Eltern; wiſſen ſie denn nicht, daß ein ſolches Schauen nach dem Glanzkörper ſchnell blind machen kann? Es gibt aber der Mittel ſich die Augen zu verderben, noch gar viele, und es kommt uns auch faſt vor, als ſähe man jetzt der Leute, die ſich die Augen verdor⸗ ben, oder doch geſchwächt haben, weit mehr als ſonſt. Wenigſtens ſieht man jetzt eine Menge jun⸗ ger Leute mit Brillen herumziehen, während ſonſt nur ältere Perſonen ſich derſelben bedienten. Iſt das vielleicht Mode geworden, ſich mit Brillen zu zieren? Eine ſchlimme Zierde! Je ſchärfer eine Brille iſt, deſto mehr greift ſie die Augen an, und

*) Schiller im Wilhelm Tell, und zwar bei der Stelle, da Staufacher dem Walther Fürſt meldet, daß der Landenberger dem Vater Melchthals habe die Augen ausſtechen laſſen, um des Sohnes willen.