Ausgabe 
29.11.1834
 
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verſehen und zur moͤglichſten Schonung nur an hohen Feſten in der Kirche gebraucht werden ſollte.

Unter ſolchen Vorbereitungen brach der feſtliche Tag an. Der Morgengottesdienſt wurde wie an andern hohen Feſten in der Kirche gehalten. Ich predigte über die hohe Bedeutung, welche die 300 jährige Feier der lutheriſchen Bibelüberſetzung für jeden Proteſtanten haben müſſe, und legte mei⸗ nem Vortrage die Textesworte: Pſalm 119, 41-52, in welchem ſich der Geiſt des Reformators abſpie gelt, zum Grunde.

Mittags 1 Uhr verſammelte ſich, wie angeord net wurde, die ganze Gemeinde vor der Kirche und trat der Zug zur Stätte, wo der Baum gepflanzt und der Gottesdienſt gehalten werden ſollte, in fol gender Ordnung an: 1) die Muſikanten; Y die Schulkinder und zwar die Mädchen mit Kränzen auf dem Haupte, die Knaben mit Blumenſträuſen am Arme geſchmückt; 3) der Lehrer, auf beiden Seiten von den Schulvorſtänden begleitet; 4) die Kirchenvorſtände, in deren Mitte der Erinnerungs baum, mit einem großen Kranze und reichen Ban dern geziert; 5) der Geiſtliche und großh. Bürger- meiſter; 6) die Gemeinderäthe; 7) die übrigen Glie der der Gemeinde, an welche ſich viele Fremde aus der Umgegend anſchloſſen.

Auf dem Haag angekommen, bildete, wie es die Beſchaffenheit dieſes Hügels mit ſich brachte, die Menge der Menſchen auf dem oberen Saume und an den inneren Seitenwänden deſſelben einen großen Halbkreis. Ich nahm meinen Platz in der Tiefe, wo ich von Allen geſehen und deutlich gehört werden konnte. Mir zur Seite ſtand der Lehrer mit den Schulkindern.

Der Gottesdienſt begann mit dem Geſang: Eine feſte Burg iſt unſer Gott ꝛc., worauf ich eine Rede hielt, zu der mir die Feier des Tages, die Beſtimmung des Baumes und der Ort, wo er gepflanzt wurde, reichen Stoff gab. Dem Baum ſelbſt wurde der NameLuthers Linde/ gegeben und während ſeiner Pflanzung nach beendigter Rede das Lied:Lobet den Herrn den mächtigen König ꝛc. (Nro. 415) in einem Wechſelgeſang, wozu ſich Text und Melodie ſehr eignen, angeſtimmt, ſo daß die erſte Hälfte jedes Verſes von den Schülern mit ſanfter, und die letzte Hälfte von der einfallenden Gemeinde mit ſtarker Stimme geſungen wurde.

Hierauf entließ ich die Verſammlung mit Er⸗ theilung des kirchlichen Segens.

Nochmals rief mich mein Amt in die Kirche, wo gerade an dieſem Tage ein Brautpaar copulirt zu werden wünſchte, und fand hier gegen Erwarten abermals eine ſehr zahlreiche Verſammlung. Ich ſprach über den Satz:Daß nach proteſtantiſchen Grundſätzen der Eheſtand durchaus als eine heilige Anordnung Gottes anzuſehen ſey, wobei ich Gelegenheit nahm, Mehreres aus dem ehelichen Leben Luthers anzuknüpfen.

Die kirchliche Feier des Tages war nun beendigt.

Gegen Abend fanden ſich ſammtliche Schüler und Schülerinnen in ihrem Feſtſchmucke mit ihren Eltern und Lehrern, den Mitgliedern des Kirchen und Schulvorſtandes, den Gemeinderäthen und vie⸗ len andern Jugendfreunden in dem neuen Gaſthauſe des Gemeinderechners Geck, wo ein geräumiger Saal mit mehreren Nebenzimmern ein paſſendes Lokal darbot. Nachdem ſie hier mit Kaffee und Weißbrod bewirthet worden waren, beluſtigten ſie ſich unter Tanz und Spiel bis gegen 11 Uhr und machten dann der erwachſenen Jugend Platz.

Schließlich erwähne ich noch eines Plans, der dieſem Abend, wo alle Herzen voll Dank und Freude waren und für alles Wahre, Gute und Schöne wärmer ſchlugen, ſeinen Urſprung verdankt und deſſen Ausführung das ſchönſte Denkmal dieſes ge⸗ feierten Tages bleiben wird. In traulicher Unter⸗ haltung mit den Vorſtänden des Orts ſprach ich kaum den Gedanken aus, wie leicht es ſey, den Haag, der in ſeiner jetzigen Geſtalt nur als eine kahle, öde Erdmaſſe da liege, durch Anlagen zu einer Zierde und einem reizenden Luſtplatze Melbachs und der Umgegend umzuſchaffen, als derſelbe, leb⸗ haft aufgegriffen, nach allen Seiten beſprochen und ſeine Ausführung mit allgemeiner Zuſtimmung be⸗ ſchloſſen wurde. Man wünſchte, daß noch in die ſem Jahre der Anfang damit gemacht werde und erſuchte mich zu dem Ende, die obere Leitung zu übernehmen, wogegen man von Seiten der Gemeinde verſprach, alle dabei nöthigen Arbeiten zu verrichten und ſelbſt, wenn es erforderlich ſey, mit einigen Geldmitteln mich zu unterſtützen. Mit Vergnügen ſagte ich meine Dienſte zu, und vereinigte mich mit den Vorſtänden dahin, daß der Huͤgel in ſeiner neuen Geſtalt von der Luthers-Linde, die er ſchon

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