Ausgabe 
27.12.1834
 
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Gibt man's beſſer ganz frei, oder ſetzt man eine noch größere Strafe darauf, als bisher geſchah?

Einſender weiß Orte, in welchen Jedem das Schießen erlaubt war am Neujahr. Das gab aber ſolchen Unfug, daß auf der Straße kein Menſch ſeines Lebens mehr ſicher war, daß ſogar in Einer Nacht zwei Perſonen, welche es nur wagten, dem Fenſter hinaus zu ſehen, gefährlich verwundet wur⸗ den. Das was doch zu arg!

Verbietet man's ſtrenger, ſo gehen die jungen Leute an gefährliche Plätze, ſchießen aus Winkeln, Scheunen u. ſ. w. und treiben's mit der Wache, die doch nicht überall ſeyn kann, oft ſehr ſchlimm. Der Menſch trachtet nach dem Verbotenen.

An manchen Orten war's ſonſt Sitte, in der Neujahrsnacht einen religibſen Geſang anzuſtimmen. Weil aber dabei manchmal Unfug getrieben wurde, ſo unterſagte man das Singen. Vielleicht wär's

eſſer geweſen, wenn dies nicht geſchehen oder wenig⸗

ſtens alsdann erlaubt worden wäre, wenn ſich einige wackere Manner, z. B. die Herrn Schulleh rer, der Leitung des Geſanges angenommen hätten. Dadurch hätte man leicht die Beſſeren vom fatalen Schießen, wenn auch nicht auf Einmal, doch nach und nach, abbringen und zu etwas Edlerem hin wenden können, was, weit entfernt die Menſchen mit ſchwachen Nerven im Schlafe zu ſtören, Vielen einen recht angenehmen Genuß gewähren würde. Einſender gibt's zu bedenken, und wünſcht die Mei nungen anderer Männer zu hören.

Aus Kaichen. In dem Intelligenzblatt für die Provinz Ober heſſen Nr. 47 d. J. befindet ſich ein Aufſatz mit der Ueberſchrift:Aus dem Landgerichtsbezirk Kaichen, welcher einer Berichtigung bedarf. Kaichen hat näm⸗ lich kein Landgericht und folglich auch keinen Land⸗ gerichtsbezirk, ſondern es gehört dieſer Ort zu dem Landgericht Großkarben. Wenn nun weiter erzählt wird:Binnen 8 Tagen fanden in dem Landgerichts bezirk Kaichen zu Ende Oktober nicht weniger als vier Selbſtmorde ſtatt, ſo muß dieſe falſche Dar ſtellung dieſen Ott in einen ſehr dunkeln Schatten ſtellen, in welchem doch ſeit Menſchengedenken kein Selbſtmord geſchehen iſt, und wovon auch die Sterbe Protokolle der älteſten Kirchenbücher kein Beiſpiel anführen. Indeſſen hat es ſich nun zum Abſcheu

aller hieſigen Einwohner zugetragen, daß ſich am

10. Oktober d. J. ein Mann in ſeinem 45ſten Lebens⸗ jahre ſelbſt getoͤdtet hat. Wie dieſer Unglückliche zu dieſem ſchrecklichen Entſchluſſe kommen konnte, wird ſich derPſychologe leicht erklären können, wenn er höret, wie er ſtufenweiſe immer tiefer in das Elend geſunken iſt, aus welchem er ſich nicht retten zu können glaubte. Seiner Handthierung nach war er ein Zimmermann, verheirathet und hat drei unmündige Kinder in der tiefſten Armuth hinterlaſſen. Mit ſeiner Ehefrau lebte er ſeit vielen Jahren in den traurigſten Verhältniſſen, und oft ſehr lange von ihr getrennt. Als Zimmermann arbeitete er meh⸗ rentheils auswärts, und da war denn Branntwein ſein tägliches Nahrungsmittel. Durch den unaus geſetzten Genuß dieſes ſo oft Verderben bringenden

Getränkes gerieth er nach und nach in eine immer

tiefere Verſunkenheit und Abnahme ſeines Verſtandes.

Auf die Nachricht, daß ſeine Frau ſehr krank dar⸗

nieder liege, kam er in ſeinem traurigen Zuſtande

hierher, und nachdem ſie auch am 10. Aug. d. J.

geſtorben war, ſo glaubte er außer Stand zu ſeyn,

ſeine Kinder zu ernähren. Dieſer Wahn und ſeine nun ſchon längſt zur Gewohnheit gewordene Trun kenheit beſtimmten ihn zu der ſchrecklichen That, ſich ſeinen Lebensfaden ſelbſt abzuſchneiden. Durch wiederholte Vorſtellungen und Belehrungen, einen beſſeren Lebenswandel zu führen, konnte nichts bei ihm ausgerichtet werden. Auch mehrere Verſuche, ihn zu bewegen, zu ſeiner Ehefrau zurück zu kehren, hatten wenigen Erfolg, denn bald verließ er ſie wie der, und kehrte lieber zu ſeiner gewohnten Lebens⸗ weiſe zurück. So mußten denn ſeine noch übrigen

Verſtandeskräfte nach und nach völlig verloren ge

hen, und da er auf dieſem ſchlüpfrigen Wege ſo

ganz Gott verlaſſen hatte, ſo gieng er unter und nahm ein Ende mit Schrecken. Pſ. 73, 18. Sein

Leichnam wurde nach Gießen in die Anatomie ge⸗

bracht. Von den drei andern Selbſtmoͤrdern, deren

in dem obigen Aufſatze gedacht wird, weiß man in

Kaichen nichts.)

. Die Landgeri ſtatt fanden, un nur dadurch ier

err Einſender dieſes Schreibens 0 en, daß aus Verſehen Kai⸗ chen ſtatt Karben wurde, was auch bei der Reviſton ſtehen blieb. Weber bedurfte es demnach keiner Berichtigung. Judeſſen haben wir doch dieſem Schreiben eine Stelle in unſerm Blatte geben wollen. Die Red.