wir jetzt einer glücklichen Wendung unſerer bürger⸗ lichen und moraliſchen Verhältniſſe entgegen ſehen konnen, daß die uns ſeit 18 hundert Jahren um— ſtrickten politiſchen und geiſtigen Feſſeln allmählig fallen und gelöſ't werden, daß wir, die wir, wie uns Leſſing mit Recht nennt, die religiöſen Erzieher des Menſchengeſchlechtes waren, nachdem wir ſo viele Jahrhunderte in den Banden der Unwiſſenheit und ceremonieller Engherzigkeit gefeſſelt waren, nach— dem der Geiſt der Lehre unſeres großen Moſes und unſerer göttlichen Seher durch Buchſtabenkrämerei verdunkelt, und die Wahrheiten unſerer, der Mutter aller geoffenbarten Religionen, unter dem Schutte menſchlicher Satzungen begraben lagen, daß wir jetzt dem Lichte wahrer Aufklärung immer näher kommen, und in neuerer Zeit der Grund zu unſerer wahren religibſen Erziehung und Bildung gelegt worden iſt, und ſolche immer zweckmäßiger ſich ge— ſtalten moge, daß wir endlich nicht hinter der un— aufhörlich fortſtrebenden Zeit ſtehen geblieben und bleiben werden, wird gewiß jeder Unbefangene mit mir freudig und dankbar wahrnehmen, anerkennen, wünſchen und hoffen. Unſre Wiederherſtellung in burgerlicher Hinſicht, das iſt und muß Sache der Regierungen, Sache der Menſchheit ſeyn, ſowohl zu unſerem eigenen, als mittelbar zum Beßten des Staates. Aber die Kette, die unſern Geiſt gefan— gen hält, zu zerſprengen, der Sieg des Lichtes über die Finſterniß, die geiſtige Erloͤſung, die Verehrung und Anbetung Adonais im Geiſte und in der Wahr— heit, das iſt zunächſt unſere Sache, meine Brüder! Es herrſcht in Deutſchland eine vollkommene Ge⸗ wiſſeusfreiheit; es können uns daher die erhabenen Regenten Deutſchlands nur hilfreiche Hand dazu bieten, anordnen; aufzwingen aber können ſie uns eine Umgeſtaltung unſeres religiöbſen und kirchlichen Zuſtandes nicht. Und wir, wir ſollten uns nicht ſchamen, uns immer noch zu verhalten, als gehoör— ten wir einem andern Welttheile, einem andern Jahrtauſend an! ſollten uns nicht ſchämen ob des uns mit Recht gemachten Vorwurfs: wir beten in einer Sprache, die wir nicht verſtehen, wir plappern nur! Wie kann unſere Veredlung bewirkt werden, da wir das Gebet, das der Schöpfer doch wahrlich nicht zu ſeiner Verherrlichung bedarf, ſondern das unſer Herz durch die Betrachtung der erhabenen Größe eines gütigen, gerechten und heiligen Welt⸗
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regierers, wie durch das demüthige Anerkennen une N
ſerer eigenen Schwäche und Unterwürfigkeit vered eln ſoll, kalt und in unverſtändlichen Worter herſagen? Sollen uns Israeliten Deutſchlands immer noch die Worte Jeſaias 29, 13 gelten:„denn dieſes Volk nähert ſich mir mit dem Munde, nur mit den Lippen ehren ſie mich, ihr Herz aber iſt fern von mir!“ Wahrlich mein Herz that mir wehe, als ich den aus Niederwöllſtadt datirten Aufſatz in Nr. 25 die—
ſes Blattes las, deſſen menſchenfreundlicher Ver⸗ faſſer nur zu wahr ſpricht.
Und die Bemerkung der Redaktion des Intelligenz-Bl., ſollten wir ſie unbe— achtet laſſen?— Es iſt wahr, die Reform unſeres Gottesdienſtes iſt ſchon manchem wackern Israeliten Gegenſtand des Anliegens; ſö hat namentlich der Rabbiner, Herr Dr. Levi in Gießen, es in einer Schrift deutlich bewieſen, daß, abgeſehen von allen Anforderungen der Vernunft, das Beten und Singen in deutſcher Sprache mit Orgelbegleitung ſelbſt po— ſitiv aus der jüdiſchen Dogmatik und aus den Zeug niſſen des Talmuds zuläſſig, ſogar geboten ſey. Da heißt es nun: Mangel an Fonds verhindern die Einführung der fraglichen Verbeſſerung; muß aber nicht die Würde des Gotteshauſes unſere höchſte Angelegenheit ſeyn? Sind Vereine, die zunächſt den irdiſchen, bürgerlichen Zuſtand verbeſſern, nothwen— diger, als die Verbeſſerung des geiſtigen Zuſtandes der Israeliten?— Iſt es bei dem Mangel an einem belehrenden, erbauenden und zu guten Geſinnungen und Handlungen ermunternden öffentlichen Gottes dienſt zu erwarten, daß der Religionsunterricht die Wirkung hervorbringe, die man von demſelben er— wartet? Gewiß nicht! da der öffentliche Gottes— dienſt, das einzige Mittel, den durch Sinnenluſt und ſelbſtiſche Neigungen von Gott abgewandten Menſchen an ſeine höhere Natur zu erinnern und zu ſeinem Schöpfer und Gebieter zurückzuführen, bei ſeiner gegenwartigen Beſchaffenheit keinen ſol— chen Einfluß haben kann. Hier alſo, ihr Freunde der vernünftigen Aufklärung in der Religion, hier ihr wackern Männer in Israel, hier endlich ihr Vorſteher und Lehrer, hier iſt der Ort, wo die geiſtige Wiederherſtellung, die Verbeſſerung und Ver— edlung beginnen muß; von einem würdevollen, be— lehrenden und herzerhebenden Gottesdienſte muß der Strom frommer Gefühle über Männer und Frauen, über Jünglinge und Jungfrauen, über Knaben und
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