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nimmer müde Plappermäulchen auf Mi⸗ nuten wenigstens aufhören sollte, alle mög⸗ lichen und unmöglichen Fragen zu stellen. Urgroßtante Luise wohnte im Hinterstübchen bei uns. Sie galt etwas als Popanz für uns Kinder. Mit sicherm Gefühl empfanden wir, daß sie uns nicht leiden konnte; denn sie war jedem kindlichen Spiel abhold und mälelte stets griesgrämig an uns herum. Gleich⸗ wohl hatte Großtantens Persönlichkeit eine gewisse Anziehungskraft für mich, haupt⸗ sächlich deshalb, weil sie so ganz anders war als andre Leute. Unbewußt zog mich das Originelle ihrer ganzen Persönlichkeit mehr an, als sich das weiche Kindergemüt von der rauhen Schale ihres Wesens abgestoßen fühlte.
Schon ihr Gesicht hatte etwas männlich Herbes. Eine kurze Hakennase, zwei stahl⸗ blaue Augen, ein zahnloser großer Mund
machten es nicht gerade sehr anziehend. Zwei schneeweiße Locken waren kunstvoll
über die Ohren gelegt und pendelten bald leise, bald heftiger, hin und her, je nach der Gemütsbewegung, worin sich ihre Be⸗ sitzerin befand. Die Gestalt war groß und stark. Die Last der Jahre hatte die Haltung etwas gebeugt. Die Beine wollten nicht mehr so recht ihren Dienst tun, und der Krückstock gab der ganzen Erscheinung etwas Schwer⸗ fälliges. Das waren aber auch die einzigen Gebresten, worüber„Tante“ Luise— so wurde sie allgemein genannt mit ihren einundachtzig Jahren zu klagen hatte. Sonst war sie kerngesund.
Zum Mittags⸗ und Abendtisch kam sie täglich zu uns, dagegen kochte sie sich ihren Kaffee selbst in ihrem Zimmer auf einem Spiritusflämmchen und bestrich ihre Bröt chen mit ihrem selbsteingekochten Gelee, da ihr der unsrige, obgleich nach demselben Rezept bereitete, nicht gut genug war. Das wurde auch jede Woche ein paarmal be⸗ sonders betont und von meiner Mutter stets nur mit nachsichtigem Lächeln quittiert Kam es einmal vor, daß meine Mutter nach⸗ mittags ausgegangen war und es vergessen hatte, uns unsere Brote mit Mus oder Butter bestrichen, bereitzulegen, dann zogen wir brüllend zur Urgroßtante und klagten ihr unser Leid. Sie war dann ganz ent rüstet über diese Unpünktlichkeit einer Mut ter, die die armen„Bälge“ hungern ließ, und holte triumphierend ein Glas ihres extrafeinen Eingemachten. Wir feierten dann bei ihr eine Orgie in Geleebroten erster Güte.
Ihr Wohnzimmer, das sie mit einem grauen Kater und einem Kanarienvogel teilte, war urgemütlich eingerichtet. Ueber dem großen, breiten, mit grünem Rips bezogenen Sofa hingen einige Silhouetten, umkränzt von Efeu, der in zwei links und rechts auf Konsolen stehenden Töpfen ge pflanzt war. Eine wundervolle alte ein⸗ gelegte Kommode, ein kleiner Nähtisch, davor ein bequemer aus Rohr geflochtener Sorgen stuhl, ein gemütlicher runder Tisch, woran man in unglaublicher Anzahl sitzen konnte— das alles bildete ein harmonisches Ganze und paßte zu der Erscheinung, die dazwischen
Wenn sie gut gelaunt war, so erzählte sie hauste. Den Glanzpunkt bildete aber der gern aus vergangnen Tagen. Sie wußte Glasschrauk in der Ecke, der, bekrönt von
noch, was die Elle Kattur Jahren gekostet hatte, und die Jungen muß⸗ ten oft das gute Gedächtnis der Alten be⸗ wundern. Ihre Stube betraten wir Kinder stets mit gemischten Gefühlen: Neugierde,
vor fünfzig einer alten Standuhr und zwei großen
Chinesinnen aus Porzellan, eine Fundgrube für die Kinderphantasie war, wie man sie besser nicht finden konnte.
Um dieses Glasschranks willen gingen wir
Augst und eine gewisse Bewunderung hielten alle gern zur alten Tante, und wenn sie sich die Wagschale. Liebe haben wir ihr wollte, so konnte sie prachtvolle Geschichten eigentlich nicht entgegengebracht; die hatte über die dort verwahrten Schätze erzählen; sie sich zu oft selbst verscherzt durch ihr denn jedes Ding darin hatte seine Geschichte. leicht keifendes, mürrisches Wesen, das einer Wir wollen einmal sehen, ob die Tante heute gewissen Eifersucht entsprungen sein mochte. gut gelaunt ist.„ Sie hätte gern in dem Leben meiner Mutter„Tante Luise, wie war doch die Geschichte die sie mit großgezogen hatte und abgöttisch von der alten Standuhr?
liebte und verehrte, die Hauptrolle gespielt, 53 2 und das machten wir Kinder ihr unmöglich. 2. Die alte Standuhr.
Auch meiner Mutter hat sie diese Anhäng⸗ Liebevoll blickt die Urgroßtante zu der lichkeit nie gezeigt. Im Haus übte sie an alten Pendule empor, die auf vier zierlichen uns allen unbarmherzig Kritik, kam aber Alabastersäulchen auf dem alten Glasschrank jemand Fremdes und erlaubte sich ein ab⸗ steht und ihr trauliches eintöniges Ticktack fälliges Urteil, dann sah sie uns mit einem gar heimlich durch die Stube tönen läßt. Male mit ganz andern Augen an, dann„Ja, die Urgroßmutter, so nannten wir zu waren wir die aufgewecktesten, artigsten, Hause scherzhaft die Uhr, die hat schon viel
fleißigsten Kinder der Welt und unsre Mutter gesehen, sie ging schon in meinem Elternhaus die beste und bedeutendste Frau, die über⸗ und hat dort Freud und Leid miterlebt“, so haupt auf Erden wandelte. Diese Wider⸗ erzählt uns die heute gut aufgelegte Tante sprüche konnten wir Kinder nicht rund brin⸗ Luise.„Aber eine Merkwürdigkeit hatte die gen, und deshalb standen wir innerlich der Uhr damals schon wie heute: im Herbst be ginnt ihr Schlagen immer heiserer und leiser
alten Tante fremd gegenüber.
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