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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Gießen, Gkuli, den 7. März 1920
9. Jahrg.
Nr 0 Kreuzgedanken. 1. Brief des Apostels Paulus an die Korinther 11, 17.
Das Wort vom Kreuz ist uns,
die wir selig werden, eine Gotteskraft. Dies ist der Meinungsausdruck eines
Mannes, der die Wirkung des Kreuzes nach ihren verschiedenen Richtungen hin an sei⸗ nem eigenen Herzen erfahren hat, sowohl was den Druck anlangt, mit dem es die Seele beschwert, als auch die Erhebung, die es ihr zuteil werden läßt. Daß es dieses beides in die innigste Verbindung miteinander bringt, ist das Erfreuende an unserm Schriftwort.
Wir stehen jetzt in der ernsten Zeit, in der wir uns das Kreuzesleiden unseres Heilands vor die Seele gestellt sein lassen sollen. Von Golgatha her, wo es als ein bleibendes Zeichen dessen, was der Welt und ihren Kindern not tut, aufgerichtet ist, leuchtet es mit ernstem, aber auch zu⸗ gleich mildem und tröstlichem Schein her⸗ über in unser ach! so flüchtiges Erden⸗ leben in derselben Weise, wie es in das⸗ jenige der uns vorausgeeilten Geschlechter geleuchtet hat und es auch mit denen, die nach uns kommen werden, tun wird.
Es sind leider viele, die halten es für das beste, auf seinen milden Schein nicht zu achten. Sie sprechen bei sich: Es gibt gar viele unverständliche Sachen, die aus der Vergangenheit in unsre Zeit hinein⸗ ragen, die man duldet, weil sie nun ein⸗ mal den Schimmer ehrwürdigen Alters an sich tragen, von denen man aber doch nicht
recht weiß, was sie für einen Zweck haben
und was man damit anfangen soll. Es ist nur die Frage, ob das Kreuz Christi wirklich zu diesen Sachen gehört. Aber das tut es nicht sondern es steht in un⸗ mittelbarer Beziehung zur Gegenwart, un zwar zur Gegenwart aller Menschen. Es gibt Dinge, um die kein Mensch herum kann, mag er sein, wo er will, mag er sich das Leben noch so leicht machen. Was
willst du Sünder machen, wenn deine Sünde dir das Haupt erhebt, wenn sie die Faust wider dich schüttelt, dich am Herzen rüttelt,
daß es nur so bebt? Willst du sie auch in die Vergangenheit werfen wie alten Plun⸗ der und mit den Worten abtun: Was der ergangenheit angehört, danach fragt ein vernünftiger Mensch der Neuzeit nicht mehr? Glaubst du, sie ließe sich abstreifen, wie man die Klette vom Kleid herunterstreift?
Sie wird vielmehr, je mehr du das ver⸗ suchst, sich stets wieder vor dich drängen und sich dir fühlbar machen als deine gegenwärtige Plage, ja als dein gegenwär⸗ tiges Verhängnis. Die Sünde ist etwas Uebermenschliches. Sie hat übermenschliche Kraft und kann nur von etwas beseitigt werden, das selbst von übermenschlicher Art ist. Das einzige aber, was diese brennende Gewalt auf die Sünde ausübt, wovor sie zusammenzuckt wie ein scheues Tier, das seinen Meister gefunden hat, das ist das Kreuz Christi. Deshalb bleibt dieses stehen, und kein Menschenunverstand wird es be⸗ seitigen können. Denn es tröstet die Sünder, und so lange es solche Leute gibt, wird das Kreuz auf Golgatha seinen Glanz be⸗ halten. K. G.
Urgroßtantens Raritätenschrank. Von Helma Esselborn. (Fortsetzung.).
Schwül greift sich der Soldat nach seinem Kragen.„Feindesland!“ denkt er, und un⸗ willkürlich sieht er sich im Zimmer um. Da ziehen zwei grüne Augen, die aus der einen Ecke blitzen, seine Aufmerksamkeit auf sich. Er tritt näher und bemerkt eine ent⸗ zückende Kristallfigur, die eine Löwin in sitzender Stellung darstellt. Die Figur steht auf einem kleinen Kristallsockel vor einem großen Fayencespiegel, der in die Wand ein⸗ gefügt ist inmitten zweier Kristallvasen, die mit Herbstlaub und Blumen gefüllt sind. Die grünen Augen mit gelben Punkten ziehen den Beschauer an, doch plötzlich sieht er im Spiegel zwei andre Augen in einem vor Wut tierisch verzerrten Gesicht auf sich gerichtet. Der blaue Vorhang vor der dem Spiegel gegenüberliegenden Tür ist zurück⸗ gezogen, und ein Mensch kriecht auf dem Boden. Die eine Hand hält einen kleinen Revolver zielend auf den Offizier gerichtet.
d Noch ehe dieser sich der Gefahr bewußt zu
werden vermag, hört er einen leichten Schrei und sieht, wie eine kleine Hand den Arm mit der Pistole niederschlägt. Der dicke Teppich erstickt den Laut der aufschlagenden Waffe. Gleichzeitig umschlingen zwei weiße Arme den am Boden Liegenden, um ihn zurückzuziehen, und da zeigt sich das Unfaß⸗ liche: der Mensch ist gar kein Mensch mehr, sondern nur noch ein halber Mensch. An Stelle der Beine hat er zwei Stümpfe. Ein dumpfer Laut der Wut gibt Zeugnis, daß das Wesen noch Leben in sich hat. Der Vorhang fällt leise zusammen. Alles ist das Werk von Sekunden.


