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Gemeindeblatt fuͤr die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 48

Gießen, 2. Advent, den J. Dezembr. 1920

9. Jahrg.

Advent im menschenherzen. Psalm 119, 10. Ich suche dich von ganzem Herzen. Ein Seelsorger wurde einmal von Ettern gebeten, er möge doch ihre Tochter besuchen; sie sei schwer krank, zeige sich aber unzu⸗ gänglich für jeden religlösen Zuspruch. Der Seelsorger ging hin und redete freundlich mit der Kranken, ohne das religiöse Gebiet zu berühren. Zum Schluß aber sagte er: „Nicht wahr, Ihre Angehörigen haben Sie recht geplagt mit religiösen Gesprächen?“ Sie nickte.„Ist's Ihnen recht,“ fuhr der Seelsorger fort,„wenn ich Ihren Leuten sage, sie sollen in dem nächsten halben Jahre keine Silbe mehr von Gott oder Christus zu Ihnen sagen?“ Da wurde die Kranke nachdenklich und sagte über eine Weile:„Das möchte ich doch nicht; denn ich weiß nicht, ob ich noch ein halbes Jahr leben werde.“„Wollen wir sagen drei Mo⸗ nate?“„Auch das nicht, wer weiß, ob ich sie erlebe.“„Wie wär's mit einem Monat?“ „Ach nein,“ sagte die Kranke,„so bis auf einen bestimmten Tag es aufschieben, das möchte ich doch nicht gern.“„Sie haben ganz recht,“ sprach der Seelsorger,„auch ich bin der Ansicht, es ist gut, diese Sache nicht aufzuschieben; wir wollen am liebsten gleich jetzt auf der Stelle von Gott und von dem Herrn Jesus reden.“ Und er redete mit ihr und betete mit ihr. Und siehe, das Herz wurde ihr leichter und freier, und von Stund' an hörte sie es gern, wenn man über Gottes Wort sprach. Jesus Christus ist aber nicht nur der Heiland der Kranken und Schwachen, der Tröster der Sterbenden, der Retter aus Todes not. Er ist auch der Hort der Lebenden, der Segenspender für die Schaffenden. Darum tust du gut und handelst nur in deinem Interesse im Hinblick auf den Erfolg deines Lebenswerkes, wenn du die Bundes⸗ genossenschaft mit Jesu nicht hinaus⸗ schiebst, bis du auf dem Krankenbett liegst und vor dem ewigen Richter zitterst. Gehe heute noch zu ihm und verbinde dich mit

und Schaffen. i „Suche Jesum und sein Licht,

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.

27. Eine Beschreibung von Gießen aus dem Jahre 1792.

Mitgeteilr von Dr. Karl Esselborn.

(Schluß.)

Was aber Mutter Natur dieser an mo⸗ ralischen Eigenschaften im Superlativ ver⸗ lieh, das erhielt die Ehegenossin des Herrn Koch an physischen. Ihr Ge ponse soll ein ganz guter praktischer Arzt sein, aber zu⸗ weilen etwas unbestimmt sich ausdrücken: so verschrieb er sich neulich einmal:„Cremor Tart. quantum satis— für mich.“ Da er Fähigkeiten hat und noch jung ist, so maußt — ich erlaube diesen Ausdruck!— er sich vielleicht noch für den Katheder. g

Thoms) ist seinem Fache gewachsen und dabei ein ehrlicher Mann. Aus einem Dutzend Kochs würde man, und stieße man sie auch im Mörser, kaum einen Seines⸗ gleichen herausbringen.

Herr Dietz?) könnte von seinen Interessen leben und wurde daher sehr weislich handeln, wenn er dem berühmten Dr. Ackermanns) zu Mainz seinen Lehrstuhl räumte. Wir wollen indessen keineswegs sagen, daß es

Herrn Dietz an theoretischen Kenntnissen mangele.

Der Professor Jaupé) ist zwar nicht als Schriftsteller bekannt, aber er nützt, beim Zeus, der Universität Gießen mehr als ein ganzes Rudel der unnützen Geschöpfe, die sich nur darauf einschränken, für die Maku⸗ laturbuden zu arbeiten. 5

Herr Musaeus!0) besieht seine werte Person stets im Spiegel, welcher mir gleich nach meiner Ankunft, als ich mit einigen Freunden seinem Hause vorbeiging, die Kopie seiner vordern Hälfte dem untern Fenster herauswarf. Ich ward verhindert, seinen Vortrag zu hören. Er hat großen Beifall und ist übrigens, von allen Seiten betrachtet, ein recht würdiger Lehrer.

) Georg Thom, Mediziner, 1757-1803.

Joh, Ludwig Friedrich Dietz, Mediziner, 17461808

) Jakob Fidelio Ackermann, Jurist, 1765 bis 1815..

) Helwig Bernhard Jaup, Jurist, 1750 bis 1806.

10 Joh. Daniel Heinrich Musaeus, Jurist,

Alles andre hilft dir nicht!“

17491821.