Ausgabe 
4.4.1920
 
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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 13

Gießen, Ostern, den 4. April 1920

9. Jahrg.

Ostern.

1. Kor. 15, 20. Nun aber ist Christus auf⸗ erstanden von den Toten und der Erst⸗ ling geworden unter denen, die da schlafen.

Zur Osterzeit lenken sich die Blicke so gern auf die grünenden Felder, in die keimende Natur. Aber die Menschen unter dem Licht der Ostersonne zu betrachten ist bedeutsamer.

Ich sehe ihr Leben und sehe ein zwiefaches Bild. Das eine eine Kette. Dreihundertfünf⸗ undsechzig Tage aneinandergereiht, Last und Lust, und das 70mal oder wenn's hoch kommt, 8omal und die Kette ist zu Ende. Sie hat getan, was eine Kette tut: gefesselt, gedrückt. Und ich sah den Lebensweg anderer, die ich Ostermenschen nennen möchte. Eine Leiter sah ich hinabreichen in ihr Leben. Und ich sah sie die Sprossen hinaufkllimmen. Mühsam. Aber es ging empor. Es war ein gesegneter Weg. Die Leiter sind schon Engel hinaufgestiegen. Sie reicht in den Himmel. Ueber dem Leben der Alltäglichkeit, den Mühen und Sorgen, blühte ihnen ein anderes Leben. Das wuchs aus der Lebensgemeinschaft mit dem Auf⸗ erstandenen. Es war ein Sichselbstüber⸗ winden, ein Liebeerweisen, ein Frieden⸗ stiften, ein Tragen und Gernvergeben, ein Werben um Menschenseelen für den Himmel.

Wieviel Osterfeiern habe ich zugesehen am Grabe, das man an der Osterstätte zu Jerusalem errichtet hat und in den weiten Hallen von St. Peter und in den Heimat⸗ kirchen. Aber wie wenig Ostermenschen sind mir erst begegnet, Menschen mit neuem Leben. Fast alle gingen die alten Bahnen weiter. Keiner wollte die Leiter empor⸗ klimmen. Aber in den Himmel kommen woll⸗ ten sie alle. Sie meinten, es gehe zuletzt, wie der alte Frommel sagt, mit einem salto mortale, und einem wunderbaren Ruck. Ja, der Ruck kommt, aber er reißt nur ins Grab, nicht in den Himmel. Nur Ostermenschen erfahren eine Auferstehung zum Leben. Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, kann er nicht in das Reich Gottes kommen! Daß viele über dem Wort so ruhig schlafen können, hat mich immer gewundert. Auch Goethe ahnt, daß nach dieser Richtung die Schatten seines Lebens liegen. Den Freunden ins Stamm⸗ buch schreibt er nach ernsten Gesprächen als scheidender Gast: Und solang du das nicht hast, dieses Stirb! und Werdel, bist du

Aber die Ostermenschen, die auf ihrer mühseligen Leiter emporklimmen, leben nicht nur von Hoffnung. Man erkennt sie geradezu daran, daß sie fröhliche Menschen sind. Als ich ein Junge war, ging ich einmal über die weite Heide und hörte in der Ein⸗ samteit fernen Gesang. Als ich um die Waldecke bog, sah ich einen alten Mann, wie er den schwer beladenen Karren durch den tiefen Sand schob. Der Schweiß perlte ihm von der Stirn und er sang:Himmelan geht unsre Bahn, wir sind Gäste nur auf Erden, das ganze Lied. Der Eindruck von dem schweißtriefenden Mann und dem hellen Gesang hat sich mir tief eingeprägt. Ich dachte, wie er doch so singen mochte, da er daheim eine kranke Frau und eine irr⸗ sinnige Tochter hatte. Es gibt viele solche wunderlichen Sänger. Solch einer war der Pfarrer zu Kemnitz in der Lausitz, Johann Mentzer. Als ihm in einer Nacht mit seinem Pfarrhaus sein und der Seinen ganzes Hab und Gut abgebrannt war, wel⸗ ches Lied dichtete er doch am folgenden Morgen?

O daß ich tausend Zulfigen hätte Und einen tausendfachest. Mund,

So stimmt ich damit um die Wette Aus allertiefstem Herzensgrund

Ein Loblied nach dem andern an, Von dem, was Gott an mir getan.

Zum türtischen Kaiser ward in demselben Jahrhundert eine Gesandtschaft geschickt. Als die an einem Ostertag durch die Gegend von Adrianopel kam, hörten sie auf dem Felde einen Mann das alte Osterlied singen: Christ ist erstanden aus der Marter aller. Des wollen wir alle froh sein, Christus will unser Trost sein! Und sie sehen, wie er einen Pflug mit seinen Schultern durch die harte Ackerscholle zieht. Sie halten stille und erfahren: er sei ein gefangener Christ und müsse hier Sklavendienste tun. Aber der Heiland gab ihm Trost und Kraft. Und nun das Ende in der Lebens⸗ geschichte der Menschen: der Tod. Ich sehe zurück: die Eltern und ihre Eltern und Glied um Glied, wie fern auch, zermürbt und in den Tod gesunken. Und ich sehe in die Zukunft und sehe immer wieder Men⸗ schen, die sterben werden, Glied um Glied. Eine Kette des Todes, fest ineinander gefügt; es kann keiner entrinnen. Und jeder Mensch in solch einer Kette ein Glied. Wie sie oft gerissen haben an der Kette, wie sie sich aufgebäumt haben gegen ihren Druck. Maria

nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.

rr!.

von Medici, Frankreichs befehlensgewohnte