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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. Gießen, I8. Sonnt. n. Trinitatis, den 3. Gktbr. 1920 9. Jahrg.
Durch zum Licht.
Psalm 23, 4. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
„Jetzt müssen wir durch großes Dunkel hindurch, in der Verworrenheit eines uns noch unbekannten Schicksals. Wir stehen im Dunkel und wir müssen hindurchkommen. Jetzt nicht stehen bleiben im Dunkeln! Vor⸗ sichtig tastend wollen wir hinausstreben und wollen nach dem Lichte suchen. Das deutsche
Volk will bestehen, doch nicht sein Wille
geschieht— das deutsche Volk muß bestehen, ob es will oder nicht. Dies ist von einer es wird seine Bestehungsform aus sich selbst finden, nach seiner Wesensart, die es sich ja auch nicht selbst gegeben hat, die es tragen muß ulld nach der es immer handeln muß.“ Mit diesen Worten mahnt der greise Altmeister deutscher Kunst, der fromme Maler Hans Thoma, zum Aushalten. Und er deutet an, woher uns die Kraft zum Kampf durch Nacht zum Licht kommt. Wer sich klar wird
über die furchtbare Not der Zeit, der muß
eigentlich verzweifeln an der Möglichkeit, einen Ausweg zu finden, der uns wieder emporführt zum Licht. Kein Mensch kann da
3 helfen, kein Volk der Erde steht uns ehrlich
bei, alle wollen sie möglichst viel Nutzen ziehen aus unserem Unglück und uns gar vernichten. Wer in dieser Welt Trost und
Poffnung sucht, der muß zuschanden werden. Es gibt nur ein Licht, das leuchtet in diese
Dunkelheit hinein, aus der Ewigkeit herüber: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzet und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibet, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf en ich hoffe.“. Jetzt erweist und bewährt es sich so recht, was wir an der Religion haben, und in tiefster Seele empfinden wir ihre Tröstung: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mix, dein Stecken und Stab trösten mich.“ So wahr ein Gott im Himmel lebt, wird das Licht über die Finsternis, wird der Heilige über die Hölle siegen, wird unser deutsches Volk aus Nacht zum Licht wiederum
. emporsteigen, wenn es nur seinen Gott und
sich selbst nicht aufgibt.
Vor hundert Jahren hat der alte getreue Ernst Moritz Arndt seine Stimme erhoben, die wir heute noch hören sollen:„Und sollet
in Einmütigkeit und Friedseligkeit erkennen, daß ihr einen Gott habet, den alten, treuen Gott, und daß ihr ein Vaterland habet, das alte treue Deutschland.“
mit den 116 ern bei Gravelotte.
Von Berthold Ebel. Bearbeitet und herausgegeben von Dr. Karl Esselborn. (Schluß.)
Plötzlich quoll es aus einer durch eine Schlucht gebildeten Vertiefung massen⸗ haft hervor, ein furchtbares Feuer faßte, flankierend von Amanvillers her, die Gardebataillone; diese stutzten, die vorderen fielen ins Feuer, dann machte alles kehrt und ging im Laufschritt ein paar hundert Schritte zurück. Jetzt erst sah man die zahl⸗ reichen Verluste. Garde⸗Kavallerie versuchte, zwischen uns und der Garde vorzugehen, kam aber nicht weit vorwärts. Das Feuer, auch gegen uns, nahm nun wieder an Heftigkeit zu. Plötzlich erhielt Oberleutnant Kißner“), der, während alles andere kniete, fast immer auf seinen Säbel gestützt ge⸗ standen und durch sein Fernglas gesehen hatte, halb herumgewendet, einen Schuß durch die Seite. Mit den Worten:„Ich bin verloren!“ sank er ins Knie.
Gegen sechs Uhr rückte die Garde zum zweiten Male vor. Der Oberst befahl nun auch unser Avancieren. Sprungweise, sehr bald in einem Schwarm, ward nunmehr etwa dreihundert Schritte vorgegangen, wo⸗ bei wir viele Verluste hatten. Die Artillerie, die uns jetzt über den Eisenbahneinschnitt auch nachfolgte, feuerte uns so nahe über den Köpfen weg, daß wir den Luftdruck der sausenden Granaten dicht über uns spür⸗ ten. Die Franzosen gingen zurück.
Bei dem nächsten Sprunge kamen wir mit Teilen des 1. Infanterie-Regiments zusam⸗ men. Der diesem Regiment angehörende Leutnant Anton“*) wurde hier in einem kleinen Graben mit Buschwerk durch die Brust geschossen. Da die Franzosen zurück⸗ gingen, kamen wir immer noch nicht zur Anwendung unserer Waffen; die Entfer⸗ nungen waren zu groß. Infolge der Verluste hatten sich die Reihen bei den verschiedenen
* Kurt Dietrich Georg Kißner, geboren zu Worms am 5. Februar 1840, erlag einige Tage darauf(26. August) seinen Wunden. *) Fr. Kurt Aug. Anton, geb. zu Wald⸗ Michelbach 6. April 1847, gestorben als Oberleutnant a. D. zu Leipzig, 3. Juni 1884.


