Ausgabe 
26.1.1919
 
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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Mr.

Gießen, 3. Sonntag n. Ep., den 26. Januar 1919

8. Jahrgang

Felsengrund. Brief an die Hebräer 13, 8.

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Alles fließt, so faßte ein Weiser des Altertums die Erfahrungen seines Lebens und Forschens zusammen. Er hat recht. In der Zeit der ungeheuren Umwälzungen, die bei uns auf allen Gebieten des Lebens sich vollziehen, haben wir erlebt, daß nichts Ir⸗ disches von Bestand ist, daß alles weicht und fällt. Es war uns, als wären wir in einen. Strudel gerissen, der alles mit unwidersteh⸗ licher Gewalt fortreißt; wir streckten die Hand aus nach einem festen Halt in dem Toben der Fluten, aber nichts Irdisches zeigte sich von Bestand. Alles, alles, was uns so fest gefügt und durch der Zeiten Lauf erhärtet schien, fiel wie ein Kartenhaus zu⸗ sammen. Aber wir brauchen etwas, das über dem Wandel der Zeiten steht: keitsfunke, den wir in unserer Brust tragen, verlangt nach Ewigkeitsgrund. Auf der Erde finden wir nichts, das nicht unter das ver⸗ nichtende Urteil fiele: es ist alles eitel. Wir müssen unseren Blick emporheben zu den

der Ewig⸗

Sternen, wo in Flammenschrift über einer

Welt der Vergänglichkeit steht: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit! Hier ist der Felsengrund, auf dem wir unser Leben wenn wir nicht mit hineingerissen werden wollen in das tolle Spiel der nie rastenden Wellen der Zeit. Wer auf dem Felsen Jesus Christus steht, den mögen die Fluten um⸗ tosen und die Stürme umbrausen, er bleibt fest und triumphiert:

Ich weiß, woran ich glaube,

ich weiß, was fest besteht,

wenn alles hier im Staube

wie Staub und Rauch verweht.

Ich weiß, was ewig bleibet,

wo alles wankt und fällt,

wo Wahn die Weisen treibet

und Trug die Klugen hält.

zur Geschichte der Familie Liebknecht.

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verankern müssen,

schleppt worden ist und sich bis jetzt noch nicht hat finden lassen. Diese Vorkommnisse erinnern an eine Bluttat im Jahre 1848. Damals wurde in Frankfurt a. M. der Fürst Lichnowsky, der sich durch sein Auftreten in der Nationalversammlung beim Volke un⸗ beliebt gemacht hatte, von einer tobenden Volksmenge auf gräßliche Art ermordet, er wurde mit Stöcken und Schirmen totge⸗ schlagen. Mit ihm endete auf gleiche Weise der alte General Auerswald, der dem Volke keinen Anlaß zum Unwillen gegeben hatte und nur deshalb von einem so furchtbaren Schicksale ereilt wurde, weil er in der Ge⸗ sellschaft des Fürsten betrofsen wurde und mit diesem preußische Truppen herbeiholen wollte, die von Mainz her im Anmarsch waren. Die Tat, die in der vorigen Woche geschehen ist, ist so schrecklich wie die, die sich vor 71 Jahren in unserer Nachbarschaft zugetragen hat. Man sieht, wohin ein Volk, das jahrelang im Kampfe gestanden hat und nun von wilden Leidenschaften und Kämpfen erregt wird, kommt. Das Wort unseres Hei⸗

landes ist an den beiden unglücklichen Men⸗

schen, die in Berlin auf der Straße ihren Tod gefunden haben, in Erfüllung gegangen, das Wort: Wer das Schwert nimmt, der soll durch das Schwert umkommen. Gott be⸗ hüte das deutsche Land in der Zukunft vor ähnlichen Bluttaten!

Es dürfte nicht allgemein bekannt sein, daß Karl Liebknecht einer Familie ent⸗ stammt, die mindestens 150 Jahre in Gießen bestanden hat und einst hier hochangesehen war. Im Jahre 1707 wurde Johann Georg Liebknecht als Professor der Mathematik nach Gießen berufen. Er war am 23. April 1679

in Wasungen im heutigen Herzogtum Mei⸗

ningen

1 geboren, seine Familie soll ihren Ursprung auf Luther zurückgeleitet haben, doch ist der schlüssige Beweis hierfür nicht mehr zu erbringen, da viele Kirchenbücher im Dreißigjährigen Kriege zugrunde ge⸗ gangen sind; dies gilt namentlich von den Kirchenbüchern der Städte und Dörfer von Thüringen, dem Herzlande Deutschlands, durch das die Kriegsfurie oft gezogen ist. Der Vater des Professors Liebknecht hieß

Karl Liebknecht hat am 16. Jauuar d. J. Michael Liebknecht. Im Jahre 1711 war er

ein Ende gefunden, wie das viele schon längst vorausgesehen hatten. Gleichzeitig ist seine Gesinnungsgenossin Rosa Luxemburg von der wild erregten Volksmenge erschlagen worden. Man meint, man lebe in den Zeiten des wildesten Mittelalters, wenn man hört, daß der Leichnam der Unglücklichen ver⸗

Pate bei einem hier geborenen Enkelkinde, und unser Taufbuch bezeichnet ihnHerr Michael Liebknecht, an der Stadt⸗ und Landschul zu Wasungen in die 50 Jahr ge⸗ wesener Collega tertius und nun emeritus. Cr war also dritter Lehrer an der Wasunger Lateinschule und lebte 1711 nach einer lan⸗