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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 38 Sießen, 14. Sonnt. n. Trinitatis, den 21. Septbr. 1919 8. Jahrgang
An unsere Leser.
Unseren Lesern ist bekannt, daß wir wäh⸗ rend des Krieges zweimal genötigt waren, den Umfang unseres Gemeindeblattes ein⸗ zuschränken, weil die Menge des uns zur Verfügung stehenden Papieres durch be⸗ hördliche Anordnungen in bedeutendem Maße herabgesetzt wurde. Trotz der Ver⸗ ringerung des Umfanges sind uns unsere Leser treu geblieben und haben es uns auf diese Weise ermöglicht, unser Unternehmen durch den Krieg durchzubringen. Der Frie⸗ densschluß gestattet uns wieder, das Blatt in dem alten Format herauszubringen. Im Laufe des Oktober, spätestens am 1. No⸗ vember wird der„Sonntagsgruß“ wieder mit der alten Ueberschrift und in der frü⸗ heren Größe erscheinen. Das Blatt wird in demselben Geiste fortgeführt werden wie seit⸗ her. Es soll denen, die es halten, wirklich ein Sonntagsgruß sein, soll sie über die Sorgen und die Stimmung des Werktags hinausheben, sie zu Gott führen und ihnen die Heimat lieb machen. Ganz besonders wird es sich der Herausgeber angelegen sein lassen, wie seither die Heimatgeschichte zu pflegen und den Lesern volkstümliche Er⸗ zählungen darzubieten. Er hofft, auf diese Weise an den modernen Bestrebungen zur Hebung der Volksbildung sich wirksam zu beteiligen. Selbstverständlich wird auf das kirchliche Leben, das jetzt nach der Um⸗ änderung der Verfassung der evangelischen Kirche in ein neues Stadium tritt, dauernd die Aufmerksamkeit gerichtet werden. Allen denen, die es uns ermöglicht haben, das Blatt während des Krieges unter schwie⸗ rigen Umständen weiterzuführen, sei herz⸗ licher Dank gesagt.
Gießen, den 15. September 1919.
Der Herausgeber: Pfarrer Bechtolsheimer. Der Verlag: Brühl'sche Druckerei. R. Lange.
Unsere Gefangenen.
Jesaia 40, 31. Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wan⸗ deln und nicht müde werden.
Von Kriegsgefangenen, die zum Ruder⸗ dienst auf den Galeerenschiffen einer italieni⸗ schen Republik verurteilt waren, wird er⸗
freiung aus dem harten Frondienst sehnten, daß sie aber, als endlich die Freiheitsstunde für sie schlug, sich nicht mehr an das Leben in der Freiheit gewöhnen konnten, sondern baten, auf die Schiffe zurückgebracht zu werden.
Wie ein verlorenes Paradies, so winkt unseren Gefangenen die Heimat. Aber wie wird ihnen zumute sein, wenn sie endlich wieder in unserer Mitte sind? Die Mutter gestorben, die Kinder fremd geworden, die Frau vergrämt, die Freunde tot, die Nach⸗ barn verzogen, der olte Arbeitsplatz von einem andern besetzt, ringsum Sorge und Müdigkeit! Was für eine Arbeit für dich, deutsche Christenheit, an diesen Heimgekehr⸗ ten! Du wirst manchen unter ihnen finden, dem wie jenen Galeerengefangenen das Leben in der Freiheit nicht mehr schmecken will, dem, wenn die ersten Tage nach der Heimkehr vergangen sind, die Sehnsucht an⸗ fängt, durch die Seele zu ziehen:„Ach, läge ich doch wieder drüben in Frankreich auf meinem Strohsack, in meine Träume versunlen! Hörte ich doch wieder die fran⸗ zösische Trompete, die mich aus meinem Grübeln weckt und mich zur Arbeit ruft, zu der unwillig getanen und doch die träge Zeit vertreibenden Arbeit! Säße ich nur wieder zu Mittag und am Feierabend vor meinem Blechnapf mit den dampfenden Kar⸗ toffeln und brauchte mich sonst um nichts, nichts, nichts mehr zu bekümmern, als auf meinen Tod zu warten! Ich bin zu müde, zu traurig, zu stumpf geworden, als daß ich den Kampf mit dem Leben in der armen deutschen Heimat noch einmal aufnehmen lönnte.“
Dabei muß ich an den Neger denken, der uns während des Krieges in Afrika ins Lazarett geliefert wurde. Er war in Spio⸗ nageverdacht geraten und einem Häuptling zur Bewachung übergeben worden. Der hatte ihm die Hände zusammenbinden lassen und ihn in eine Hütte gesperrt. Als er nach Wochen wieder zum Vorschein kam, zeigte sich, daß durch die Fesselung die Sehnen der Hände erstorben waren. Der Stabsarzt sah sich die Hände an, die schlaff herunterhingen, und sagte nur:„Massieren!“ So haben wir ihn massiert, mein treuer schwarzer Lazarett⸗ gehilfe und ich, morgens und nachmittags, nicht gewaltsam, sondern ganz gelinde, nicht auf schnellen Erfolg hoffend, sondern mit soviel wartender Geduld, wie nur möglich, bis nach einigen Wochen zu unserer großen
zählt, daß sie jahraus, jahrein sich nach Be⸗
Freude in die eine Hand die erste leise


