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465 Seelen, gehören dem Taglöhnerstande an. Es sind Leute, welche von der Hand in den Mund leben, denen ihre wenigen Kar⸗ toffeln und Frucht teils für Zinsen, teils für Steuern, teils für vorjährig erkaufte Brotfrucht gepfändet und versteigert sind, von welchen 16 Familien, also 80 bis 90 Menschen, schon in diesem Augenblick weder Kartoffeln noch Brot— und, was das Schlimmste ist, bei dem Man⸗ gel fast jeder Erwerbsquelle— mehr im Hause haben. Eine gleiche Zahl wird in vier⸗ zehn Tagen bis 3 Wochen ebenso weit sein, und von dem Ueberrest wird in 1 bis 2 Monaten niemand mehr auch nur eine Kar⸗ toffel im Hause haben. Brot kommt jetzt schon in manchen Haushaltungen nicht mehr seit Wochen vor. Ein Förster brachte neulich aus dem Walde einen viereckigen, schwarzen, schweren, harten Kloß mit nach Hause. Die Befragten hielten ihn anfangs für Torf. Bei näherer Betrachtung erkannte man es für Brot, bereitet aus Kleien und Runkel⸗ rüben. Aber diese armen Holzmacher, welche die Bäume 6—10 Fuß tief aus dem Schnee herausgruben, um des Tages viel⸗ leicht 6—9 Kreuzer zu verdienen, hatten doch noch dieses Surrogat von Brot. Brave Fa⸗ milienväter gestehen es aber oft mit Tränen und brennendem Schmerze, sie haben mit ihren Kindern seit einem Tage nichts ge⸗ gessen und wissen nicht, womit sie morgen. ihren und ihrer Kinder Hunger stillen sollen. Das Betteln hilft nur noch den durchtriebe⸗ nen Bettlern, die Anfänger in diesem Er⸗ werb gehen allmählich leer aus. Der be⸗ sitzende Bauer ist vielfach hart und gefühllos. Andererseits muß man ihn auch entschul⸗ digen. Er muß alle Lasten tragen, von allen Seiten wird er benagt. Er sieht auch seinen Ruin hereinbrechen, wehrt sich mit der Kälte und Apathie des im allgemeinen Schiffbruch nur noch an sich denkenden Egoismus. Noch lebt in dem Volke die Hoffnung, es werde ihm von Oben her geholfen werden,— wer ver⸗ möchte voraussagen, welchen Zuständen wir
in den nächsten Monaten entgegen gehen?“ „Es mag sein, daß mancher beim Anhören
dieser Schilderung ungläubig den Kopf schüt⸗
telt. Ich bin auch weit entfernt, verlangen zu wollen, daß man so ohne weiteres mir aufs Wort glaube, wo man bisher, dem Vernehmen nach, unsre Volkszustände ganz anders beurteilt hat. Aber das glaube ich in Anspruch nehmen zu dürfen, daß man in so ernster Zeir diese meine Schilderungen nicht verwerfe, bis man sie geprüft hat, an Ort
und Stelle geprüft hat.“ ö
Die Vergleichungspunkte der mitgeteilten Schilderungen der Vergangenheit mit der Gegenwart liegen auf der Hand trotz vieler grundsätzlicher Unterschiede, und deshalb haben sie wieder ein Gegenwartsinteresse ge⸗ wonnen, das ihnen in besseren Zeiten gefehlt halt. Auch ein gewisser Trost für die Zu- kunft ist in ihnen enthalten, der nämlich, daß
eine Besserung der Ernährungsverhältnisse auch eine Gesundung des an Leib und Seele kranken deutschen Volkes herbeiführen wird.
Johann Henrich Schaffstädts
Gießener Chronik 1776 1825.
(Fortsetzung.)
„Im Anfang August hat ein Milliter Leutnant namens Kronebolt bey dem Ka⸗ sino einem Student eine Ohrfey(Ohrfeige) geben. Derselbe hat den Leutnand heraus⸗ gefordert, hat sich oder(aber) nicht schlagen wollen, selbige Ohrfey hat solchen spittagel geben das d. 7ten August alle Studenten sind ausgezogen bis die Sach in Darmstadt außgemacht, sind die Studenten den Iten von hiessigem Stadtrath und Professer mir den Bürger Söhnen hereingebracht worden.“
„D. 7ten August hat sich des Unnyfer siedet Gärtners Sauer sein älster Sohn, wel⸗ cher geheurath geweßen obig der großen Mühl in der Lahn ertruncken.“
„D. Hten October hat das Militer die neue Erbautte Kasserne bezogen.“ Diese Kaserne ist die heutige Alte Klinik.
„D. 20ten Novem ist die Landwähr im gantzen Grosherzogthum wieder aufgehoben worden.“ Man hatte nach preußischem Muster 1815 auch in Hessen eine Landwehr begründet, die aber nicht in das Feld kam. Die Ausrüstung war von den Landwehr⸗ leuten selbst beschafft worden, oder die Ge⸗ meinden hatten mit ihren Geldmitteln ein⸗ gegriffen.
„D. 18ten Novem ist der Rathsdiener Flett durch einen unglücklichen Fall von einem Schößbock(Chaisebock) Tod geblieben ist vor denselben der Schuhmacher Grun⸗ nenberg Rathsdiener worden.“ Ratsdiener Peter Flett war nach der Angabe des Kirchenbuches bei seinem Tode 43 Jahre alt.
„D. Iten Dezem hat sich der Zimmer⸗ gesell Leun zu Tod gefallen. Von dem Stein⸗ hauer Dillen Haus vor dem Selßertor in dem Sichloch.“ Christian Leun war bei sei⸗ nem Tode, wie das Kirchenbuch ausweist, 27 Jahre alt.
1820.
„Auf das Neue Jahr hat der junge Mum⸗ mer die Molterwag müssen raumen, ist der gewesene Krämer Faber an dessen Platz kommen.“
„Von 1819 auf 1820 nach den Weinnacht sind alle Fliß so groß gewesen, das sie die von 1784 überstigen. In den Niderlanden ist großer Schaden dadurch entstanden.“
„D. 13ten Feber ist ein Prinz von Frank⸗ reich Namens Hertzog Berry von einem Sad⸗ lergesell Namens Loufel(Louvel) in Paris erstochen worden mit einem Dolch, d. Gten Juny ist derselbe durch daß Schwerd hinge⸗ richtet worden.“ 5
„D. Adten Feber hat sich ein Advogat Namens Böhm auf dem Kraffiliusberg er⸗ schossen.“
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