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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 29 Gießen, 5. Sonnt. n. Trinitatis, den 20. Juli 919
8. Jahrgang
Mond und Sterne. Psalm 8, 4 u. 5. deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast, was istd der Mensch, daß du sein ge⸗ denkest und des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst?
In diesen Tagen steht der Vollmond am Himmel, und glitzernde Sterne gehen wie immer ihre Bahn. Ob es in dieser Zeit, da die meisten Menschen sehr gute Rechenkünst⸗ ler sind und alles auf Erhöhung des Lohnes und Gehaltes gestellt ist, noch solche gibt, die in nächtlicher Stunde auch einmal zum Himmel aussehen? Fast scheint es, als ob diese Art ausgestorben sei, wir sind zu sehr Wirklichkeitsmenschen geworden, um uns noch mit den Gestirnen in unerreichbarer Ferne abzugeben. Die das tun, sieht man als Träumer und Phantasten an, als Men⸗ schen, die für das praktische Leben unbrauch⸗ bar sind. Und doch ist es deutsche Art, 5 stiller, schweigender Nacht einmal den Blick nach oben zu richten, wo die Gestirne da⸗ hingehen. Keiner hat den Mond schöner be⸗
1 e n 200 5 8 sungen als Klopstock, der im Gedanken an den Sterne! H. B.
seine früh dahingeschiedenen Freunde sagt: „Willkommen, o silberner Mond, Schöner„stiller Gefährte der Nacht! Du entfliehst? Eile nicht, bleib!
Wenn ich sehe die Himmel.
„Füllest wieder Busch und Tal Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz.“
Sodann aber weisen Mond und Sterne auch zu dem hin, der sie geschaffen hat. Eine sinnvolle Deutung des Psalms besagt, David habe dieses Gotteslied gesungen, als
er noch ein Hirte war und sich nachts auf der Weidetrift befand. Als er hierbei den
Mond und die Sterne auf sich hernieder⸗ leuchten sah, da sei sei ihm die Größe Got⸗ tes und die Nichtigkeit des Menschen so recht zum Bewußtsein gekommen und er habe ge⸗
sagt: Wenn ich sehe die Himmel, deiner Fin⸗ ger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast, was ist der Mensch, daß
du sein gedenkst und des Mcuscden Kind,
daß du dich seiner annimmst? Dem heute
lebenden Geschlechte geht mehr und mehr die
Fähigkeit verloren, Gott auch im Weltall
und in der Natur zu sehen. Das mag daran liegen, daß wir nicht mehr so unmittelbar
mit der Natur in Zusammenhang stehen wie
die Menschen vergangener Tage. Diesen war
es aus der Seele gesprochen, wenn der Psal⸗
mist Gott mit den Worten pries: Lobet ihn. Sonne und Mond, lobet ihn, alle leuchten⸗
zwei Berichte über die hungerjahre
Sehet, er bleibt; das Gewölk wallte
nur hin.“ Ein sehr bezeichnender Zug ist es, wenn
Ludwig Richter auf einem Bilde, daß die
deutschen Bürger auf dem Heimwege aus
dem Wirtshause darstellt, einen unter ihnen nach den Sternen schauen läßt, dieser eine
ist der deutsche Idealist und Gemütsmensch.
Es mag moderne Art sein, lieber nach Theaterkulissen, Schaufenstern und Kino⸗
films auszuschauen als nach dem nächtlichen
Himmel, an dem Mond und Sterne erstrah⸗
len, ob diese Art aber das Glücksempfin⸗ den und den Frieden im Menschen steigert, ist sehr fraglich. Wenn man den Mond an⸗ sieht, wie er in stiller ruhevoller Nacht seinen
Schein auf die Erde sendet oder bei Sturm und Wolkenbildung in unergründliche Tiefen
zu stürzen scheint, wenn man einmal den Gang der Sterne verfolgt, so zieht Friede in die Seele ein. Zwiespältiges wird ver⸗
1817 und 1847 im Odenwald mitgeteilt von Dr. Karl Esselborn⸗ Darmstadt.
Liest man Berichte über frühere Hungers⸗ nöte, so erscheint die jetzige, hoffentlich bald zu Ende gehende, wenn man die Sehen n telknappheit als solche 1 will, zwar viel allgemeiner über das Land verbreitet, aber infolge der Organisation auch mehr ver⸗ teilt, so daß die auf den Einzelnen fallende Lebensmittelmenge größer ist als früher. Da⸗ gegen unterscheidet sie sich durch den Grund ihrer Entstehung von der früheren. Bei die⸗ sen wurde ein Mißerntejahr durch die fol⸗
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gende bessere Ernte ausgeglichen, hier aber hat rohe, brutale Menschengewalt von Jahr zu Jahr eine Verschlimmerung herbeigeführt.
Der am 27. November 1862 verstorbene Geh. Reg.⸗Rat Ferdinand Karl Heinrich Beck— nach dem die Beckstraße in Darm⸗
stadt benannt ist—, der im Jahre 1817
söhnt, Dissonanzen verklingen, die Unruhe
eich aus dem Herzen, man erlebt, was Goethe erlebte, als er den Mond anredete:
Rat bei der damaligen zwischen den standes⸗ herrlichen Häusern Erbach und Löwenstein gemeinschaftlichen Justizkanzlei zu Michel⸗ stadt war, hat in seiner Schrift„Vierzig ⸗
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