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Steindrucker

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Sonntags gruß

emeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 42 Gießen, I8. Sonnt. n. Trinitatis, den JI. Oktober 1919 8. Jahrgang

Erntedankfest.

Pfalm 24, 1. Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdboden und was darauf wohnet. 8

Vor einigen Wochen ging ich eine Straße, die mir von meiner Knabenzeit her bekannt ist und auf der ich aus alter Anhänglichkeit in jedem Jahre einmal wandere. Sie führt den Unterlauf der Nahe entlang nach dem Rheine; man sieht auf der Wanderung die Berge aufragen, die bei Bingen den deut⸗ schen Strom umgeben. Links die Ausläufer des Hunsrücks, rechts das fruchtbare rhein⸗ hessische Flachland, derGau, wie man nach uralter Gepflogenheit heute dort noch sagt. Ueber den Fluren hinweg geht der Blick nach dem aus Weiden⸗ und Erlen⸗ gebüsch hervorschimmernden Spiegel des Flusses, der dort nach der Vereinigung mit dem Rheine strebt.

Als ich neulich diese Straße ging, war die Sonne hinter Wollen verborgen, es war schwül wie in einem Treibhause, die Gestal⸗ tung der Wolken ließ auf ein kommendes Gewitter schließen. Aber trotz der Schwüle war es eine erfreuliche Wanderung; denn Segen und Fruchtbarkeit war es, die mich umgaben; man glaubte, das Reifen der Feld⸗ früchte beinahe mit den Sinnen wahrzu⸗ nehmen. Das Getreide war schon nach Hause geschafft, und der Pflug ging wieder durch das Stoppelfeld. Langsam griffen die Pferde aus, angetrieben durch den Zuruf des Ackers⸗ mannes, und die Pflugschar stürzte die braunen Schollen um. Acker lag an Acker; das Feld war anzusehen wie eine Flurkarte, die der Geometer in bunten Farben ausge⸗ führt hat. Klee⸗, Rüben⸗ und Kartoffel⸗ felder reihten sich an die Aecker an, auf denen noch vor wenigen Wochen das goldene Korn in Wogen ging. Ueber und über waren die Obstbäume behangen, Kinder sam⸗ melten die herabgefallenen Früchte ein. Hinter mir ging das Gewitter einher, als ich durch das langgestreckte Dorf ging, wo in den Gärten Bohnen und Gurken aus dem Laubwerk herborsahen. wo der Dreschflegel⸗ takt zu hören war und die Dreschmaschine summte. Ein herzerfreuender Ton dieses Summen der Maschine, dieses Stoßen und Schüttern des Dreschwagens, es klingt ein Lied daraus hernor, und das Lied heißt: 9 915 Brot die Fülle für das kommende Jahr.

Endlich hatte das Gewitter mich eingeholt Blitz und Donner in rascher Aufeinander⸗ folge, vor dem Regen suchte ich Schutz unter

einem vorspringenden Dache. Ich machte mich von dem los, was uns jetzt Sorge macht, von Teuerung, Schiebertum, Wucher, Unredlichkeit und Kohlennot, und dachte nur dem nach, das ich gesehen hatte, der Fruchtbarkeit der Erde, der Fruchtbarkeit, die von Gott gewirkt ist. Ist er doch der Herr der Erde, von dem das alte Gotteslied sagt: Die Erde ist des Herrn und was da⸗ rinnen ist, der Erdboden und was darauf wohnet. In seiner Hand ruht Saat und Ernte, Sommer und Winter, Wachstum und Gedeihen.

Als ich zurückwanderte, schien wieder die Sonne, und alles strahlte im Abendlichte. So war es in dieser Landschaft schon vor 35 Jahren, so war es auch schon vor einem Jahrtausend. Die Regierungen haben dort einander abgelöst, die Dynastien haben gewechselt, Gottes Schöpfung ist dieselbe geblieben, und mir ging auf meinem Abend⸗ 1 5 Schillers erhabenes Wort durch die Seele:

Ewig wechselt der Wille den Zweck und die

egel, In ewig wiederholter Gestalt wälzen die a 1 Taten sich um. Aber jugendlich immer, in immer veränderter

chöne, Ehrst du: fromme Natur, züchtig das alte

esetz.

Immer dieselbe, bewahrst du in treuen Händen dem Manne,

Was dir das gaukelnde Kind, was dir der Jüngling vertraut,

Nährest an gleicher Brust die vielfach wech⸗ selnden Alter:

Unter demselben Blau, über dem nämlichen Grün

Wandeln die nahen und wandeln vereint dik fernen Geschlechter,

Und die Sonne Homers, siehe! sie lächelt auch uns. B.

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.

16. Aus meiner Jugendzeit. Von Georg Todt. (Fortsetzung.)

Daß es bei dem lebhaften Verkehr, wie er in den 50er und 60er Jahren am Wall⸗ tore herrschte, dort nicht an Bäckereien, Metz⸗ gereien und Wirtschaften fehlte, will ich durch Nennung einiger Namen noch beweisen. Wir beginnen am Lindenplatze mit dem Frank⸗ furter Hofe, der im Besitze von Emil Schmall war. Daran schloß sich die große Schmiede