Ausgabe 
14.9.1919
 
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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 37 Gießen, I3. Sonnt. n. Trinitatis, den 14. Septbr. 1919 8. Jahrgang

Die Kirchgänger.

Psalm 84, 2 u. 3. Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth! Meine Seele verlanget und sehnet sich nach den Vorhöfen des Herrn; mein Leib und Seele freuen sich in dem leben⸗ digen Gott.

Ich saß am Sonntagmorgen, bevor der Gottesdienst seinen Anfang nahm, auf einer Bank neben der Kirche. Dort, wo ich saß, breitete sich einst der Friedhof aus, auf dem in alter Zeit die Dahingeschiedenen zur Ruhe kamen. Große Grabsteine mit langatmigen Inschriften in verschnörkelter Schrift lehnen an der Kirchenmauer und geben von Menschen Kunde, die, als sie noch lebten. zu den Vornehmen der Stadt ge⸗ rechnet wurden, deren Gebein nun aber in der Erde modert. Neben dem Kirchhofe rauschte der Fluß, über mir rauschten die

grünen Blätter der Linden und Platanen.

Als ich so da saß, sah ich die Kirchgänger herankommen und durch die Kirchtür in das Gotteshaus gehen. Es waren stille, feierlich gestimmte Menschen. Irre ich nicht, so ist von den Hochgestellten der Erde, von denen, die durch Kriegsgewinn zu ungeheu⸗ rem Reichtum gekommen sind, von denen, die jetzt über andere zu gebieten haben, nie⸗ mand unter ihnen gewesen, aber es war auch niemand unter ihnen von denen, die in schlechten, schmutzigen Wohnungen hausen, die nicht arbeiten, die ihre Kinder verkom⸗ men lassen. Der gute deutsche Mittelstand, der Stand, der den Staat hebt und trägt, der nutzbringende Arbeit schafft, dessen Söhne für das Vaterland gefallen sind, der Stand, der an deutscher Art und Sitte festhält, er ist es, der die Kirchgänger stellt. Ruhig und friedlich gingen diese Men⸗ n an mir vorüber: ernste Männer, stille Frauen, die Kinder an der Hand führten, Jünglinge, deren Gesichtsausdruck von gei⸗ stigem Streben Kunde gab, Jungfrauen, deren offenes Auge auf Herzensfrömmigkeit und Gemütsleben hindeutete. Einzeln und truppweise kamen sie, bis das Geläute vom Turm einsetzte und ich, mich dem dichter werdenden Menschenstrome anschließend, die Kirche betrat. 5 8 Für mich haben die Kirchgänger, die am Sonntagmorgen zum Gotteshause gehen, etwas so Friedliches, Herzerfreuendes, Stim⸗ mungsvolles. Eine gewisse Weihe liegt über ihrem Wesen, man sieht es ihnen an, daß sie den Frieden einer höheren Welt suchen und sich Mühe geben, Gottes Gebote zu

erfüllen. Man sieht es ihnen auch an, daß sie den anderen Menschen Liebe und Treue entgegenbringen. Ein Glück verleiht ihnen dieser stille Kirchgang, das viele in der Welt nicht kennen, das Glück, ganz eins zu sein mit Gott, mit ihm in seliger Gemeinschaft zu leben.

Es gibt viele im deutschen Lande, die am Sonntagmorgen nicht zur Kirche gehen. Viele bringen den Sonntagvormittag mit Arbeit zu, tragen mit den Werktagskleidern am Tage des Herrn auch die Werktags⸗ sorgen weiter. Andere drängen sich an die Fahrkartenschalter, stehen in den überfüllten Abteilen der Eisenbahnzüge, wandern, wäh⸗ rend die Glocken aus dem Tale klingen, über die Berge, sitzen dann im unruhigen Wirtszimmer, ärgern sich über die anderen Menschen und streiten mit ihnen. Wieder andere drängen sich am Sonntagmorgen durch die Museen, betrachten Bilder, alte Geräte und alte Kleider. Das ist ja gewiß interessant, aber eine aus dem 16. Jahrhun⸗ dert stammende Truhe, die Uniform, die einst in der friederizianischen Zeit ein kleiner Fürst getragen hat, stimmen die Seele am Sonntag nicht zur Freude und nicht zum Frieden. Wie groß war einst bei den Men⸗ schen, die in den letzten Jahrhunderten vor Christi Geburt im jüdischen Lande gewohnt haben, die Liebe zum Gotteshause und die Freude an der Feier des göttlichen Ruhe⸗ tages! Als die Tapfersten des Volkes in der Ferne und in der Gefangenschaft weilten, gingen ihre Gedanken immer westwärts zu dem Tempel auf Zion und zu den frohen Wanderzügen, die sich von Nord und Süd nach diesem Tempel in Bewegung setzten. Ihnen kam es aus tiefstem Herzen: Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Ze⸗ baoth! Meine Seele verlanget und sehnet sich nach den Vorhöfen des Herrn mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. H. B.

Geh aus, mein Herz und suche Freud. Von Dr. Karl Esselborn.

Die Zeit ist freudlos geworden. Viele suchen die Freude und finden das Ver⸗ gnügen. Oft das berauschende, sinnverwir⸗ rende. Die Freude ist die Sonntagsstimmung der Seele. Die kann das Vergnügen nicht geben, eher ist es Aschermittwochstimmung, die es auslöst. Wer sich freut, hofft zuver⸗ sichtlich oder steht erfüllten Hoffnungen gegenüber. Ueber der Zukunft scheint ein

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