Ausgabe 
12.1.1919
 
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M. Arndt. bleibt Gott Lavater.

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deblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

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Hr. 2 Gießen, J. Sonntag n. Ep., den J2. Januar 1919 Jahrgang 1

Predigt', das Gr 1 unseres Glückes, unserer

ö 1 Neufahrstage 1919 in der guten Zeit, sie waren das Grabgeläute der

gehalten e ant Gießen. in der Herrlichkeit unseres Vaterlandes; diese

Hosea 6, 1. Kommt, wir wollen wieder zum Herrn; denn er hat uns zerrissen, er

wird uns auch heilen; er hat uns geschlagen, er wird uns auch ver⸗ binden.

In den hinter uns liegenden Weihnachts tagen las ich die 1819 enderinnerungen, die der elsassische Dichter Friedrich Lienhard vor einigen Jahren veröffentl icht hat. Besonders eindrucksvoll ist mir darin eine schienen, in der der Verfasser berichtet, wie er als Student die Silvesternacht 1885/86 verbracht hat. Mit seinem Bruder und einem Freunde wachte er bis Mitternacht, dann gingen die drei vor das Dorf und lauschten an einer Ruhebank auf einem Hügel zwischen

12 und 1 Uhr dem Glockenläuten der be⸗ nachbarten Dörfer. Es ist etwas sehr Feier⸗

liches, in der stillen Winternacht, wenn das Jahr sich wendet, dem Glockenläuten zu lauschen, das von verschiedenen Kirchtürmen kommt. Eine Glocke gibt der anderen Ant⸗ wort; zur Mitternachtsstunde, wenn sonst alles in den Dörfern im tiefen Schlafe liegt,

wenn es so still ist, daß man das Ticken der Turmuhr und das Flügelrauschen der um

den Turm schwirrenden Eulen vernimmt,

Stelle er⸗

Herrlichkeit ist nun versunken. Aber wie Ver⸗ zweiflung und kleinmütiges Zagen niemals Sache des Christen sind, wie unmutige La⸗ mentationen nicht mit dem Gl lauben an die Ueberwindung der Welt durch Jesus überein⸗ stimmen, so war dieses Geläute doch nicht

nur Grabgeläute, es war uns auch ein Mor⸗

genweckruf, und wir wollen denn dem neuen 1 5 das wir durch die Gnade Gottes er⸗ leben dürfen, gegenübertreten mit den glau⸗ bensstarken Worten des gemütvollen eng⸗ lischen Dichters Tennyson:Läut' aus, was alt, läut' ein, was neu, läut' aus, was f f. alsch,

läut' ein, was treu, läut' aus den 5 5 Geiz

alles, was uns das Herz 1 und

sund Neid, läut' aus den alten Zank und Streit, läut' ein Mannestat, tapfer und rei, dazu Christum, der in uns mächtig sei! Wir wollen an der Pforte eines neuen Jahres er⸗ das treue Vaterherz unseres

schüttert, an

Gottes legen und nach dem alten Propheten⸗

er wird uns auch!

klingt der metallene Mund der Glocken über

das öde Feld und ruft den Menschen zu: Zeit vergehet Jahr um Jahr, Gottes Huld bleibt immerdar. Diesem Klang haben auch wir in der vergangenen Nacht gelauscht, und zwar mit tief ergriffenem Herzen. Die Glocken dieser Silvesternacht klangen uns wie Grab geläute. Rundum in Europa läuteten sie über Gräber, über Kirchhöfe o groß, daß Mauern sie nicht 5 1 über Gräber, in die man die Blüte r Menschheit gebettet hat. Sie läuteten hinein in so manche einsame Kammer, in der eine Mutter oder eine verlassene Witwe, während ihr die Tränen über das Antlitz lichem Gedenken an den für sein 0 in den Tod gegangenen Sohn oder Ehe⸗ mann die Hände zum Gebet gefaltet hat. Die Glocken dieser Silvesternacht waren auch

Vaterland

In unserem Gemeindeblatte werden sonst grundsätzlich Predigten nicht abgedruckt; di Veröffentlichung dieser Predigt, die

ie 14

sich durch die Zeitumstände rechtfertigen.

H. B.

uns n vied

rannen, in herz⸗

worte handeln:

sere

Kommt, wir wollen wieder zum Herrn; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heile en, er hat uns geschlagen, verbinden. Dieses Wort

gliedert sich ungezwungen in drei Teile. Es sagt von der Vergangenheit: Gott

hat uns zerrissen und geschlagen, es gibt uns für die Gegenwart den Ent⸗ schluß in das Herz: wir wollen wieder zum 1 85 s verheißt uns für die Zukunf heilen und verbinden

1.

Wir beginnen das Jahr 1919 unter un⸗ 1 traurigen Aussichten. Ein Stachel drückt sich uns schmerzhaft tief verletzend in das Gemüt, dieser Stachel heißt: wir haben den Krieg verloren, wir sind geschlagen. Un⸗ Niederlage ist größer und nachhaltiger als die Preußens im Jahre 1806 und die Frankreichs im Jahre 1871, die Folgen dieser Niederlage werden wir, unsere Kinder und Kindeskinder zu tragen haben. Wir sind gesch lagen, aber wir sind auch zerriss sen. Am

Deutschen Reiche klaffen bedenkliche Sprünge,

er wird

er

dusere nationale Einheit ist schwer bedroht.

der Herr geschlagen und zerrissen habe. auf Wunsch von Gemeindegliedern geschieht, mag N Zweifel!

Der Prophet sagt von seinem Volke, daß es Gilt dies auch von unserem Volke, daß des Herrn Hand es geschlagen und zerrissen hat? Ohne Wie kein Haar von unserem Haupte

und kein Sperling vom Dache fällt ohne den