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Sonntagsgruß
Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 6 Gießen, 5. Sonntag n. Ep.,
den 9. Februar 1919 8. Jahrgang
Deutsche Pflichterfüllung.
1. Brief des Apostels Paulus an die Thessa lonicher 4, 11. Ringet darnach, da ihr stille seid und das Eure schaffet.
Im Herbst 1872 ist zu Kreuznach ein sebensmüder Mann in das Grab gesunken, der Gymnugsialprofessor Gottlieb Grabow. Er war kein Mann von Weltruf, aber an einem Wirkungsorte wird sein Name nun seit beinahe einem Jahrhundert mit Ehren genannt. Männer, deren Haar längst 4 geworden ist, preisen ihn heute noch als n früheren Lehrer und haben seinen
amen auch den späteren Generationen be⸗ kannt gemacht. Grabow war am 7. November
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1793 zu Garz an der Oder geboren, hatte den Krieg von 1813 und 1814 als Frei⸗
williger im Pommerschen Grenadier-Ba⸗ taillon mitgemacht und war 1815 als Leut⸗ nant im 4. Rheinischen Landwehr⸗Regiment abermals in das Feld gezogen. Als die Franzosen im Jahre 1830 mit einem An⸗ griffe auf das linke Rheinufer drohten, meldete er sich, obwohl eine Nenßliche Ver⸗ pflichtung längst nicht mehr für ihn bestand, zum Wiedereintritt in das Heer. Von 1821 bis 1867 war dieser Mann am Kreuznacher
Gymnasium als Lehrer der Mathematik und Physik angestellt; er war ein hervor⸗ ragender Vertreter seines Faches, eine
wissenschaftlich durchgebildete Perfönlichkeit und vorbildlich in der Handhabung der Schulzucht. 1 5 christliches Glaubensleben soll er nicht viel Verständnis gehabt haben, aber er war ein Mann aus der Kantischen Schule, ungemein treu und pflichtbewußt. Ein Schulmann sagt von ihm, daß rücksichts⸗ lose pommersche Herbigleit und Hartnäckig⸗ keit ihn sein ganzes Leben lang charakteri⸗ siert hätten und daß er die ganze Zeit seine Schüler sür seine Unterrich'sfächer in An⸗ spruch nehmen wollte. Dieser deutsche Ju⸗ gendbildner ging ganz in seinem Berufe auf. Als er im Alter von 74 Jahren in den Ruhestand trat, wurde ihm feuntwerständdich ein Ruhegehalt zugebilligt. Da schrieb der an ein einfaches Leben gewöhnte, bedürf⸗ nislose Mann an die Regierung zu Koblenz, daß er sich mit einem Teile des Ruhegehalts begnüge.
Was an dem Charakter dieses Mannes in die Erscheinung tritt, das ist ganz und gar altpreußische Art. Daß das altpreußi⸗ sche Wesen seine großen Mängel hatte, soll gewiß nicht verkannt werden. Preußen ist
keitsstaat regiert, man kannte in Preußen nur Obrig⸗ keit und Untertanen, hatten über ihre eigenen Angelegenheiten nicht mitzureden.
entstanden,
ch zu lange und zu ausschließlich Obrig⸗
gewesen, das Volk wurde nur
und die Untertanen
i Der preußische Militär⸗ dienst war voll von Härten, wie man das in
ö Süddeutschland früher nicht kannte, und der
Ton, den die Altpreußen, besonders im dienstlichen Verkehre anschlugen, hat diesem Staate unendlich geschadet. Aber Preußen ist allezeit das Land der Pflichterfüllung gewesen; Beamten, Offizieren und Soldaten ging die Pflicht über alles, und das Land zwischen Elbe und Oder ist das Land zäher Arbeit gewesen. Was fanden die Hohen⸗ zollern vor, als sie in die Mark kamen?
Ein armes, unfruchtbares, von der Natur mahrlich nicht gesegnetes Gebiet: weite Sandflächen, ausgedehnte Sümpfe, spär⸗
lichen Kiefernwuchs. Es fehlte der Mark der Reiz der schönen Landschaft, auch der milde Schein der Sonne. Weder hatte sie volkreiche Städte noch ergiebiges Ackerland. Aus diesem von der Natur so kärglich bedach⸗ ten Lande hat treue Pflichterfüllung ein blühendes, reiches Gefilde geschaffen. Heute ist dieses norddeutsche Territorium reich an wirtschaftlichen Exrungenschaften, Handwerk und Gewerbe haben dort große Erfolge errungen, blühende Geme inwesen sind da wo einst die Raubritter hinter dem Busche auf vorüberziehende Kaufleute lauerten, und das hervorragendste Heer
der Welt ist im Lande, das man einst des
„Heiligen römischen Reiches Streusand⸗ büchse“ nannte, herangebildet worden. Diese
preußische Pflichterfüllung ist dann zur
„d deutschen Pflichterfüllung geworden; der zum
bequemen Leben neigende Süden hat in dieser Peziehung vom deutschen Norden gelernt. Wohin ist jetzt die deutsche Pflicht- erfüllung gekommen? Tausende von Men⸗ schen wollen nicht mehr arbeiten, oder sie stellen, ehe sie die Arbeit aufnehmen, an den Staat und die Arbeitgeber Forderun⸗ gen, deren Erfüllung die Allgemeinheit auf das schwerste bedrohen und unsere ganze Zukunft in Frage stellt. Viele bedenken jetzt nicht, daß sie sich selbst auf das schwerste schädigen, wenn sie nachlassen in der Treue und in der Pflicht. Woraus ist diese heillose Umwandlung zu erklären? Man tut Unrecht, wenn man die Deutschen von heute einfach schilt und mit herab⸗ setzenden Bezeichnungen Seatbm arg Zweierlei scheint die beklagenswerten Er⸗ scheinungen dieser Tage hervorgerufen zu


